Ouvertüre, Solistenkonzert und Symphonie – klassischer kann man das Programm eines Orchesterkonzertes nicht anlegen. Beim Neujahrskonzert des Ansbacher Kammerorchesters brach Andreas Weiss, der Dirigent des Abends, mit der gewohnten Ordnung. Das Solistenkonzert rückte ans Ende. Das war gut. Es gab dem Programm eine eigene innere Dynamik.
Lange applaudierte das Publikum im fast vollbesetzten Onoldiasaal nach den Schlussakkorden von Ludwig van Beethovens fünftem Klavierkonzert. Es feierte das Ansbacher Kammerorchester, Andreas Weiss und den Pianisten Dirk Mommertz und schien auf eine Zugabe zu hoffen. Aber weder das Kammerorchester noch Mommertz wollten eine geben. Das war verständlich; nach dem Es-Dur-Konzert ist alles gesagt. Was soll da noch kommen?
Vielleicht aber war Dirk Mommertz auch nicht zufrieden mit seiner Interpretation. Das wäre ebenfalls verständlich, denn nicht jeder Oktavgang glückte ihm makellos, nicht jede Sechzehntel-Passage besaß die wünschenswerte Klarheit. Der Münchner Kammermusik-Professor nahm mit anderen Qualitäten für sich ein. Er empfahl sich als Primus inter pares.
Da saß am Flügel kein kaltblütiger Hypervirtuose, der donnernd alles dominiert, sondern ein Pianist, der partnerschaftlich und aufmerksam mit dem Orchester agierte, der energisch, farbig und gesanglich gestalten kann und das symphonische Ganze im Blick hatte. Zusammen mit dem umsichtigen Dirigat von Andreas Weiss wurde das Es-Dur-Konzert dann eben doch zum Hauptwerk des Abends. Man folgte gespannt, wie sich das Verhältnis von Solist und Orchester, von Individuum und Kollektiv immer wieder neu ordnete.
Das Ansbacher Kammerorchester, bläserverstärkt wie üblich beim Neujahrskonzert, brachte, wo nötig, Kraft und Schneid mit. Ihre Stärken entfalteten die Streicher im langsamen Satz. Sie schufen die atmosphärische Grundlage. Andreas Weiss nutzte sie in seiner Deutung, um eine Balance zwischen innerer Bewegtheit und Entrückung herzustellen. Der Satz scheint ja in andere Dimensionen zu blicken und ein Stück über dem Boden zu schweben. Das kam gut heraus, auch im Solopart, ohne das Tempo weihevoll zu verschleppen.
Sehr anschaulich glückte der Übergang zum Finale: Der Bass rutscht da im Orchester einen halben Ton tiefer. Die Füße berühren wieder die Erde. Das Klavier erwacht wie aus einer Trance. Weiss und Mommertz gestalteten die wenigen, aber bedeutungsvollen Takte so, dass sie zum Ereignis wurden: Fagotte und Hörner waren präsent, die Klavierfarben traumverloren, die Rondo-Takte darauf elektrisierend.
Die erste Programmhälfte war auf eine andere Art nicht weniger ambitioniert, was die Werkauswahl angeht. Franz Schuberts C-Dur-Ouvertüre im italienischen Stil und Georges Bizets C-Dur-Symphonie sind beides Werke, die wieder einmal bewiesen, wie schwer das Leichte ist. Andreas Weiss forcierte nichts. Das Ansbacher Kammerorchester konnte die Charakteristika der Werke gut und transparent darstellen, in den Violinen aber eher angeraut als leuchtend.
Schuberts Rossini-Hommage ruhte in sich. Sie hatte Humor und Anmut. Bizets hinreißende Jugendsymphonie besaß Charme und Agilität. Treffend gelang der rustikale Mittelteil des Scherzos. Zum Blühen brachte Andreas Weiss mit dem Kammerorchester zuvor den langsamen Satz. Fein auch, dass die kleine Fuge, die der 17-Jährige hier eingebaut hat, nicht wie eine akademische Hausaufgabe klang, sondern so delikat artikuliert war, als zwinkere einem der junge Bizet vergnügt zu: Schaut her, horcht hin, das kann ich auch.