Die Sonne strahlt in Rothenburg über den Wald hinweg auf die Wiese der Naturkindertagesstätte Engelsburg. Kinder sind auf dem Grundstück verteilt: Sie spielen miteinander, rennen umher oder sitzen auf den kleinen Bänken und malen mit Wasserfarben. Der Standortwechsel hat sich augenscheinlich gelohnt.
Was ursprünglich ein Waldkindergarten war, der zum Schluss nur noch wenige Kinder betreute, ist jetzt eine funktionierende Einrichtung auf einer Wiese am Waldrand. Derzeit werden dort elf Kinder betreut, bis Herbst dieses Jahres werden alle 20 Plätze belegt sein.
Warum die Kindertagesstätte plötzlich so gut ankommt? An dem naturnahen Konzept sei es bisher nicht gescheitert. Vielmehr sei der Erfolg dem neuen Standort geschuldet, mutmaßt Carmen Bartelmes, Leiterin der AWO-Kita am Herterichweg. Die Naturkita liegt nur einen Katzensprung von der Stadt entfernt. Zuvor hat die Betreuung in Sengelhof bei Buch am Wald stattgefunden. Das bedeutete für einige Eltern Fahrten von vielen Kilometern pro Tag, erzählt Erzieherin Stephanie Thurau. Jedoch: „Das war ein wunderschöner Standort“, erinnert sie sich.
Die Nähe zur Stadt ist auch für die Mitarbeitenden von Vorteil. Falls zum Beispiel Materialien oder Wasser ausgehen, ist die nächste Einrichtung der AWO – am Herterichweg – nur wenige Minuten entfernt. „Wir haben viele Eltern, die das unterstützen“, so Bartelmes. Diese würden sehr hinter dem Konzept stehen. Wie das ausschaut? Soweit es das Wetter hergibt, spielen die Kinder die gesamte Zeit – von 8 bis 14 Uhr – im Freien. Der Alltag in der Naturkindertagesstätte unterscheidet sich nicht allzu sehr von einer gängigen Kita. Jedoch: „In der Natur draußen braucht man eigentlich kein Spielzeug mehr“, sagt Bartelmes.
Zwei Kinder tragen zusammen eine große Holzlatte, ein paar Mädchen klopfen auf einem Baumstamm herum und andere sind damit beschäftigt, ihre bunten Schals um Baumstämme zu wickeln. Aber auch das Malen mit Wasserfarben an den kleinen Tischen oder das Rächen von Laub finden die Kleinen spaßig.
Beschäftigt ist jeder – und das jederzeit. Die Atmosphäre ist angenehm ruhig, beinahe idyllisch. Der zwölf Meter lange und drei Meter breite Bauwagen auf dem Grundstück bietet eine Unterschlupfmöglichkeit, falls all das in der kalten Jahreszeit nicht möglich ist. Den ersten Winter haben die Kinder und ihre Betreuenden bereits überstanden. Wichtig dabei war die Kleidung.
Vor allem Handschuhe und gutes Schuhwerk waren entscheidend, erzählt Mitarbeiterin Matrona Cheregi. Zu Beginn des Tages wurde als Erstes der Holzofen im Bauwagen angeschürt, damit es im Inneren warm ist. Dann frühstückte die Gruppe dort.
Damit die Kinder durch das Spielen im Freien nicht frieren, wurden regelmäßige Aufwärmphasen im Bauwagen eingeplant. Zudem wurden die Kleinen dazu angehalten, sich auch einzeln in die Wärme zu begeben, falls ihnen schon kalt ist. Denn nicht jedes Kind reagiere gleich, betonen die Mitarbeiterinnen. Außerdem: Der Winter ist „ein kleiner Teil im Jahr“, sagt Cheregi. Es sind „immer noch zehn Monate übrig, die cool sind“. „Minus acht Grad packen wir“, sagt Thurau und schmunzelt. Bei Plustemperaturen lassen sich die Kleinen nicht so schnell vom Spielen abhalten, erzählt Cheregi.
„Unsere Kinder lieben den Regen.“ Bei schlechtem Wetter könne es durchaus aber auch vorkommen, dass der gesamte Tag im Bauwagen verbracht werden muss. Im Falle von starken Unwetterwarnungen steht der Kita ein Raum im Jugendzentrum zur Verfügung, in den sie bei Bedarf ausweichen können.
Minus acht Grad packen wir.
Um den Spielalltag etwas aufzumischen, haben sich die Betreuenden Besonderes für die einzelnen Wochentage überlegt: Am Montag ist Experimente-Tag mit Kinderpfleger Giuseppe Nigro und am Dienstag wird gemeinsam über offenem Feuer gekocht. Mittwochs veranstaltet Matrona Cheregi die „Waldforscher“ für die bereits älteren Kinder.
Das soll zum Teil auf die Schule vorbereiten. Zum Beispiel haben sie Buchstaben geübt. Das sieht wie folgt aus: Cheregi legt verschiedene Buchstaben in die Mitte des Kreises. „Und ihr meldet euch, wenn ihr ihn kennt“, sagt sie zu ihren Schützlingen.
Danach legt sie Gegenstände – wie ein Buch, Spielzeug oder einen Apfel –, dazu, deren Anfangsbuchstabe zu denen Anlauten passt. „L wie Löffel“, „A wie Apfel“, erraten die Kinder richtig. Weiter geht es in der Woche mit dem „Unternehmertag“ am Donnerstag. Da geht die kleine Truppe auf Wanderung und schaut sich neue Flecken in der Umgebung an. Besondere Aktivitäten können sich die Kinder am Freitag wünschen – dem „Wunschtag“.
Diese kleinen Routinen machen dem Nachwuchs augenscheinlich Spaß, langweilig wird ihnen so nicht. Carmen Bartelmes ist zufrieden: Die Kita ist „was anderes, das es in Rothenburg so nicht gibt“.