Es ist Markttag in der Altstadt, und normale Autos haben im Slalom zwischen den Ständen keine Chance. Doch mitten durchs Gewühl kämpft sich scheinbar mühelos ein Dreirad, das die Läden hier am Laufen hält, weil es den Nachschub bringt. Hochbeladen mit Obst und Gemüse, frischen Speisen oder allerlei Kurzwaren bahnt es sich seinen Weg durch das Chaos. Es teilt die Masse, die sich direkt hinter ihm wieder schließt und der Trubel geht weiter.
So war's schon immer auf italienischen Märkten, egal ob in Palermo oder in Florenz. Und so könnte es auch heute noch sein, wenn die EU-Bürokraten in Brüssel der legendären Ape (ital. für „Biene“) nicht den Garaus gemacht hätte, weil ihre Motoren nicht mehr die neuesten Normen erfüllen und ihr Sicherheitsnetz zu große Lücken hat.
Deshalb spielt diese Marktszene zwar im Sommer 2026. Aber sie spielt nicht mehr in Italien, sondern rund 2.000 Kilometer weiter südwestlich auf der anderen Seite des Mittelmeers. Denn hier in Marokko hat Fiat den Faden wieder aufgenommen und eine neue Interpretation der Ape auf die Räder gestellt.
Diese soll sich jetzt im Norden Afrikas warmlaufen und im nächsten Jahr auch nach Europa kommen. So wie die Italiener schon Fiat 500 und Panda wiederbelebt haben, wollen sie auch diese Ikone retten. Der Name ist dabei Programm: Tris heißt der Wirbelwind, weil auch er nur drei Räder hat.
Auch sonst ist vieles wie immer, seit Piaggio 1948 in Pontedera das Erste von über zwei Millionen fleißigen Bienchen gebaut hat: Der Fahrer sitzt auf einem Sessel, der eher ein Schemel ist, in einer windigen Kabine ohne Türen und hat vor dem Bauch nicht viel mehr als einen Mofalenker mit Handgas und einem winzigen Pedal für die Bremse, das aus dem dünnen Bodenblech ragt.
Einzig die digitale Anzeige in der kleinen Plastikbüchse hinter dem Lenker und die Halterung für das Smartphone zeugen von der Neuzeit.
Und natürlich der Sound. Denn wo die alte Ape mit ihrem Zweitakt-Motor geknattert hat wie ein ganzer Schwarm wild gewordener Bienen, summt der Tris jetzt politisch korrekt rein elektrisch. Und schwirrt damit fast geisterhaft durch das Tohuwabohu in der Medina von Casablanca. Das sehen die Italiener auch daheim in Catania oder bei uns in Coburg und Chemnitz als wichtiges Verkaufsargument. Denn gerade in den Innenstädten hat Elektromobilität ohne Lärm und ohne Emissionen ganz unmittelbare Vorteile.
Wobei das mit der gespenstischen Stille so eine Sache ist. Zumindest im Chaos von Casablanca. Denn was der Tris an Motorsound spart, macht er mit seiner Hupe mehr als wett. Und die braucht man auch, wenn man sich seinen Weg über den Markt bahnen will. Doch für so ein kleines Auto macht das Horn einen großen Eindruck, und entsprechend schnell geben die Passanten den Weg frei.
Natürlich muss man ein bisschen aufpassen in dem Wirrwarr und darf nicht vergessen, dass ein Dreirad vorn schmaler ist als hinten, weil man sonst viele Stände abräumt und Hauswände ankratzt. Aber wer sich erst mal an den Mofa-Lenker vor der Brust und das Handgas gewöhnt hat, der genießt den winzigen Wendekreis und hat schnell buchstäblich den Bogen raus.
Und weil das rustikale Fahrwerk weder vor Schlaglöchern zurückschreckt noch vor Bordsteinkanten, kennt der Tris auch keinen Stau und kommt irgendwie immer voran.
Mag ja sein, dass der Tris auf dem Papier Blech und Plastik gewordene Tristesse verspricht. Schließlich hat er nur 12 PS und bietet 45 Nm maximales Drehmoment an. Zudem ist er, damit ihn auch schon 15-Jährige mit der Führerscheinklasse AM fahren können und sich Fiat Dinge wie Airbags oder ESP sparen kann, auf maximal 45 km/h limitiert. Da reicht, so die Idee der Entwickler und der Brüssler Bürokraten auch ein Sicherheitsgurt.
Aber im Stadtverkehr stört das nicht, und mit der spontanen Beschleunigung der Stromer wirkt der Tris wieselflink und das fleißige Bienchen surrt schneller durch den Verkehr als alle anderen.
Dabei hat es bisweilen viel zu schleppen: Gerade mal 3,17 Meter lang und keine anderthalb Meter breit, gibt es den Tris in Marokko erst mal nur mit einer offenen Pritsche, die groß genug ist für eine Europalette. Später wollen die Italiener auch einen Kastenaufbau anbieten. Und obwohl der Tris gerade mal knapp 500 Kilo wiegt, kann er 540 Kilo schultern - kein Wunder, dass die Händler in der Medina vor Neugier fast platzen.
Erst recht, wenn sie hören, dass der Tris umgerechnet nur knapp 5.000 Euro kostet, während Dacia für den Sandero als meistverkauftes Auto in Marokko mehr als das Doppelte verlangt. Auch bei uns soll der Tris zum Preisbrecher werden, selbst wenn's nicht ganz so billig wird: in Deutschland dürften es am Ende etwa 10.000 Euro sein.
Möglich macht das eine radikal vereinfachte Technik, die er zudem mit den anderen Kleinstwagen aus dem Stellantis-Konzern teilt: Wie Fiat Topolino, Opel Rocks und Citroën Ami hat er deshalb einen verschweißten Gitterrahmen, auf den in der Fabrik in Kenitra zwei Stunden außerhalb Casablancas mit ein paar Handgriffen eine Plastikkarosserie aufgesteckt wird.
Das ist einfach zu montieren und billig zu reparieren, wenn überhaupt mal was kaputtgeht. Kratzer fallen jedenfalls nicht so stark auf, denn der Kunststoff ist einfach durchgefärbt.
Auch die Technik könnte simpler kaum sein und erinnert an ein Spielzeugauto. Der Akku hat 6,9 kWh und wird über ein Kabel geladen, das man wie beim Staubsauger aus dem Sitzkasten zieht. Mehr als 1,6 kW Ladeleistung sind nicht drin, und von 0 auf 80 Prozent dauert es dreieinhalb Stunden.
Aber erstens sind 90 Kilometer Reichweite verdammt viel, wenn man nur in der Stadt unterwegs ist, und zweitens haben sie es zumindest hier in Casablanca nicht so mit der Eile und der Hektik. Abwarten und Tee trinken, nehmen sie hier gerne wörtlich.
Natürlich gibt es Lieferwagen mit mehr Kraft und Komfort und auch welche mit breiteren Schultern. Aber für die letzte Meile ist der Tris nahezu perfekt. Er kommt überall durch, macht keinen Krach und keine dicke Luft - und Fahrer und Passanten haben obendrein ein Lächeln auf den Lippen. Zumindest, wenn sie schon mal in Italien waren und sich an die Ape erinnern können.Datenblatt: Fiat Tris
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