Eine halbe Stunde schaut Claas Werner stumm zu. Immer geradeaus auf die Frau, die als Zeugin vor ihm sitzt. Der Richter schaut nicht nach links, nicht nach rechts. Er verzieht keine Miene, er lächelt nicht, zieht keine Braue hoch. Pokerface pur, doch hier geht es nicht darum, zu bluffen. Es geht um die Wahrheit, und das hat die Frau, der Werner zuhört, nicht verstanden.
Bei ihrem ersten Auftritt vor zwei Wochen hat die Studentin der Zweiten Strafkammer am Landgericht Nürnberg-Fürth eine faustdicke Lüge aufgetischt. Sie erfand in ihrer dreistündigen Aussage einen großen Unbekannten, der sie in einem kleinen Ort im westlichen Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim auf das Übelste verprügelt hatte.
Angeblich war es ein Dealer, den sie über einen Mittelsmann aus dem Raum Würzburg telefonisch auf einen Feldweg irgendwo vorm Wald lotste. Nachdem sie die Drogen nicht bezahlt habe, sei ihr der Dealer gefolgt und in das Haus ihrer Eltern eingedrungen. Das hätten weder die Eltern im Erdgeschoss noch ihr Freund in ihrer Wohnung im ersten Stock mitbekommen. Dort habe ihr der unbekannte Dealer die schweren Verletzungen verpasst, wegen denen sie in der Intensivstation der Uniklinik Würzburg landete.
Staatsanwältin Christina Volk sah darin nicht nur blühenden Unsinn, sondern eine klare Falschaussage und ließ die 24-Jährige noch im Gerichtssaal festnehmen. In Untersuchungshaft kam sie nicht, doch weiterhin droht ihr ein eigenes Verfahren.
Sie sei hier, „um die Wahrheit zu sagen“, hatte sie vor zwei Wochen versichert. Jetzt sitzt sie wieder im Verhandlungssaal 1.008, auf eigenen Wunsch. „Sie wollten noch mal erscheinen“, begrüßt sie Richter Claas Werner. „Was wollen Sie uns denn noch erzählen?“ Die junge Frau schnauft tief durch. „Also, ich habe das letzte Mal nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber es war nicht alles gelogen.“
Ihre zweite Version lautet jetzt: Angeblich gab es den Dealer wirklich, doch der blieb am 16. August 2023 kurz nach Mitternacht auf dem Feldweg vorm Wald. Zurück ging seine Kundin mit einem Gramm Kokain, das sie sich in ihrer Wohnung im Elternhaus mit ihrem Freund – dem jetzigen Angeklagten – teilte. „Ich wollte ihm damit eine Freude machen. Aber er wurde immer komischer.“ Weshalb sie ihm riet, zur Beruhigung noch einen Joint nachzuziehen. „Aber es wurde noch schlimmer. Ich hab ihn gar nicht mehr erkannt. Auf einmal ist er auf mich losgegangen.“
Eine halbstündige Gewaltorgie mit vielen Faustschlägen ins Gesicht wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vor. Sie stützt sich auf die Aussage des Opfers nach der Tat, den heftigen Blutspuren im Haus und die medizinischen Befunde zu den lebensgefährlichen Verletzungen am Kopf. Die 24-Jährige war übel zugerichtet, es geht um schwere Körperverletzung.
Von einem Drogenrausch war bei dem mutmaßlichen Täter laut den Aussagen anderer Zeugen nichts zu bemerken. Er wechselte nach der Prügelserie seine blutbefleckte Kleidung gegen eine weiße Hose und ein weißes T-Shirt. Er rief seine Mutter und seinen Bruder in Würzburg an und sagte ihnen, dass etwas Schreckliches passiert sei und sie kommen sollten. Der Bruder alarmierte den Rettungsdienst, der Vater im Haus die Polizei, nachdem er seine Tochter mit heftig geschwollenem Gesicht auf der Treppe gefunden hatte.
„Überall war Blut, aber seine Hände waren makellos, picobello“, berichtete der Polizist, der als erster am Tatort war, als Zeuge. „Nur seine Socken waren blutverschmiert.“ Der Angeklagte erzählte dem Polizisten damals demnach mit klarer Stimme, was hier angeblich passiert war. „Er hat gesagt, sie ist total durchgedreht und wollte aus dem Fenster springen. Er habe sie davon abgehalten.“
Für den Ermittler mit 30 Jahren Berufserfahrung war klar: „Das war eine wilde Geschichte. Die Spuren und seine Aussagen haben überhaupt nicht zusammengepasst.“ Blut klebte an etlichen Möbeln bis auf einen halben Meter Höhe, Blutspuren zogen sich meterlang durch die Wohnung, ein Spiegel lag in Scherben. Für den Beamten war der Verdacht zwingend: „Ich habe ihn belehrt, dass er als Beschuldigter gilt. Wer soll es denn sonst gewesen sein? Der Heilige Geist?“
Das Verhalten des Mannes sei unauffällig gewesen. „Er ist einfach dagesessen, ganz ruhig und etwas in sich gekehrt.“ Im normalen Gesprächston sei es dann in der Inspektion weitergegangen. Ein Atemalkoholtest ergab 0,2 Promille. Das Verhalten war so unauffällig, dass weder Polizei noch Staatsanwaltschaft einen Verdacht hegten, es könnten Drogen im Spiel gewesen sein. Sie verzichteten auf eine Blutentnahme, zumal es auch keine Aussagen vom mutmaßlichem Täter oder der Verprügelten über einen Drogenkonsum gab.
Das holt der Angeklagte nun nach über eineinhalb Jahren nach. Er sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft, seit einer ersten Verhandlung am Amtsgericht Neustadt im Dezember. Bei ihr wurde schnell klar, dass der Fall wegen der massiven Gewalt ans Landgericht gehört. Dort hatte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag kein Wort gesagt. „Mein Mandant hat die Situation die ganze Zeit verdrängt“, begründet seine Anwältin Tamara Geis das lange Schweigen.
Sehr langsam, sehr leise und mit sehr vielen Pausen sagt er jetzt am zweiten Verhandlungstag, er habe in den Monaten vor der Tat täglich ein bis zwei Gramm Kokain konsumiert. An dem Abend in der Wohnung seiner Freundin habe er dann Dämonen gespürt, Stimmen gehört und seine Freundin angegriffen. Was genau er gemacht habe, wisse er nicht mehr, seine Erinnerung sei sehr lückenhaft.
Zwei Wochen nach dieser Tat alarmierte seine Freundin, rasch wieder mit ihm versöhnt und gemeinsam auf einer Deutschlandreise, erneut die Polizei. In einem Hotel war es zum nächsten Gewaltausbruch gekommen. Die Studentin gab damals an, dass sie von ihrem Partner auf Gröbste beleidigt, mehrfach geschubst, im Zimmer eingesperrt und bedroht worden sei. Außerdem soll der Angeklagte bei diesem Vorfall angekündigt haben, die ganze Familie seiner Partnerin umzubringen.
„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt der Angeklagte, ebensowenig an die meisten anderen Dinge, die ihm Richter Claas Werner zu der massiven Gewalt gegen seine Partnerin in deren Wohnung vorhält. Die Nacht im August hätte leicht mit bleibenden oder gar tödlichen Verletzungen enden können. „Sie sah aus, als wäre ihr eine Dampfwalze übers Gesicht gefahren“, sagt der Richter über die Bilder der Geprügelten. Diese schickte, gerade auf der Intensivstation in der Uni-Klinik versorgt, ihrem Angreifer vom Krankenbett eine Nachricht, die ein Polizist auf dem konfiszierten Handy las. „Schäm dich, du hättest mich fast umgebracht.“
Bis zur dreisten Lüge vor Gericht in ihrer ersten Aussage hatte die 24-Jährige nun alles getan, um ihren gleichaltrigen Freund vorm Gefängnis zu bewahren. „Ich habe selbst ein Drogenproblem und will, dass er nicht ins Gefängnis muss, sondern eine Therapie bekommt“, sagt sie unter lautem Schluchzen zum Richter. „Ich liebe diesen Menschen, verstehen Sie? Ich liebe diesen Menschen, wenn er nicht auf Drogen ist“. Dann fragt sie den Richter: „Darf ich ihn umarmen?“ Claas Werner neigt leicht den Kopf. „Tut mir leid, das geht nicht.“
Die Zweite Strafkammer muss nun einen Sachverständigen finden, der möglichst schnell ein Gutachten über den Angeklagten liefern kann. Die Frage, ob die Schuldfähigkeit des 24-Jährigen bei der Tat durch Drogenkonsum beeinträchtigt gewesen sein könnte, ist zu klären. Für den Prozess sind drei weitere Termine bis in den Mai bestimmt.