Nationalspielerin aus Weidenbach: Warum Dana Keßler (noch) nicht zum FC Bayern will | FLZ.de

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Veröffentlicht am 24.12.2025 08:00

Nationalspielerin aus Weidenbach: Warum Dana Keßler (noch) nicht zum FC Bayern will

„Es gab noch keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Fußball hatte”: Dana Keßler im gelben Trikot des SV Weinberg. (Foto: Markus Zahn)
„Es gab noch keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Fußball hatte”: Dana Keßler im gelben Trikot des SV Weinberg. (Foto: Markus Zahn)
„Es gab noch keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Fußball hatte”: Dana Keßler im gelben Trikot des SV Weinberg. (Foto: Markus Zahn)

Die Karriere der Fußballerin Dana Keßler aus Weidenbach hat geradewegs in die Nachwuchs-Nationalmannschaften geführt und damit zur Frage, ob sie zu einem Profiverein wechselt. Es gibt Angebote namhafter Klubs. Auch der DFB sähe sie gerne in einem Bundesligaverein. Trotzdem bleibt sie dem SV Weinberg treu. Für den Moment jedenfalls. Warum?

In einem Neubaugebiet in Weidenbach stehen im Garten der Keßlers kleine Fußballtore und drinnen am Esstisch sitzt eine junge Frau mit offenen blonden Haaren, die eine Stunde lang aufmerksam und ohne Smartphone in der Hand am Gespräch teilnimmt. Das kann man im Jahr 2025 bei einer 16-Jährigen ebenso sympathisch wie ungewöhnlich finden.

Der Papa spricht wie ein Manager

Dana Keßler sagt: „Ich möchte schon irgendwann in der ersten Bundesliga spielen”. Über den richtigen Weg dahin gibt es unterschiedliche Ansichten. Viele raten zum Wechsel in das professionelle Umfeld eines Nachwuchsleistungszentrums, und zwar so früh wie möglich. Dana Keßler ging bisher einen anderen Weg.

Michael Keßler, der Vater, der spricht wie ihr Manager, findet, man habe bisher alles richtig gemacht. „Dana war noch nie so nah dran an einem Stammplatz in der Nationalmannschaft wie jetzt und beim SV Weinberg ist sie Stammspielerin in der Regionalliga, schießt Tore, hat sich toll entwickelt.”

Es hätte anders kommen können.

Erste Angebote schon mit 14

Dana Keßler war 14, als die ersten Angebote anderer Vereine auftauchten. Es ist also schon oft an diesem Esstisch unter dem Bild einer Friedenstaube über den weiteren Fortgang der Karriere beratschlagt worden. Und vielleicht auch gestritten? Eher nicht, Vater und Tochter wirken wie ein gut eingespieltes Team, dem Fußball tief verbunden.

Auf dem DFB-Campus traf Dana Keßler aus Weidenbach das Männerteam mit Nationalspieler Jonathan Tah von Bayer Leverkusen. (Foto: Deutscher Fußballbund)
Auf dem DFB-Campus traf Dana Keßler aus Weidenbach das Männerteam mit Nationalspieler Jonathan Tah von Bayer Leverkusen. (Foto: Deutscher Fußballbund)

Die 14-jährige Dana Keßler aus Weidenbach ist Nationalspielerin

Die Schülerin hat ihre ersten Länderspiele für die U15-Juniorinnen des DFB bestritten. In Portugal musste sie auch für Schulaufgaben pauken.

17 Einsätze in den Nachwuchs-Nationalmannschaften hat Dana Keßler bisher absolviert. Über den heimischen TSV und die JFG Altmühltal führte der Weg zur SpVgg Ansbach, wo sie mit den U15-Jungs in der Bayernliga spielte. Von dort ging es zum Frauenteam des SV Weinberg, in dem Keßler eine tragende Rolle einnimmt.

Anderswo gibt es Trainingshallen mit Kunstrasen

Michael Keßler spielte vor 25 Jahren für die SpVgg Ansbach in der damals drittklassigen Regionalliga, wurde später Trainer und Familienvater, ließ Dana und ihren älteren Bruder beim Kicken in Garten und Keller gewinnen. Bald schon gewann er dann nicht mehr, selbst als er gewinnen wollte.

Gut zehn Jahre später fuhr er seine Tochter zu einem Probetraining bei der TSG Hoffenheim. Dort wird im Winter gerne mal in einer Halle trainiert, die mit Kunstrasen ausgelegt ist. Der SV Weinberg trainiert im Winter auch auf Kunstrasen, allerdings ohne Halle drumherum.


„Wir scannen eigentlich den gesamten süddeutschen Raum”.

Michael Keßler

Der Bundesligist aus Nordbaden mit seiner starken Frauenabteilung ist nicht der einzige Verein, der Interesse an Dana Keßler hat. Eine Teamkollegin in der U17-Nationalmannschaft wirbt eifrig für den FC Bayern München. „Wir scannen eigentlich den gesamten süddeutschen Raum”, sagt Michael Keßler. Auch der 1. FC Nürnberg, von den ambitionierten Vereinen am leichtesten zu erreichen, ist ein Thema.

Der Schritt hin zu einem großen Klub wird irgendwann kommen. Nur eben jetzt noch nicht. „Es würde mir schon schwerfallen, die Schule, meine Freundinnen und mein Umfeld hier zu verlassen”, sagt Dana Keßler.

Julia Brückner steht vor der Aufgabe, eine neue Mannschaft beim SV Weinberg zu formen. (Foto: Martin Rügner)
Julia Brückner steht vor der Aufgabe, eine neue Mannschaft beim SV Weinberg zu formen. (Foto: Martin Rügner)

Nach dem bitteren Abstieg: SV Weinberg mit Teenager-Power in der Regionalliga

Fünf Stammspielerinnen weg, eine Reihe Teenager kam neu dazu. Der SV Weinberg stand nach dem Abstieg aus der 2. Fußball-Bundesliga vor einem Umbruch.

Die Schule ist das Theresien-Gymnasium in Ansbach. Das Abitur ist für die Elftklässlerin nicht mehr weit entfernt und ob man kurz vor der Reifeprüfung dann noch die Schule wechseln will, ist auch so eine Frage.

Und es ist ja auch nicht garantiert, dass der Umzug zu einem Bundesligaklub den gewünschten Effekt bringt, trotz der besseren Ausstattung, den tollen Trainingsplätzen und all den professionellen Trainern und Medizinern, die sich kümmern. „Manche schaffen es nicht, bekommen kaum Einsätze und verlieren dann total die Lust”, weiß Michael Keßler.

In der Startelf beim Regionalliga-Tabellenführer

Statt auf der Bank bei einem Zweitligisten zu sitzen, steht Dana Keßler regelmäßig in der Startelf des Regionalliga-Tabellenführers. Dort spielt sie eine etwas offensivere Rolle als im Nationalteam, wo sie meist als Sechser oder sogar als Innenverteidigerin eingesetzt wird.

Was Umfang und Betreuungsqualität beim Training angeht, ein starkes Argument der Nationaltrainer für den Wechsel der Talente zu einem Bundesligaverein, kann der SVW nicht mithalten. Im U17-Nationalkader ist Keßler als Angehörige eines kleinen Vereins ein Exot.

Auf den Länderspielreisen sind Lehrer dabei

Fehlende Einheiten versucht Keßler deshalb mit den Jungs der SpVgg Ansbach nachzuholen, übt zudem mit Männermannschaften in der Halle und mischt sich manchmal sogar in den Unisport der Triesdorfer Studenten.

„Es gab noch keinen Tag, an dem ich keine Lust auf Fußball hatte”, sagt Dana Keßler. Im Januar geht es mit der DFB-Auswahl ins Wintertrainingslager nach Spanien, im Februar schon steht in Schweden die nächste Runde der EM-Qualifikation an. Pädagogen unterstützen die Mädchen auf den Länderspielreisen dabei, den Schulstoff zu bewältigen. Damit hat Dana Keßler aber eh kein Problem.

Christoph Hasselmeier: Heimweh und Nachhilfe in München

Das war bei Christoph Hasselmeier anders. „Ich war lange kein besonders guter Schüler”, erinnert sich der Sportliche Leiter der SpVgg Ansbach an die Zeit, als in seinem Elternhaus in Sachsen bei Ansbach ähnliche Überlegungen angestellt wurden wie jetzt bei den Keßlers.

Hasselmeier galt damals als überragendes Talent der SpVgg Ansbach und wechselte mit 15 ins Internat des FC Bayern München, kehrte aber nach zwei Jahren vorzeitig wieder zurück nach Franken. „Ich weiß nicht, ob ich daheim so einen guten Schulabschluss hinbekommen hätte wie in München”, sagt der 34-Jährige. Parallel zur intensiven sportlichen Ausbildung kümmerten sich Nachhilfelehrer regelmäßig um die FCB-Talente. Beim Heimweh, das Hasselmeier mit häufigen Fahrten nach Mittelfranken bekämpfte, konnten die aber auch nicht helfen.

Auch wenn der Umzug nach München nicht in eine große Profikarriere mündete, war er für Hasselmeier im Rückblick der richtige Schritt: „Ich habe sehr davon profitiert, als Fußballer, als Persönlichkeit und vor allem was Lebenserfahrung und Kontakte angeht”.

Leo Trumpp: Jede Woche ein Jahr reifer

Leo Trumpp aus Feuchtwangen war ebenfalls 15, als er von daheim aus- und ins Haus der Athleten in München einzog. Der Stabhochspringer trainiert beim TSV Gräfelfing, gehört dem Nationalkader an und hat seine Bestleistung deutlich, auf mittlerweile 4,72 Meter, gesteigert.

Das Mindset stimmt auch in viereinhalb Metern Höhe: Leo Trumpp. (Foto: Theo Kiefner)
Das Mindset stimmt auch in viereinhalb Metern Höhe: Leo Trumpp. (Foto: Theo Kiefner)

Leo Trumpp aus Feuchtwangen: Furchtlos mit Vollgas gegen die Wand

Für den Stabhochspringer hat sich der Wechsel zum TSV Gräfelfing gelohnt. Der Trainer ist voll des Lobes und bringt sogar die Olympianorm ins Spiel.

Die Entscheidung, den eher introvertierten Jungen in die Großstadt ziehen zu lassen, hat man sich nicht leicht gemacht. Aber sie war richtig. „Es geht ihm richtig gut. Der Leo hat sich als Persönlichkeit unglaublich schnell entwickelt”, sagt seine Mutter Rabea Trumpp eineinhalb Jahre später, „man hat das Gefühl, er wird jede Woche ein Jahr reifer.”

Auch wichtig: Nicht nur im Sport, auch in der Schule laufe es super. Das Manko: „Er fehlt uns wahnsinnig daheim”.

Das würde im Falle der Fälle bestimmt auch der Familie Keßler so gehen.


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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