Der Iran-Krieg hat die Ölpreise über die Marke von 100 US-Dollar katapultiert und schürt Sorgen vor Rückschlägen beim Wirtschaftswachstum. Für Entspannung sorgte ein Bericht, wonach die G7-Gruppe der führenden westlichen Industriestaaten erwägen, ihre nationalen Erdölreserven einzusetzen, um den Preisanstieg am Ölmarkt zu bremsen.
Der Anstieg der Ölpreise über 100 Dollar löste einen Ausverkauf an den Börsen aus - insbesondere an den asiatischen Börsen. Anleger sind besorgt, dass die Inflation steigt und die Konjunktur leidet, sollte sich der Ölpreis länger auf dem hohen Niveau bewegen.
Der Anstieg der Spritpreise in Deutschland hat sich zunächst zwar verlangsamt, die Unsicherheit für den weiteren Verlauf bleibt aber groß. Ein neues deutliches Plus an den Zapfsäulen für Benzin und Diesel schließen Experten nicht aus. Mit dem Gaspreis ging es dagegen bereits heute weiter steil nach oben.
Der Preis für ein Fass (159 Liter) Rohöl der Nordsee-Marke Brent stieg in der Nacht auf Montag um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar. Dann sank der Preis zwar, er lag im Vormittagshandel aber mit 107 Dollar immer noch 15 Prozent höher als am Freitag. Damit kletterte der Preis für die Referenzsorte des Großteils der weltweit gehandelten Ölsorten auf den höchsten Stand seit dem Sommer 2022. Seit dem Start des Iran-Kriegs vor etwas mehr als einer Woche beläuft sich das Plus auf fast 50 Prozent.
Die Energiemärkte sind durch den Krieg im Nahen Osten stark beeinträchtigt. Der Transport von Energierohstoffen aus den Förderregionen am Persischen Golf durch die wichtige Straße von Hormus kam durch den Krieg faktisch zum Erliegen. Es gibt weiter keine Anzeichen für ein schnelles Ende des Kriegs. Mit den jüngsten Äußerungen von US-Präsident Donald Trump „nehmen die Risiken für ein längeres Andauern weiter zu“, heißt es bei der Dekabank.
Trump, für den steigende Spritpreise mit Blick auf die wichtigen Zwischenwahlen im Herbst und die Lebenshaltungskosten seiner Wählerschaft zum Problem werden könnten, versuchte, den Fokus auf die langfristige Entwicklung zu lenken: „Die kurzzeitigen Ölpreise, die nach der Beseitigung der nuklearen Bedrohung durch den Iran rapide sinken werden, sind ein sehr geringer Preis für die Sicherheit und den Frieden der USA und der Welt“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social.
Wie die „Financial Times“ berichtet, wollten die Finanzminister der G7-Staaten über eine mögliche Freigabe von Erdölreserven unter der Koordination der Internationalen Energieagentur (IEA) beraten. Demnach haben bereits drei G7-Staaten, darunter die USA, dem Vorschlag ihre Unterstützung zugesagt. Die Mitgliedsstaaten der IEA, ein Interessenverband von Industriestaaten, halten strategische Reserven als Teil eines Notfallsystems für Ölpreiskrisen.
Ihre strategischen Ölreserven geben Volkswirtschaften jeweils in Krisensituationen frei, um den Ölmarkt zu stabilisieren oder auf Versorgungsengpässe zu reagieren. Zu diesem Mittel wird selten gegriffen. In Deutschland wurden bisher viermal strategische Ölreserven freigegeben - jeweils auf Grundlage gemeinsamer Beschlüsse der IEA-Mitgliedsländer.
Öl-Notreserven im größeren Stil wurden zuletzt im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg im Jahr 2022 freigegeben. Die IEA-Mitglieder hatten zudem während des Golfkriegs 1990/91, nach dem Hurrikan Katrina 2005 und beim Ausfall libyscher Ölexporte 2011 koordiniert Reserven freigegeben.
Deutschland hält strategische Ölreserven für mindestens 90 Tage, um Versorgungsstörungen auszugleichen. Mit diesen sogenannten strategischen Ölvorräten könnte laut Bundeswirtschaftsministerium für drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen werden.
Die Europäische Kommission sieht die Versorgung mit Öl und Gas weiter nicht unmittelbar gefährdet. „Europa ist trotz seiner hohen Abhängigkeit von den globalen Märkten als Nettoimporteur von Energie gut vorbereitet“, sagte eine Sprecherin der Behörde. Europa beziehe Gas und Öl von verschiedenen Anbietern. Die Öl-Notvorräte seien gefüllt, und auch die Gas-Vorräte seien hoch genug, um Europa bis zum Ende der Heizperiode zu versorgen.
Benzin und Diesel verteuerten sich zwar über das Wochenende weiter, die Preiszuwächse waren zuletzt aber nicht mehr so stark wie in der vergangenen Woche, wie Zahlen des ADAC zeigen. Die ersten Zahlen vom Montag deuteten - trotz des stark gestiegenen Ölpreises - zunächst eher nicht in Richtung eines starken Anstiegs beim Sprit. In der üblichen Preisspitze am Morgen ging es am Montag bei Diesel zunächst bis auf 2,177 Euro, bei E10 bis auf 2,043 Euro. Diesel war damit nur um 0,4 Cent teuer als zum selben Zeitpunkt am Sonntag, E10 um 1,1 Cent billiger.
Der Preis für europäisches Erdgas ist dagegen stark gestiegen. An der Börse in Amsterdam sprang die Notierung für den richtungweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat zum Handelsbeginn um rund 30 Prozent auf 69,50 Euro je Megawattstunde (MWh) nach oben. Im frühen Handel ist der Preis wieder ein Stück weit zurückgefallen, auf 61,80 Euro. Das sind immer noch etwa 16 Prozent mehr als am Freitag.
Mit dem aktuellen Preisanstieg hat sich europäisches Erdgas seit Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran vor mehr als einer Woche in etwa verdoppelt. Dies ist der stärkste Anstieg seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine von vier Jahren.
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