„Trinkt nicht so viele Longdrinks, sonst geht’s euch so wie mir“, sagt der Stelzenmann, der mit seinen langen Beinen über den anderen Gästen steht, in Richtung Cocktailbar. Alle lachen. Auf dem Weinturm Open Air in Bad Windsheim herrscht beste Laune – auf, vor und neben den Bühnen. Gute Musik, Matsch und Strohschlachten haben die 44. Auflage bestimmt.
Beim Aufbau verwandelte sich das Plateau in eine wahre Schlamm-Wüste. Aber die Helferinnen und Helfer des Festivals, das vom Bad Windsheimer Jugend- und Kulturförderverein organisiert wird, wissen stets zu improvisieren: Mit Stroh und Hackschnitzeln wird die Fläche vor der Bühne betanzbar – trotzdem wird so mancher Dixi-Toiletten-Besuch zur Wattwanderung. Aber besonders die Kleinen genießen sie, die Matsch- und Strohberge.
„Hey, ich bin gleich durch“, ruft Ronny seinen Freunden zu. Er hat den Stroh-Haufen zum Mini-Bergwerk ausgebaut. Der Kopf verschwindet im Tunnel der goldenen Pracht, seine Freunde eröffnen derweil eine Strohschlacht. Die Matsch-Auflage 2023 hat sogar noch einen weiteren riesigen Vorteil – auf dem Weinturm wird das einzig wahre nachhaltige Konfetti erfunden: Stroh.
Von der Bodenstation wabert der Duft der Räucherstäbchen über den Berg, einige Meter weiter hinten ziehen Jung und Alt riesige Seifenblasen. Plopp. Langlebig sind die kleinen Kunstwerke leider nicht. Daneben ist eine Grusel-Welt aufgebaut. Die Spielstationen perfektionieren das Flair, welches das Weinturm Open Air so einmalig macht. Jeder passt auf den anderen auf. Niemand wirft seinen Müll achtlos auf den Boden. Und hier teilt jeder die Ansicht, dass wirklich jeder willkommen ist, der ebenfalls diese Ansicht teilt. Ein bunter, friedlicher Haufen guter Laune. Entsprechend ist auch die Polizei bis dato hochzufrieden.
Weintürme, wie die Besucher liebevoll genannt werden, wissen sich zu benehmen, aber sie wissen vor allem auch zu feiern. Und sie wissen, dass man für kreiselnde Moshpit-Zirkel keinen harten Metal braucht, schneller Brass von allerlei Blechblasinstrumenten eignet sich dafür sowieso viel besser – wie am späten Freitagabend bei Gallowstreet. Da wird vor der Bühne wild getanzt, gemosht, gepoget – und die Anreise-Strapazen sind längst vergessen.
Ohnehin sind es diese besonderen musikalischen Perlen, die das Festival über den Dächern Bad Windsheims so einmalig machen. Booker Michael Beigel ist ein Perlentaucher par excellence – nicht grundlos hat schon so mancher früherer Weinturm-Geheimtipp mittlerweile den großen Durchbruch geschafft. Parov Stelar. Deichkind. Käptn Peng und Die Tentakel von Delphi.
Und auch die Mischung schafft Beigel perfekt, wenn beispielsweise auf das israelische Quintett „Quarter to Africa“ mit traditionellen arabischen Sounds und afrikanischen Rhythmen eine amerikanische Band mit Gospel, Soul und Rock’n’Roll folgt: Low Cut Connie. Da haben die Weintürme dann sogar eine Schnittmenge mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und „The Boss“ Bruce Springsteen: Sie alle sind Fans dieser fantastischen Band.
Die Kleinturm-Bühne lädt dazwischen wahlweise zum Chillen oder zur kompletten Eskalation ein. Ein Mikrokosmos, der die Welt der Hauptbühne grandios ergänzt. Hier gibt es am Nachmittag ruhige Gitarrentöne, ehe zur späteren Stunde am Freitag Señor Marküsen eine Hommage an elektronische Musik gibt – komplett handgemacht. Ein bisschen mystisch kommt er daher, aber er weiß, wie man aus Trommeln, Glocken und didgeridoo-ähnlichen Gebilden tanzbare Klangteppiche webt. Virtuos und atmosphärisch.
Mittlerweile ist der Weinturm so beliebt, dass nicht nur Menschen vorbeischauen. Der lebende Beweis: die Band Henge. Ein intergalaktischer Rave mit Zpor, Goo, Grok und Nom – ja, so heißen sie, die Außerirdischen. Musik ist bekanntlich Geschmackssache, aber jeder redet über diesen wilden Auftritt und die ekstatischen Tänze dazu. „Das sind doch bestimmt Briten“, sagt einer, der weiß, dass viele durchgeknallte Musikeinlagen von der Insel kommen. Und er behält recht – es sind Briten.
Das Weinturm Open Air hält auch 2023, was es verspricht: bunte Überraschungen, gute Musik, friedliche Stimmung. Eine einmalige Mischung, die diese Region bereichert. Danke, lieber Jugend- und Kulturförderverein.
Unsere Reporterinnen und Reporter waren das ganze Wochenende dabei und haben die Stimmung in Fotos festgehalten. Hier geht es zur Weinturm-Bildergalerie.