Veröffentlicht am 19.09.2022 17:46

Spitzen-Pferde aus Obermosbach reisen zu Olympischen Spielen

Bis sie "in Arbeit genommen" werden, dürfen die Jungtiere in der Aufzucht bei Simone und Thomas Visser in Obermosbach eine Art "Kindergarten" auf der Koppel genießen und miteinander spielen.  (Foto: Kristina Schmidl)
Bis sie "in Arbeit genommen" werden, dürfen die Jungtiere in der Aufzucht bei Simone und Thomas Visser in Obermosbach eine Art "Kindergarten" auf der Koppel genießen und miteinander spielen. (Foto: Kristina Schmidl)
Bis sie "in Arbeit genommen" werden, dürfen die Jungtiere in der Aufzucht bei Simone und Thomas Visser in Obermosbach eine Art "Kindergarten" auf der Koppel genießen und miteinander spielen. (Foto: Kristina Schmidl)
Bis sie "in Arbeit genommen" werden, dürfen die Jungtiere in der Aufzucht bei Simone und Thomas Visser in Obermosbach eine Art "Kindergarten" auf der Koppel genießen und miteinander spielen. (Foto: Kristina Schmidl)

Einmal im Leben ein Pferd aus dem eigenen Stall hervorzubringen, das bei Olympischen Spielen geritten wird, davon träumt wohl jeder Züchter. In Erfüllung geht das für die wenigsten. Bei Simone und Thomas Visser aus Obermosbach hat's geklappt. Sie haben sich mit ihren Pferden züchterisch und sportlich global etabliert.

„Ich bin gelernter Landwirt und habe gedacht, dass ich mal einen Bauernhof mit Kühen und Schweinen bewirtschaften werde“, sagt Thomas Visser. Dass er sein Geld eines Tages mit der Pferdezucht verdienen würde, wäre ihm als junger Mann nicht in den Sinn gekommen.

Er hatte nämlich mit Pferden gar nichts zu tun – bis er sich nach einem Todesfall in seiner Familie plötzlich um zwei Pferde als Nachlass kümmern musste. Damals lebte er noch in Ellwangen. 1994 tauchte sein Name dann zum ersten Mal im Pferdezuchtverband Baden-Württemberg auf. 2007 wurde sein letztes süddeutsch registriertes Fohlen geboren.

Der Beginn der Zucht

„Seitdem konzentrieren wir uns mit Oldenburgern, Hannoveranern, Holsteinern und Deutschen Reitponys aus Weser-Ems auf norddeutsche Kernzuchtgebiete“, sagt seine Frau Simone. Die gelernte Industriekauffrau ist von Kindesbeinen an begeisterte Reiterin. Sie hat schon früh angefangen, mit ihrer Reitponystute an Turnieren teilzunehmen. „Irgendwann habe ich sie dann decken lassen. Das war der Beginn meiner Zucht“, erinnert sich die 42-Jährige.

Und seitdem sie ihren Mann kennt, züchten die beiden zusammen. Vor zwölf Jahren hat das Paar zu diesem Zweck einen Hof in Obermosbach gekauft. Dort leben die Eheleute – idyllisch, aber mit viel Arbeit – mit ihren drei Kindern, zwei Hunden und derzeit 20 bis 25 Pferden, die sich in der Zucht oder Aufzucht befinden.

Familie Visser besitzt allerdings weit mehr Pferde und Ponys. Sie werden in Ausbildungsställen in ganz Deutschland geritten, um erfolgreich in den Dressur- oder Springsport gebracht und verkauft werden zu können.

Nicht nur in Deutschland erfolgreich

„Von uns gezüchtete Reitponys und Pferde verbuchen nicht nur innerhalb Deutschlands tolle Erfolge auf Körplätzen, Stutenschauen, Championaten und Turnieren. Auch viele unserer ins Ausland verkauften Tiere sind in der Zucht oder im Turniersport erfolgreich“, erklärt Simone Visser. Etwa in England, Frankreich, Schweden, Spanien, Neuseeland, Tschechien, der Schweiz oder und den USA.

Zu den größten Züchtererfolgen zählen Vissers „ihren" Diachello. Er kam 2010 als Hengstfohlen in Obermosbach auf die Welt. „Von seinen Anlagen her dachten wir, dass er einmal ein gutes Springpferd abgeben, könnte“, erzählt Simone Visser. Das Paar verkaufte ihn als Fohlen für 10.000 Euro. Heute ist er nach Meinung der 42-Jährigen einen siebenstelligen Betrag wert.

Denn der Wallach startete 2021 bei den Olympischen Spielen in Tokio und wurde, geritten von Jesse Campbell, mit der Mannschaft Fünfter in der Disziplin Vielseitigkeit. Das ist ein Mehrkampf, der früher Military hieß. Er besteht aus den Teilprüfungen Dressur, Geländeritt und Springen und gilt als Königsdisziplin im Pferdesport. „Für uns war vor zwölf Jahren nicht absehbar, dass Diachello ein Olympiapferd wird. Aber wir sind natürlich sehr stolz darauf“, betont Thomas Visser. „Das ist die höchste Auszeichnung, die man als Züchter haben kann.“

Der 53-Jährige wäre voriges Jahr gerne zu den Olympischen Spielen nach Tokio geflogen, um Diachello direkt vor Ort bei den Wettkämpfen zu erleben. Aber er hatte Bedenken wegen Corona und blieb letztendlich zu Hause. „Wir haben die Wettkämpfe vor dem Fernseher verfolgt und für Diachello mitgefiebert“, sagt Thomas Visser.

Hengst brachte 230.000 Euro ein

Einen weiteren Höhepunkt in ihrer Züchterkarriere haben Simone und Thomas Visser 2017 erzielt, als sie am Hannoveraner Hengstmarkt ein zweieinhalbjähriges dressurbetont gezogenes Tier für 230.000 Euro verkaufen konnten.

Sein Halbbruder Rod Laver FRH brachte Vissers ein Jahr später 70.000 Euro ein. Er schaffte es bei der Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde auf Platz acht und wurde unter Lena Stegemann Dritter beim Bundeschampionat.

Die Reitponystute Cream della Cream, die noch immer bei den Vissers lebt, gewann die Bezirksstutenschau in Weser-Ems. Außerdem wurde sie Gesamtsiegerin der Elitestutenschau 2016 und Zweite beim Bundesstutenchampionat.

Der jüngste Erfolg: Visser's Hit Valeria VEC, eine fünfjährige Oldenburger Stute, hat Anfang September 2022 beim Bundeschampionat, für das sie sich im Mai in Ansbach qualifiziert hatte, den sechsten Platz erreicht.

Freudige und leidvolle Erfahrungen

Auf dem Hof der Eheleute kommen im Jahr zehn bis zwölf Fohlen zur Welt. Hengste bleiben zwei Jahre in Obermosbach. Dann wird entschieden, ob sie sich zur Zucht eignen.

Wenn dem so ist, ist es das Ziel, sie bei einer Hengstkörung vorzustellen. So nennt man bis zu dreitägige Prüfungen auf Zuchttauglichkeit hin. Dort werden die Hengste nach verschiedenen Kriterien – etwa Ahnentafel, Fundament, Grundgangarten, Springvermögen, Gesundheit, Ausdruck und Charakter – bewertet. Von zirka 100 Hengsten, die zum Beispiel in Verden zur Körung zugelassen werden, werden laut Thomas Visser am Schluss höchstens 60 tatsächlich auch gekört. Ihr Samen wird dann verkauft, an Hengststationen entnommen und versandt, um Stuten damit künstlich zu befruchten.

„Züchten ist in Generationen denken“, sagt Simone Visser. „Schließlich will man seine Linie stetig verbessern. Beim Züchten handelt es sich nicht nur um eine wirtschaftliche, sondern auch um eine emotionale Geschichte.“ Wenn ein Fohlen gesund und munter auf die Welt kommt und sich dann auch noch gut entwickelt, ist das für Familie Visser immer eine große Freude.

„Aber es gibt auch leidvolle Erfahrungen“, weiß Simone Visser. Einmal musste sie eine Stute fünf Tage nach der Niederkunft einschläfern lassen, weil sie sich bei der Geburt ihres Fohlens schwere innere Verletzungen zugezogen hatte.

In Stücken herausgeschnitten

Unvergessen bleibt auch die Totgeburt eines Fohlens, das so im Becken seiner Mutter verkeilt lag, dass es in zwei Hälften gesägt und in Stücken aus der Stute gezogen werden musste, um wenigstens deren Leben zu retten. „Das mitansehen zu müssen, war schlimm“, erinnert sich die 42-Jährige.

Die Lust am Züchten haben sie und ihr Mann dennoch nicht verloren. Sie ziehen sogar langfristig in Erwägung, ihren Betrieb zu vergrößern und zur Hengststation auszubauen.


Kristina Schmidl
Kristina Schmidl
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