„Schnieder-Effekt“: Bei Fahrschulen brechen Anmeldungen ein | FLZ.de

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Veröffentlicht am 05.02.2026 06:02

„Schnieder-Effekt“: Bei Fahrschulen brechen Anmeldungen ein

Fahrschulen melden deutlich weniger neue Fahrschüler.  (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)
Fahrschulen melden deutlich weniger neue Fahrschüler. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)
Fahrschulen melden deutlich weniger neue Fahrschüler. (Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa)

Bei vielen Fahrschulen in Deutschland herrscht Alarmstimmung: Fahrschulen berichten von Einbrüchen bei Anmeldungen von bis zu 70 Prozent. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur unter Fahrlehrerverbänden. Die Entwicklung sei für zahlreiche Betriebe wirtschaftlich „hochproblematisch“, sagte Reiner Nuthmann Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Sachsen-Anhalt.

„Wir haben einen deutlichen Schnieder-Effekt“, sagte der Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Nordrhein, Kurt Bartels. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hatte im vergangenen Oktober Reformvorschläge für eine kostengünstigere Fahrausbildung vorgelegt. Viele Schüler warteten momentan ab, weil die Pläne von Schnieder eine Senkung der Preise suggerierten, sagte der Vorsitzende des saarländischen Fahrlehrerverbandes, Daniel Boßlet.

Wann die Reform umgesetzt wird, ist aber unklar - und auch, ob der Führerschein dann wirklich deutlich günstiger wird. 

Eine bundesweite Umfrage des Verbands Moving International Road Safety Association unter rund 2.400 Fahrschulen im Januar ergab: Rund 84 Prozent der Befragten meldeten seit November 2025 einen Rückgang der Führerschein-Neuanmeldungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum - der durchschnittliche Rückgang liege bei rund 54 Prozent.

Schnieder will Kosten drücken - Zeitplan unklar

„Mobilität darf kein Privileg sein“, sagte Schnieder im vergangenen Oktober. Für einen Pkw-Führerschein der Klasse B werden laut Ministerium derzeit im Schnitt rund 3.400 Euro fällig. Der Weg zum Führerschein solle einfacher und bezahlbarer werden, bei weiterhin höchsten Sicherheitsstandards. Geplant sind etwa Vereinfachungen und digitale Lösungen für die theoretischen und praktischen Teile. So soll die Pflicht zum Präsenzunterricht abgeschafft und Wissen digital über Apps oder Lernplattformen vermittelt werden können. Verpflichtende Sonderfahrten - wie auf Autobahnen oder Überlandfahrten - sollen reduziert werden. Es soll die Möglichkeit geschaffen werden, diese Fahrten teilweise in einem Simulator zu absolvieren.

Mit Blick auf sinkende Anmeldezahlen dämpfte Schnieder bereits Erwartungen an eine schnelle Reform: „Es lohnt sich nicht abzuwarten, sondern wer den Führerschein machen will, der soll es jetzt machen“, sagte er im Januar in der ARD. Bei einer Verständigung mit den Ländern gehe man im Laufe des Jahres ins Gesetzgebungsverfahren. 

Viel weniger Anmeldungen 

Der Rückgang sei vor allem in größeren Städten „beträchtlich“, sagte Bartels. „Manche Fahrschulen haben ein Minus von 50 bis 70 Prozent, andere haben gar kein Minus.“ Auf dem Land seien die Zahlen stabil, weil der Führerschein dort besonders wichtig sei. Von einem Stadt/Land-Gefälle berichten auch andere Fahrlehrverbände.

Zum Teil deutlich sinkende Zahlen melden auch andere Fahrlehrerverbände. So ist in Sachsen-Anhalt die Rede von Einbrüchen von bis zu 70 Prozent. Joachim Einig, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Rheinland mit Sitz in Koblenz sagte, nach der Ankündigung Schnieders im vergangenen Herbst seien die Anmeldezahlen und laufende Ausbildungen in vielen Fahrschulen um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Rund 70 Prozent der Fahrschulen seien davon nach einer Mitgliederumfrage betroffen. 

Auch andere Gründe

Neben dem „Schnieder-Effekt“ gibt es noch andere Grüne für die sinkende Zahl von Anmeldungen neuer Fahrschüler. „Wir beobachten bereits seit Beginn des Jahres 2025 einen deutlichen Rückgang der Anmeldezahlen in den Fahrschulen des Landes“, sagte Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes Baden-Württemberg. Dieser Rückgang sei in erster Linie auf die schlechte wirtschaftliche Lage im Land zurückzuführen. Das führe aus Sicht des Verbands dazu, dass etliche potenzielle Führerscheinbewerber – und deren Eltern – die Ausgabe für eine Fahrausbildung derzeit auf die lange Bank schieben. 

Kritik an Reformplänen 

In der Kritik steht, dass die Pflicht zum Präsenzunterricht abgeschafft werden soll. „Wenn man beim Theorieunterricht auf Online-Schulung statt auf Präsenz setzt, ist der Lerneffekt schwächer - das dürfte dazu führen, dass mehr Menschen durch die Theorieprüfung fallen als bislang“, sagte Bartels. 

Kritik gibt es auch daran, dass es weniger verpflichtende Sonderfahrten geben soll. Nuthmann: „Simulatoren können unterstützen, aber sie ersetzen keine reale Autobahnfahrt bei 120 km/h, keine Dunkelheit, keine Witterungseinflüsse und keine echten Verkehrsdynamiken.“

Sinken die Preise wirklich?

Es sei nicht ansatzweise belegt, dass die Preise sinken würden, sagte Boßlet. Auch Bartels hat starke Zweifel, ob die Preise durch eine Reform überhaupt sinken würden. „Wenn eine Fahrschule sich künftig einen Simulator kaufen muss, in dem ein Teil der Fahrausbildung erfolgen soll, dann muss sie dafür 30.000 bis 40.000 Euro ausgeben.“ Um Geld zu sparen, könnten sich Fahrschulen nicht verkleinern und in ein kleineres Büro umziehen. Schnieder sagte in der ARD, er schreibe den Fahrschulen nicht vor, was sie zu tun und zu lassen hätten - sondern schaffe Möglichkeiten, die den Führerschein günstiger machen würden.

Wirtschaftliche Folgen

„Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer verlieren ihre Arbeitsplätze oder sehen sich gezwungen, ihre bisherigen Fahrschulen zu verlassen und in andere Betriebe zu wechseln, die noch über ausreichende Auslastung verfügen“, so Nuthmann vom Fahrlehrerverband Sachsen-Anhalt. „Viele Fahrschulen arbeiten derzeit weit unterhalb ihrer wirtschaftlichen Belastungsgrenze. Fixkosten wie Fahrzeuge, Versicherungen, Personal, Energie und Mieten laufen unverändert weiter, während die Einnahmen drastisch sinken. Besonders kleinere Betriebe im ländlichen Raum verfügen oft nicht über ausreichende finanzielle Reserven, um solche Einbrüche über längere Zeit abzufedern.“

Boßlet berichtete, dass er bereits von angestellten Fahrlehrern kontaktiert worden sei, denen aufgrund der Krise gekündigt werden musste.Beim Landesverband der hessischen Fahrlehrer heißt es, aufgrund ausbleibender Anmeldungen sähen sich einige Fahrschulen gezwungen, Personal einzusparen, Arbeitszeiten zu reduzieren oder den Fuhrpark zu verkleinern. Der Verband aus Thüringen berichtete, vereinzelt gingen ältere Fahrlehrer früher in den Ruhestand, weil nicht genügend Schüler vorhanden sind.

Das Warten auf die Änderungen führe zu zusätzlichen Umsatzeinbußen und perspektivisch steigenden Preisen, so Nuthmann. Damit würde genau das Gegenteil dessen erreicht, was die Reform eigentlich verspricht: Statt Entlastung drohten höhere Kosten und weniger Ausbildungsangebote.

Kostentreiber beim Führerschein

Fahrlehrerverbände nennen als Kostentreiber auf Seite der Fahrschulen steigende Personal-, Fahrzeug- und Betriebskosten - und auf Seite der Fahrschüler eine sehr lange Ausbildungsdauer mit Unterbrechungen sowie eine gestiegene Anzahl der benötigten Fahrstunden. 

Jugendliche, die sich beim Mitfahren im Auto mehr mit dem Smartphone als mit der Verkehrsumgebung beschäftigten, und die außerdem von den Eltern überall hingefahren werden, anstatt zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs zu sein, brächten heutzutage sehr wenig Vorerfahrung mit, sagte Klima. Sie benötigten deshalb deutlich mehr Fahrstunden als noch vor zehn oder 15 Jahren. Dazu komme, dass viele Terminkalender der Jugendlichen vollgestopft seien. Neben Schule, Sport, Musikunterricht und weiteren Hobbys bleibe häufig sehr wenig Zeit für den Erwerb des Führerscheins. 

Die Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Christin Knochenhauer, sagte: „Am wenigsten zahlen die Fahrschüler, die motiviert und konsequent in 3 bis 6 Monaten ihre komplette Ausbildung absolvieren und am besten bereits während der theoretischen Ausbildung mit der praktischen Ausbildung beginnen.“

© dpa-infocom, dpa:260205-930-644293/1


Von dpa
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