Kardinal Faulhaber – „Porträt mit vielen Grauschattierungen“ | FLZ.de

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Veröffentlicht am 30.06.2026 03:46, aktualisiert am 30.06.2026 10:42

Kardinal Faulhaber – „Porträt mit vielen Grauschattierungen“

Kardinal Faulhaber starb 1952. (Archivbild) (Foto: picture alliance / dpa)
Kardinal Faulhaber starb 1952. (Archivbild) (Foto: picture alliance / dpa)
Kardinal Faulhaber starb 1952. (Archivbild) (Foto: picture alliance / dpa)

Ein katholischer Kardinal, der Adolf Hitler in Schutz nahm, der vom Holocaust wusste und dazu schwieg, sich aber im Verborgenen für getaufte Juden einsetzte und Kontakte pflegte zum deutschen Widerstand: Ein nach mehr als zwölf Jahren nun abgeschlossenes und vorgestelltes Forschungsprojekt zu den Tagebüchern des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber (1869-1952) zeichnet ein zwiespältiges Bild des prominenten Kirchenmannes. 

„Antidemokratische Positionen“

Er habe „während der Weimarer Republik dezidiert antidemokratische Positionen“ vertreten und dem NS-Regime gegenüber „in einer ambivalenten Haltung“ verharrt, sagt der Projektleiter und frühere Direktor des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Andreas Wirsching. 

„Eine wirkliche Legitimität errang die Weimarer Republik in Faulhabers Augen zu keinem Zeitpunkt. Die NS-Ideologie lehnte er als „Häresie” ab, doch Hitler selbst nahm er immer wieder in Schutz.“

Faulhaber weihte späteren Papst zum Priester

Michael von Faulhaber war 35 Jahre lang Erzbischof von München und Freising. Als solcher weihte er 1951 auch den späteren Papst Benedikt XVI. zum Priester. Außerdem galt er als Vertrauter von Papst Pius XII.

2013 war das Forschungsprojekt gestartet. Es basiert auf den Tagebüchern des Kardinals, die bis 2010 unter dem Bett von Faulhabers letztem Sekretär lagerten, der die Dokumente bis zu seinem Tod nicht freigab. Sie enthalten Einträge zu 52.000 Besuchen und Gesprächen von 1911 bis 1952 – also von der Kaiserzeit bis zur jungen Bundesrepublik.

Tagebücher sollen „fachlich fundierte Diskussion“ ermöglichen

„Nichts, was in den Archivalien zutage treten könnte, kann der Kirche mehr schaden als der Verdacht, wir würden etwas verschweigen oder vertuschen wollen“, hatte der aktuelle Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, 2013 bei der Vorstellung des Projektes und zur schrittweisen Veröffentlichung der Edition gesagt. 

Sein Stellvertreter, Generalvikar Christoph Klingan, nennt die wissenschaftliche Ausgabe der Tagebücher bei der Vorstellung des Projektergebnisses in der Katholischen Akademie in München einen wichtigen Beitrag für eine „offene und fachlich fundierte Diskussion“. 

Debatte um Straßennamen

In der jüngeren Vergangenheit war Faulhaber wegen seines Verhaltens während des Nationalsozialismus vermehrt in die Kritik geraten. In Würzburg wurde ein nach ihm benannter Platz wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus umbenannt und auch in München gibt es Diskussionen um die Kardinal-Faulhaber-Straße. 

„Gerade hier liegt die besondere Bedeutung der Tagebücher“, sagt der stellvertretende Projektleiter Matthias Daufratshofer. Die Aufzeichnungen „geben Auskunft über Faulhabers Sicht auf die politischen Umbrüche seiner Zeit, seine Haltung zum Nationalsozialismus, sein Verhalten zur millionenfachen Ermordung jüdischer Menschen und sein weitreichendes Personennetzwerk“. 

„Nachmittag Schwestern Sigurtina und Bonifatia - von Sankt-Martinspital und der Psychiatrie“, schreibt Faulhaber am 24. Juli 1931, an dem er auch über eine „Hühneraugenbehandlung“ klagt. „Dort hat die Hitlerjugend den Alten gedroht mit Schießen, weil sie das Brot wegessen, hier werden die Fälle immer schlimmer.“

Kardinal schreibt: „Ich nehme Hitler in Schutz“

Genau zwei Jahre später, am 24. Juli 1933 heißt es über eine Besucherin: „Will über Hitler schimpfen: Ich breche ab und erkläre: Ich achte ihn für einen großen Mann und Staatsmann.“ Und drei Monate danach: „Das Ansehen von Hitler gewachsen. Die rechtmäßige Regierung, also Ehrfurcht, also keine dummen Scherze verbreiten.“ Und im März 1934: „Ich nehme Hitler in Schutz, daß er guten Willen und staatsmännische Fähigkeiten habe.“

In den Tagebüchern wird auch deutlich, dass Faulhaber von den „Euthanasie“ genannten Morden an kranken und behinderten Menschen wusste: „Sprechen lange über unsere neue Sorge: Euthanasie der Geisteskranken“, schreibt er am 4. Januar 1941 - und drei Monate später, im April: „Es wird versichert, das Altenheim würde nicht in die Euthanasie einbezogen.“ Für den 6. November 1923 ist aber auch folgender Eintrag vermerkt: „Es ist ein Artikel gegen mich, weil ich in der Allerseelenpredigt den Haß gegen die Juden als unchristlich bezeichnet habe.“

„Porträt mit vielen Grauschattierungen“

Faulhaber zeige sich in seinen Tagebüchern als „ein Münchner Bürger, der während der Revolution von 1918 unter Todesangst litt. Ein Erzbischof, der sich von einer Kriegs- zu einer Friedenstheologie entwickelte. Ein Alttestamentler, der in antisemitischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb und gleichzeitig Mitglied der Vereinigung „Amici Israel” war“, sagt Daufratshofer. Sein Fazit: „An die Stelle eines eindimensionalen Schwarz-Weiß-Bildes dürfte nun ein Porträt mit vielen Grauschattierungen treten.“

Am 26. März 1932 schrieb Faulhaber: „Prinzessinnen Hildegard und Wiltrud: Fragen über Hitler - ich weiche aus. Glocken von Sankt Peter.“

© dpa-infocom, dpa:260630-930-307011/2


Von dpa
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