Tour de France durch die Weingärten von Bordeaux | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.08.2026 00:08

Tour de France durch die Weingärten von Bordeaux

Höhepunkt der Radreise: Unterwegs zwischen den Weinbergen um Bayon-sur-Gironde. (Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn)
Höhepunkt der Radreise: Unterwegs zwischen den Weinbergen um Bayon-sur-Gironde. (Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn)
Höhepunkt der Radreise: Unterwegs zwischen den Weinbergen um Bayon-sur-Gironde. (Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn)

Wein begleitet Winzer Alexis Charrier seit seiner frühesten Kindheit. „In unserer Kirche wurde ich nicht mit Wasser getauft, sondern mit Sauternes“, sagt er und schmunzelt. Im Dorf Bommes führt der 40-Jährige den Familienbetrieb, wo die Produktion seit über zwei Jahrhunderten läuft. 

Sauternes-Weine sind edelsüße, goldgelbe Tropfen, die im Anbaugebiet Bordeaux überraschen und nach Aprikose und Pfirsich schmecken. Eigentlich assoziiert man „einen Bordeaux“ eher mit einem gehaltvollen Roten. Aber auch davon gibt es reichlich.

Ausgehend von Bordeaux liegen die Rebgärten weit verstreut in alle Richtungen, vom Médoc im Nordwesten bis Saint-Émilion im Osten. Umweltbewusste Aktiv- und Genussreisende schwingen sich aufs Rad - was jedoch Pioniergeist erfordert. Denn ausgewiesene Routen für „Wein-Biker“ gibt es nicht. Was aber kein Hinderungsgrund sein muss. 

Von Bordeaux nach Saint-Émilion

Bordeaux ist radlerfreundlich und das Wahrzeichen der modernen Architektur für einen Fotostopp rasch erreicht: das Weinzentrum „Cité du Vin“, das in einer Hülle aus Glas und Aluminium schillert. Der symbolische Start ist gemacht. Und dann?

Der beste Radweg raus aus der Stadt führt südostwärts über Latresne. Dahinter beginnt die Traumtrasse einer einstigen Bahnlinie durch den Landstrich Entre-deux-Mers bis Sauveterre-de-Guyenne. Aber: Geduld! Erst kurz vor Créon, bei Kilometer 23, beginnen die Weingärten.

Beim Abstecher ins charmante Saint-Émilion radelt man auf Nebensträßchen durch eine Reblandschaft par excellence. Es ist flach bis leicht hügelig. Überall auf den Weingütern, den „Domaines“ und „Châteaux“, erfährt man: Der Zulauf der Besucher floriert, aber der Weinbau steckt in einer Krise.

Paradox? Mag sein. Fest steht: Absatz und Exporte sind keine Selbstläufer mehr, die Roten nicht mehr gefragt wie früher. Die Konkurrenz schläft nicht. Umso stärker stellen die Anwesen ihre eigene Architektur heraus, ihre Gastronomie und Kunst.

Im „Château La Gaffelière“ leuchten die Edelstahltanks in Spezialeffekten violett bis bläulich. Das „Château Fleur de Lisse“ veranstaltet Kochkurse – und das Allerheiligste, das Fasslager, wirkt mit der Dimension der Halle und den Buntglasfenstern wie ein Dom.

Das Weinland um Cérons

Die Extravaganzen setzen sich im Weinland Graves-Sauternes fort. Im „Château de Cérons“ haben Caroline und Xavier Perromat ihre preisgekrönte Licht-Ton-Show in einem Keller konzipiert. Erst seit wenigen Jahren sind sie Gutsbesitzer. Madame ist 56, Monsieur 71. Warum stürzt sich ein Ehepaar reiferer Jahrgänge ins Ungewisse?

„Weil wir verrückt sind und Wein unsere Leidenschaft ist“, stellt er lächelnd klar. Das Terroir basiert auf Kalk- und Kiesböden. Für die Reife der Trauben der Sauternes-Weine sind Edelfäulepilze und Herbstnebel wichtig.

Wenn sie beim Tasting einschenken, sprudeln die Perromats die aromatischen Noten nur so hervor. Der elegante Weißwein-Verschnitt „Blanc Sec“ schmeckt nach Pampelmuse und weißem Pfirsich, die Sauternes nach flüssiger Orangenmarmelade.

Das Weinland um Margaux

Fantastisch ist auch das Weinland um Margaux. „Wir haben zwanzigmal Bacchus“, weiß Führerin Yolaine Daigre. Auf dem „Château Siran“ ist der römische Gott des Weins auf Skulpturen präsent, einem Kachelbild, Fayencen im Museumstrakt.

Schauplatz der Degustation ist ein alter Salon des Weinguts, gefüllt mit Sesseln und Mobiliar. Kenntnisreich hilft Daigre bei den Aromen auf die Sprünge. Beim körperreichen Rot-Verschnitt aus Merlot und Cabernet Sauvignon schwingen Eukalyptus, Lakritz und Kaffeebohnen mit.

Gesellt sich die Rebsorte Petit Verdot hinzu, schmeckt man, so Daire, „schwarze Kirsche, schwarze Johannisbeere, etwas Pfeffer und ein wenig Tabak.“ Der Wein harmoniere ideal mit Käse, Kalbfleisch, dunkler Schokolade.

Daigre liebt Weine aus ihrer Heimat und Südafrika. Sie weiß, dass sie mit Mitte zwanzig gegen den Strom schwimmt: „Leute in meinem Alter trinken lieber Bier, Cidre oder Cocktails. Und die großen Familienessen mit viel Wein, so wie früher, sind nicht mehr häufig.“ 

Das Weinland um Bayon-sur-Gironde

Damit hat Daigre wichtige Gründe für die Weinkrise benannt. Der sinkende Konsum sorgt für Einschnitte. Parzellen verschwinden, werden vereinzelt umfunktioniert für Kiwis und Oliven. Im Gebiet Côtes de Bourg hat Winzerin Valérie Bassereau auf dem „Château de la Grave“ die Anbauflächen um ein Viertel reduziert, ist aber beim Weintourismus breit aufgestellt.

Laufend organisiert die 58-Jährige Events. Ihre Gästezimmer in den Weingärten kommen gut an. Im historischen Turm ist sogar eine Sauna untergebracht. 

Der Wandel im Weinsektor könnte die Kulturlandschaft in Zukunft verändern. Nüchtern betrachtet ist es noch längst nicht so weit. Noch ist eine Tour de France durch die Weingärten von Bordeaux eine Reise für die Sinne – und die Strecke bei Bayon-sur-Gironde ein Höhepunkt.

Hänge voller Reben wellen sich parallel zur Gironde-Mündung dahin. Der Wind vom Atlantik trägt einen Salzhauch heran. Und im „Château Eyquem“ wartet eine süße Versuchung: ein Pairing aus Pralinen und Rotwein. 

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Bordeaux liegt im Südwesten Frankreichs und fungiert seit der Römerzeit als Umschlagplatz für den Weinhandel. Die Weinbaugebiete umfassen 86.000 Hektar und sind teils über 70 Kilometer von der Stadt entfernt. Prägnant sind die Flüsse Garonne und Dordogne, die sich zur Gironde-Mündung in den Atlantik vereinen. 

Hinweis: Die beschriebene Radtour verläuft in einer Region, die nicht von den jüngsten Waldbränden nahe Bordeaux betroffen war.

Reisezeit für Weinliebhaber und Radler: Frühling bis Herbst

Anreise: Im eigenen Fahrzeug oder Zug nach Bordeaux, im Juli und August direkt ab Frankfurt, sonst je nach Startpunkt über Paris.

Unterkunft: Vereinzelt kann man stilvoll auf Weingütern übernachten, wie Sigalas Rabaud (chateau-sigalas-rabaud.com) und „Château de la Grave“ (chateaudelagrave.com). Radlerfreundliche Unterkünfte sind mit dem Label „Accueil Vélo“ klassifiziert.

Fahrradmiete: In Bordeaux gibt es mehrere Möglichkeiten, Fahrräder zu mieten - etwa bei Véloce (veloce-location.fr) oder Pierre qui roule (pierrequiroule.fr), jeweils mit Gepäckaufbewahrung und der Ausleihe von Satteltaschen. 

Unterwegs: Wer für Teilstrecken das Fahrrad mit in den Zug nehmen will, kann dazu ausschließlich online und nur von Mai bis September Fahrrad-Tickets buchen (je 3 Euro). Je nach Strecke kann man Bikes aber auch gratis ohne Ticket mitnehmen (sncf-connect.com; ter.sncf.com).

Wein: Für ein Weingut muss man gewöhnlich vorab eine Führung mit Kostprobe reservieren. Nur in Ausnahmefällen ist es möglich, bei der Weinlese mitzuhelfen. Das auf Bioweine spezialisierte und etwas abseits der Routen in Saint-Germain de la Rivière gelegene Château L'Escardie (http://lescarderievins.com) bietet dies als vierstündigen „Weinlese-Workshop“ („Atelier vendanges“) für 30 Euro pro Person an.

Routenvorschlag zum Nachreisen: Radweg Bordeaux-Sauveterre de Guyenne 55 Kilometer, größtenteils auf der „Piste Roger Lapébie“ (einstige Bahntrasse); bei Streckenkilometer 36 Abzweig nordwärts durch die Weingärten um Saint-Hippolythe und Saint-Émilion (hin und zurück ca. 50 Kilometer); von Sauveterre de Guyenne auf Nebenstraßen ca. 20 Kilometer nach La Réole; Zug La Réole-Cérons nehmen; im Umkreis von Cérons ca. 30 Kilometer inkl. Entdeckung des Weinlands mit Orten wie Bommes; Zug von Cérons über Bordeaux nach Margaux; ca. 30 Kilometer Entdeckung des Weinlands um Margaux mit Orten wie Labarde und Cantenac, dann Flussfähre Lamarque-Blaye (bbte.fr/destination/blaye/horaires-de-bac); von Blaye auf Nebenstraßen durch die Weingegenden um Bayon-sur-Gironde bis Saint-André-de-Cubzac, ca. 40 Kilometer; Zug von Saint-André-de-Cubzac nach Bordeaux

Weitere Infos: visit-nouvelle-aquitaine.com

© dpa-infocom, dpa:260822-930-568727/1


Von dpa
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