Vom Ruhestand auf die Bühne: Ingrid Cannonier spielt am Landestheater Dinkelsbühl | FLZ.de

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Veröffentlicht am 06.06.2026 08:57

Vom Ruhestand auf die Bühne: Ingrid Cannonier spielt am Landestheater Dinkelsbühl

Verführt von Rolle und Stadt: Schauspielerin Ingrid Cannonier steht für „Eine Mords-Freundin“ in Dinkelsbühl noch einmal auf der Bühne. (Foto: René Chlopotowski)
Verführt von Rolle und Stadt: Schauspielerin Ingrid Cannonier steht für „Eine Mords-Freundin“ in Dinkelsbühl noch einmal auf der Bühne. (Foto: René Chlopotowski)
Verführt von Rolle und Stadt: Schauspielerin Ingrid Cannonier steht für „Eine Mords-Freundin“ in Dinkelsbühl noch einmal auf der Bühne. (Foto: René Chlopotowski)

Ingrid Cannonier hatte das Schauspielen 2023 beendet. Für die Rolle der Elsa in „Eine Mords-Freundin“ bei den Dinkelsbühler Sommerfestspielen steht sie noch einmal auf der Bühne – verführt von einer Rolle, einer alten Weggefährtin und einer Stadt.

2023 war für Ingrid Cannonier Schluss. Sie hatte das Schauspielen aufgegeben und es auch herum erzählt: keine Rollen mehr. Andere Angebote habe es danach nicht gegeben. „Ich war nicht in der Verlegenheit“, sagt sie. Dann aber kam, aus heiterem Himmel, diese eine Anfrage. „Ich habe mich einfach verführen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt sie und lacht. Verführt habe sie das Stück, die Rolle.

Ehrlich in jedem Moment

Die erste Verführung aber war die Stadt. Im Winter kam Cannonier zum ersten Mal nach Dinkelsbühl, als Zuschauerin: Sie sah eine Inszenierung am Landestheater und traf dort die Regisseurin Gisela Maria Schmitz, die sie seit Langem kennt. Dinkelsbühl packte sie sofort. Eine „Wahnsinnsstadt“ sei das, etwas Vergleichbares kenne sie in Deutschland nicht. Man komme herein und sei wie in einer anderen Welt, fahre sofort herunter – fasziniert von der Schönheit, aber auch vom Leben darin. Auch jetzt, als Teil des Ensembles, fühlt sie sich sichtlich wohl: Sie sei gut aufgenommen worden, sagt sie, und schwärmt von den Kolleginnen und Kollegen am Haus.

Die Rolle hat es in sich. Cannonier spielt Elsa Jean Krakowski, eine überschwängliche Witwe, die sich bei einem britischen Ehepaar einnistet – und die unter Verdacht steht, eine Serienmörderin zu sein. Ob daran etwas dran ist, lässt das Stück offen, und Cannonier hütet sich, ihre Figur festzunageln. „Sie ist in jedem Moment für sich selbst sehr ehrlich“, sagt sie. Genau das mache Elsas Sog aus: Sie meine alles ehrlich in dem Augenblick, in dem sie es sage – selbst dann, wenn es sich widerspreche. Für Cannonier ist Elsa fast eine Kunstfigur, manchmal kaum real, „wie eine Projektion“.

Eine simple Schurkin sieht sie in ihr nicht: Wäre an dem Verdacht etwas dran, dann folgte Elsa einer ganz eigenen Logik – in ihren eigenen Augen fast eine Art Robin Hood, überzeugt, Gutes zu tun. Mehr verrät Cannonier nicht. Den Weg zu dieser Figur habe sie mit dem Ensemble gesucht, bis zuletzt: „Das ist keine Einzelarbeit.“

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Mehr als ein Krimi-Spaß

Ein Detail aus Cannoniers Vita passt fast zu gut: 1974 spielte sie das Mordopfer in der allerersten „Derrick“-Folge. Ein halbes Jahrhundert später steht sie nun als mutmaßliche Mörderin auf der Bühne. Dass jemand das ausgegraben hat, überrascht sie hörbar.

Das Stück stammt von Steven Moffat, dem britischen Drehbuchautor hinter Serien wie „Dr. Who“ und „Sherlock“. Hinter der Komödie steckt mehr als ein Krimi-Spaß. Das Stück erzählt von einer Höflichkeitsfalle: Aus lauter Anstand wird das Paar seinen Gast nicht mehr los. „Das kann jeder bei sich sehen, wenn er ehrlich ist“, sagt Cannonier. Man wolle niemanden verletzen, bleibe unverbindlich – und sitze schon in der Falle. Elsa spiele mit genau diesem Mechanismus, mit allen emotionalen Mitteln. Im Original hat Moffat sie als laute Trump-Anhängerin aus Denver angelegt. In der deutschen Fassung trete das Politische zurück, sagt Cannonier: Ihr gehe es um Verführbarkeit – und die gebe es in viele Richtungen. Eine „mörderisch gute Freundin“ eben.

Wer Cannonier zuhört, merkt rasch: Sie hat nicht nur gespielt, sie hat auch geführt. Vor 20 Jahren baute sie in Ingolstadt das Altstadttheater aus dem Nichts auf, ein kleines Privattheater. „Das waren echt fette, gute Jahre“, sagt sie – ein engagiertes Programm, musikalisch und literarisch, fast alles ehrenamtlich. Dort holte sie auch Schmitz als Regisseurin und spielte unter ihr; daher kennen die beiden sich.

Eingesprungen für eine Kollegin

Fünf Jahre später gab Cannonier die Leitung ab und ging zurück ins feste Engagement, um vom Beruf leben zu können. Dem Haus bleibt sie verbunden, bis heute sitzt sie im Vorstand. Gelernt habe sie dabei vorwiegend eines: klar zu sein und klar zu sprechen. „Man darf sich nicht scheuen, mal Nein zu sagen.“ Wer die Verantwortung trage, sei keine Privatperson mehr, sondern müsse Haltung zeigen.

Nach Dinkelsbühl kam Cannonier, um einzuspringen. Sie übernahm die Rolle von Léonie Thelen, die im März mit dem FLZ-Theaterpreis ausgezeichnet wurde und sich Anfang April einer Herzoperation unterziehen musste. Für Cannonier ist es eine einmalige Sache, da sie ganz andere Wege im Privatleben eingeschlagen hatte. Sie wollte in der Not aushelfen und eine erkrankte Kollegin vertreten. Ihr Wunsch ist derselbe wie der aller am Landestheater: „Ich hoffe – alle hoffen – dass sie bald wieder zurückkommt.“


René Chlopotowski
René Chlopotowski
Volontär
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