Boulderhalle, Techno-Club, neue Schule? Große Pläne in Neustadt | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 16.11.2023 07:00

Boulderhalle, Techno-Club, neue Schule? Große Pläne in Neustadt

Der Verein „Kontrastprogramm“ veranstaltet in der Alten Ziegelei ab und an auch Raves, technoide Tanzveranstaltungen also. (Foto: Kontrastprogramm)
Der Verein „Kontrastprogramm“ veranstaltet in der Alten Ziegelei ab und an auch Raves, technoide Tanzveranstaltungen also. (Foto: Kontrastprogramm)
Der Verein „Kontrastprogramm“ veranstaltet in der Alten Ziegelei ab und an auch Raves, technoide Tanzveranstaltungen also. (Foto: Kontrastprogramm)

Wer den Hügel zur ehemaligen Ziegelei hinauffährt, wird überrascht. Türkise Farbe, güldene Schrift: ein Kurzausflug ins Märchenland. Ein solches soll auch entstehen, auf dem rund zwei Hektar großen Areal der Alten Ziegelei in Neustadt – samt freier Schule und Halle mit Kulturprogramm.

Ihren rauen Charme haben die Gebäude behalten – das Rot der Ziegelsteine, die industrielle Ausstrahlung. Die harte Arbeit, die Überbleibsel aus früheren Zeiten: „Das Gelände war sehr männlich“, sagt Investor Hansi Denterlein. Entsprechend sieht er seinen Auftrag darin, ihm mehr Weiblichkeit einzuhauchen. „Beides wird auf dem Gelände vereint.“

Denterlein nimmt den Bestand und „veredelt“ ihn, erklärt Architekt Philipp Rottammer. Auf kreative Art. Die kleine Eingangstüre schützte etwa früher einen Tresor. Denterlein will auf dem Areal seine Ideale ausleben. Er zeigt auf eine Malerei an der Wand. „Land der Sonne“. Flüsse, Auen und Gebäude befinden sich dort im Einklang. Organisch stellt sich der Neustädter die Idealwelt vor, grün. Eine Symbiose mit der Natur.

Alte Ziegelei in Neustadt/Aisch hat jetzt schon Nutzer

Die Alte Ziegelei ist gewissermaßen ein Lebensprojekt, an dem auch seine Kinder noch Spaß haben werden, davon ist Hansi Denterlein überzeugt. Im Hauptbau ist schon Leben eingezogen: Ein Medizintechniker hat hier sein Domizil, eine Werbeagentur, eine Fotografin. Ansonsten haben sich auf dem Areal noch eine Hundeschule und ein alternatives Fitness-Studio angesiedelt – und auch das Hauptquartier von Denterleins Immobilienunternehmen residiert hier. Räumlichkeiten für Feiern sind mietbar, erst neulich habe ein Abitur-Jahrgang eine Party organisiert. Alles entwickelt sich nach und nach. Eile hat Denterlein nicht.

Wobei das streng genommen auf ein Projekt, das sich Denterlein und Rottammer in den Kopf gesetzt haben, nicht zutrifft: auf eine freie Schule. Spätestens zum Schuljahr 2026/2027 soll sie öffnen. Ein Hauch Montessori und eine Prise Waldorf. Das Duo will das Beste aus allen Welten vereinen, aber sich nach Möglichkeit selbst an keinen Verband binden. Schon eine Weile träumt Denterlein von einer solchen Schule auf dem Ziegelei-Areal. Er habe auch mit den Behörden schon konstruktive Gespräche geführt. Aber letztlich „kommt es auf die Unterstützung an, es muss nicht Neustadt werden“.

Bedarf in Neustadt für eine freie Schule?

Der Bedarf jedenfalls sei da, die nächsten ähnlichen Einrichtungen finden sich in Herzogenaurach und Uffenheim. In Neustadt klafft eine Marktlücke. „Man braucht eine treibende Kraft“, sagt Rottammer. Die ist mit Denterlein gefunden, Interessenten gebe es genug. Eine „projektbezogene Schule“ wünscht sich der Kult-Friseur. Schluss mit dem „Bulimie-Lernen. Wir haben genügend Theoretiker.“

Entsprechend will Denterlein voll auf Praxis-Inhalte setzen. Den Start könnte er sich mit einem Büro- oder Hafencontainer vorstellen, die Schülerinnen und Schüler sollen dann ihre Einrichtung selbst planen und mit Hilfe von Partnern auch umsetzen. Die Schule wächst sozusagen mit. Auf dem Gelände herrscht ohnehin „ständige Baustelle“.

„Man muss auch mal was Alternatives ausprobieren,“ sagt Denterlein und betont, die Schule soll autark werden. Der Nachwuchs müsse lernen, dass Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, sondern so viel mehr dahintersteckt. Lernen fürs Leben und nicht nur für die nächste Schulaufgabe, so stellt sich das Duo besagtes Projekt vor.

Location eignet sich für Techno-Events

Der Rundgang führt weiter. Über einer Tür steht „0“: das Klo. „Für männlich, weiblich, außerirdisch“, sagt Denterlein. Im Feiersaal des Hauptgebäudes ist Atlantis in eine Weltkarte eingezeichnet. Der Neustädter hat ein Faible für Mythologie und Geschichte. Frühere Hochkulturen waren oft weiter als wir heutzutage, sagt er. Das fasziniert ihn. „Heilung auf allen Ebenen“ ist ein weiteres Kunstwerk überschrieben, im Innenhof. Hier führen Falke und Maus, Frau und Natur friedlich Koexistenz. Ein Baum lenkt das Raumschiff. Eine utopische Welt. Oder?

In der großen Halle hängen Regenschirme von der Decke, Timetables – wann welcher DJ auflegt – an der Wand. Überbleibsel vom letzten Rave – eine Tanzveranstaltung mit elektronischer Musik. Das Techno-Kollektiv „Kontrastprogramm“ und die „Raving Monkeys“, beide aus Nürnberg, hatten schon intern geladen – über geschlossene Gruppen der Szene. Selbst Berliner waren zu Gast. Der Abend im „Tunnel“, wie die Bühne heißt, habe ihn fasziniert – die Atmosphäre, das Licht, die Musik: Wie in einer anderen Welt habe er sich gefühlt, so Denterlein. Jedoch war der Aufwand enorm: Über Wochen wurde dekoriert, dann abgebaut.

Weihnachtsmarkt, Konzerte und Raves

Die Menschen hinter Kontrastprogramm haben „eine gewisse Erfahrung, das sind Jungs, die machen auch was und reden nicht nur“. Sie haben noch weitere gute Ideen – und die große Halle auf dem Ziegelei-Gelände könnte zur neuen Kontrastprogramm-Heimat werden, ein Mietverhältnis steht im Raum. Ein alternativer Weihnachtsmarkt ist in Planung, Konzerte, Raves. „Das ist alles denkbar“, ist Rottammer durchaus zuversichtlich. Noch allerdings ist eine Hürde zu nehmen. Aktuell ist die Ziegelei noch als Gewerbegebiet ausgewiesen. Da der neue Schwerpunkt jedoch auf der Kultur liegen soll, „müssen wir davon wegkommen“, erklärt Architekt Rottammer. Auch „bauliche Ergänzungsmaßnahmen“ seien nötig.

Geplant ist zudem eine Hackschnitzelanlage für die Wärme. Und Denterlein hat Wind von einer Kletterhalle bekommen, die schließt und noch ganze Wände abgibt. Eine solche will er sich für die Ziegelei sichern – für die Kinder der späteren Schule. Denn eine eigene Boulderhalle, wie er sie einst geplant hatte, sei derzeit unrealistisch – mit Blick auf die Zinssituation. Ein Märchenland entsteht, im Land der Sonne.

north