Schilddrüsenunterfunktion: Wie man sie erkennt | FLZ.de

arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 22.05.2026 00:08

Schilddrüsenunterfunktion: Wie man sie erkennt

Wie geht es der Schilddrüse? Darüber geben Blutwerte wie der TSH-Wert Auskunft. Ebenfalls wichtiger Teil der Diagnostik: eine Ultraschalluntersuchung des Organs.  (Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn)
Wie geht es der Schilddrüse? Darüber geben Blutwerte wie der TSH-Wert Auskunft. Ebenfalls wichtiger Teil der Diagnostik: eine Ultraschalluntersuchung des Organs. (Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn)
Wie geht es der Schilddrüse? Darüber geben Blutwerte wie der TSH-Wert Auskunft. Ebenfalls wichtiger Teil der Diagnostik: eine Ultraschalluntersuchung des Organs. (Foto: Benjamin Nolte/dpa-tmn)

Kleines Organ, große Aufgaben: Die Schilddrüse gilt als „Taktgeber unseres Stoffwechsels“, wie Prof. Volker Fendrich, Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie, sagt. Denn diese Drüse produziert Hormone, die verschiedenste Vorgänge im Körper beeinflussen - Herzschlag, Verdauung, Wärmeproduktion, Muskelkraft, Haarwachstum, Energiehaushalt.

Gerät dieser Taktgeber selbst aus dem Takt, produziert also zu viele oder zu wenige Hormone, kann sich das mit der Zeit bemerkbar machen. 

Häufiger als eine Überfunktion kommt dabei eine Unterfunktion vor, Hypothyreose lautet die Diagnose. Etwa 5 von 100 Menschen sind laut dem Portal „gesund.bund.de“ von der Erkrankung betroffen, Frauen häufiger als Männer. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist die Schilddrüse überhaupt für ein Organ? 

In der Alltagssprache wird die Schilddrüse aufgrund ihrer Form oft auch „Schmetterlingsorgan“ genannt. „Sie besteht aus zwei Lappen, die durch eine Brücke miteinander verbunden sind“, sagt der Nuklearmediziner Wolfgang Braun. 

Und wo befindet sie sich? „Die Schilddrüse sitzt zwischen Kehlkopf und der Halsgrube“, sagt Volker Fendrich, Chefarzt der Endokrinen Chirurgie der Schön Klinik Hamburg Eilbek. Grob gesprochen gilt: Ist die Schilddrüse gesund, hat jede Seite etwa die Größe einer kleinen Aprikose. Bei Männern ist die Schilddrüse dabei etwas größer als bei Frauen. 

Die Schilddrüse produziert Hormone. Die wichtigsten sind Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3), denn sie regulieren verschiedenste Prozesse im Körper. Allerdings nur, wenn die Schilddrüse die richtige Menge davon herstellt: „Produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone, dann verlangsamen sich alle Stoffwechselprozesse“, sagt Wolfgang Braun, Autor des Buches „Schilddrüse im Gleichgewicht“. 

Warum kann es zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommen? 

„Häufigste Ursache einer Schilddrüsenunterfunktion ist eine Entzündung, die nach dem japanischen Chirurgen Hakaru Hashimoto benannt wurde“, sagt Wolfgang Braun. Der aus einer Arztfamilie stammende Japaner hat die sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis 1912 erstmals beschrieben. Dabei handelt es sich um eine chronische Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Schilddrüse fälschlicherweise angreift und zerstört. 

Eine weitere Ursache für eine Unterfunktion sind Operationen, bei denen die Schilddrüse (teilweise) entfernt wurde - etwa aufgrund von Knoten oder Tumoren. Medikamente, die gegen eine Schilddrüsenüberfunktion wirken, können ebenfalls zu einer Unterfunktion führen, wenn sie zu hoch dosiert eingenommen werden, so Braun. Auch ein chronischer Jodmangel kann Ursache sein. Das Spurenelement ist ein Baustein von Schilddrüsenhormonen. 

Übrigens: Babys können mit einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion auf die Welt kommen. „Dann kommt es nicht zu einer normalen Entwicklung, sondern zu schwerwiegenden geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen“, sagt Wolfgang Braun. Diese Fälle sind aber selten. Und sie werden durch das Neugeborenenscreening - eine Blutuntersuchung am zweiten bis dritten Lebenstag - in aller Regel rasch erkannt und behandelt. 

Wie zeigt sich eine Unterfunktion? 

„Der Motor stottert“, zieht Volker Fendrich einen Vergleich. Es gibt zahlreiche Symptome, die auf eine Unterfunktion hinweisen können. Eine Auswahl: 

  • Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsschwäche, depressive Verstimmungen
  • verlangsamter Puls und Herzschlag 
  • bei Frauen: unregelmäßige oder ausbleibende Periode 
  • Haarausfall, langsames Nagelwachstum, brüchige Nägel
  • Gelenkschmerzen, rheumaähnliche Beschwerden
  • Kälteempfindlichkeit
  • Gewichtszunahme
  • Verstopfung 
  • Heiserkeit
  • Schwellungen - etwa im Gesicht, an Fingern oder Unterschenkeln

Die Symptome einer Überfunktion sind gegensätzlich. „Wenn die Schilddrüse zu viel arbeitet, führt das beispielsweise zu Herzklopfen, Gewichtsabnahme, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit und vermehrtem Schwitzen“, so Wolfgang Braun. 

Wo und wie wird eine Schilddrüsenunterfunktion diagnostiziert? 

Erste Anlaufstelle ist die Hausarztpraxis, wo bei Verdacht auf eine Schilddrüsenfehlfunktion Blut abgenommen und im Labor analysiert wird.

Hier kommt der TSH-Wert ins Spiel. Bei TSH handelt es sich um das Thyreoidea-stimulierende Hormon, das im Gehirn gebildet wird. Es regt die Schilddrüse an, Hormone zu produzieren. 

Ist der TSH-Wert im Blut hoch, spricht das für eine Schilddrüsenunterfunktion. „Das Gehirn versucht dann, durch das Herausschießen von TSH die Schilddrüse anzukurbeln - was aber bei Zerstörung oder Entnahme der Schilddrüse eben nicht mehr funktioniert“, sagt Volker Fendrich. 

Für ein vollständiges Bild sind weitere Blutwerte hilfreich. Etwa der fT4-Wert, der verrät, wie viel des Hormons T4 frei im Blut unterwegs ist. Oder die Konzentration von Schilddrüsen-Antikörpern.

Teil der Diagnostik sollte auch eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse sein, die Aufschluss über die Ursache liefern kann. „Bei Hashimoto etwa kommen weniger Echos im Ultraschall zurück“, sagt Wolfgang Braun.

Bei einer Unterfunktion wird L-Thyroxin verordnet. Was gibt es zu beachten? 

Steht die Diagnose, gehen Patientinnen und Patienten mit einem Rezept für L-Thyroxin aus der Arztpraxis heraus. In den Tabletten steckt das künstliche Schilddrüsenhormon T4. Oft müssen Betroffene verschiedene Dosierungen ausprobieren, bis ihr TSH-Wert zurück in den grünen Bereich gefunden hat. „Die Tabletten nimmt man dann ein Leben lang“, sagt Volker Fendrich. 

Bessern sich die Beschwerden trotz L-Thyroxin nicht, kann das auf Fehler bei der Einnahme zurückgehen. Die klassische Regel lautet: die Tablette mindestens 30 Minuten vor dem Frühstück auf nüchternen Magen schlucken. 

„Es geht vor allem um einen zeitlichen Abstand zu Kalzium, also zum Joghurt oder zum Kaffee mit Milch“, sagt Fendrich. Kalzium kann mit L-Thyroxin im Magen nämlich eine schwer lösliche Verbindung eingehen - der Körper nimmt dann eine geringere Dosis auf. 

Einige andere Medikamente - insbesondere Eisenpräparate, kalziumhaltige Medikamente und Antibiotika - können die Aufnahme der L-Thyroxin-Tabletten im Dünndarm stören, so Braun. Am besten bespricht man mit Arzt oder Ärztin oder in der Apotheke, welcher Zeitabstand zwischen der Einnahme sinnvoll ist. 

Was können Betroffene sonst noch tun? 

Sinnvoll ist Wolfgang Braun zufolge, im Zuge der Diagnostik auch Eisen-, Vitamin-D- und Selenspiegel checken zu lassen - und bei einem Mangel jeweils nachzusteuern. 

„Eine Schilddrüsenunterfunktion kann den Eisenstoffwechsel verlangsamen, sodass weniger Eisen aufgenommen wird. Das kann natürlich das Symptom Müdigkeit noch verstärken“, sagt Braun. Und: „Gerade Hashimoto-Patientinnen und -Patienten haben oft einen Vitamin-D-Mangel. Wird der ausgeglichen, wirkt das Schilddrüsenhormon besser.“

Mit dem Rauchen aufhören, sich um guten Schlaf und um ein gutes Stressmanagement kümmern: Lebensstil-Veränderungen wie diese lohnen sich immer - auch, um gut mit einer Schilddrüsenunterfunktion zu leben.

© dpa-infocom, dpa:260521-930-113682/1


Von dpa
north