Den 80. Jahrestag des Weltkriegsendes und damit der Befreiung vom Nationalsozialismus nahm das Bündnis gegen Rechts im Landkreis zum Anlass für eine besondere Veranstaltung in der Rathaus-Ehrenhalle: eine szenische Lesung aus einem Briefwechsel eines Paares von 1938 bis 1942, die mit Bild-, Film- und Tondokumenten jenes Zeitraums angereichert wurde.
Bürgermeister Klaus Meier sprach eingangs in seinem Grußwort von dem „besonders denkwürdigen Tag“, dem 8. Mai 1945, der das Ende des Leides und Schreckens des Krieges bedeutet habe, und erinnerte an die „beispiellosen Verbrechen der Nationalsozialisten“. Der Stadtchef wies darauf hin, dass eine Forsa-Wahlumfrage im April die AfD als stärkste Partei ermittelt hatte und mahnte, dass sich so etwas wie die Herrschaft der Nationalsozialisten nie wiederholen dürfe. Meier dankte dem Bündnis gegen Rechts für sein großes Engagement und die Organisation der Gedenkveranstaltung.
Die szenische Lesung, die von der Freien Altenarbeit Göttingen erarbeitet worden war, beginnt mit Briefen des Liebespaares Hilde und Roland aus dem Jahr 1938. Roland äußert die Hoffnung, „dass es ohne Krieg abgeht, und sonst – es kommt, wie Gott es will.“ Hilde erzählt ihm von ersten Luftschutzübungen.
Im November berichtet sie Roland in einem Brief von der Reichspogromnacht: Ein Bekannter habe in Chemnitz „die Anschläge bewundern können, die man auf die jüdischen Geschäfte verübte“. Und: „In Chemnitz brannte der Judentempel, die Feuerwehr hat nicht eingegriffen, nur die nächstliegenden Gebäude geschützt.“
Im Februar 1939 schreibt Roland voller Begeisterung von der „Führerrede“, die er im Radio verfolgt hatte. „Es war Hitlers beste Rede bisher. Es ging durch die Rede ein großer Zug, und, liebe Hilde, sie schloss so zuversichtlich. Ich glaube an einen langen Frieden.“ Aber schon im März ziehen die deutschen Truppen in Böhmen und Mähren ein, eine Zeitung meldet: „Die Tschecho-Slowakei ist nicht mehr.“ Hilde bewundert in ihrem Brief dazu „mit welcher Sicherheit und Überlegung unser Führer vorgeht“.
Im Juni 1939 schreibt sie: „Und wir können doch nichts tun im Ernstfalle, als die Befehle des Führers getreulich zu erfüllen, fest zusammenstehen, kämpfen um den Frieden.“ Hilde schreibt von Frieden – am 1. September aber beginnt mit Hitlers Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg.
Die Briefe des Paares zeigen, wie effektiv die NS-Propaganda war. Obwohl beide gläubige Christen waren, begeisterten sie sich für den „Führer“, auch noch während des Krieges. Hilde schwärmt Ende 1940: „Der Führer hat gesprochen! ... Wo und wann er auch zu uns spricht, immer wieder aufs Neue spüren wir im Innern so dankbar, dass den Deutschen dieser Mann gesandt wurde.“
Ab 1941 werden im Briefwechsel der beiden ab und an Zweifel laut. Roland schreibt an Hilde: „Krieg will alle Heimat auslöschen. Freund und Feind leiden darunter.“ Als der Russlandfeldzug im Oktober zu einer Schlammschlacht wird, urteilt er: „Der Ablauf dieses Krieges ist den menschlichen Händen entglitten. Nun tobt der Krieg, – Gottesgericht.“ 1942 zweifelt er unmissverständlich: „Und so können wir in Adolf Hitler einen Reichsbaumeister am Werke sehen ... Eine Welt in Schmerzen sehen wir ... Können wir dem Baumeister vertrauen?“
Am Ende der Lesung wird der Briefwechsel durch aktuelle Äußerungen von Politikern ergänzt, etwa Alexander Gaulands Äußerung, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in unserer über tausendjährigen Geschichte“ gewesen oder Alice Weidels Spruch über „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse“.
Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Gedicht von Erich Fried: „Was geschieht“: Die erste Strophe lautet: „Es ist geschehen und es geschieht nach wie vor und wird weiter geschehen wenn nichts dagegen geschieht.“