Sechs Mitarbeiter von XXXLutz wollen für den Standort im Industriegebiet Uffenheim-Langensteinach (Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) einen Betriebsrat gründen. „Das ist unser gutes Recht.“ Heute soll es so weit sein. Aber nun kündigte der österreichische Möbelriese den Listenkandidaten und einem Sympathisanten. Außerdem stellte er die Initiatorin Buket Demirci frei. Über einen Kampf mit harten Bandagen.
Eigentlich ist der 14. Februar Valentinstag – der Tag der Liebe. Beruflich war er für die Uffenheimerin Buket Demirci aber alles andere als liebevoll. Sie arbeitet bei XXXLutz. Als ihr auffällt, dass das Unternehmen am Uffenheimer Standort – Demirci schätzt die Zahl der Mitarbeiter dort auf über 200 – keinen Betriebsrat hat, kontaktiert sie einen Rechtsanwalt, dessen Namen der Redaktion bekannt ist.
Buket Demirci und einige Mitstreiter, die bei einem Presegespräch am Dienstagnachmittag dabei sind, aber lieber anonym bleiben wollen, möchten nun einen Betriebsrat gründen. Denn wirklich glücklich, betonen sie, ist eigentlich kein Angestellter. Woran das liegt? Für sie ist klar: am Betriebsklima.
Sie berichten von Abmahnungswellen, Verstößen gegen den Arbeitsschutz, von niedrigen Löhnen, Entgleisungen der Chef-Etage und von Angstmacherei. „Wer keine Überstunden macht, der fliegt“, habe eine Führungskraft einmal gesagt. „Wir werden nicht wie Menschen behandelt, sondern wie Maschinen. Es gibt keine Wertschätzung“, so Demirci.
Genug Gründe also, einen Betriebsrat zu gründen. So hängen sie am Valentinstag eine Einladung aus, gemeinsam mit einer Kandidatenliste. Es dauert keine zwei Stunden, berichten alle, bis die Personen darauf vorgeladen werden. „Warum macht ihr das?“, hätten die Vorgesetzten gefragt. Die Initiatoren – jeder einzeln – erklären den arbeitsrechtlichen Hintergrund. Am Mittwoch, 15. Februar, seien dann die Aushänge plötzlich verschwunden. Einen Tag später spitzt sich die Lage weiter zu.
Den potenziellen Betriebsratsinteressierten werden Aufhebungsverträge angeboten – einer davon liegt unserer Redaktion vor. Die XXXLutz-Angestellten sprechen von „freikaufen“, die Einrichtungshauskette habe Aufmüpfige loswerden wollen – sie hätten dafür sogar ein Jahresgehalt plus 10.000 Euro geboten, für einen Mitarbeiter, der erst seit einem Jahr dabei ist. „Das 30-fache des Durchschnitts“, betont Demirci. Für alle zusammen also rund 200.000 Euro.
Jedoch hätten die Vorgesetzten Druck ausgeübt, auf eine sofortige Entscheidung gedrängt. Ihr sei gesagt worden, man könne über die Höhe der Summe gerne noch sprechen. Aber: „Wir haben alle abgelehnt. Die können mir eine Million Euro geben, ich werde nichts annehmen. Uns geht es um die Sache.“ Daraufhin sei Betroffenen gedroht worden. „Ich werde dich abmahnen, abmahnen, abmahnen und dann rausschmeißen“, habe der Personaler gesagt. Sie sollten sich in Acht nehmen, er werde sie „genau unter die Lupe nehmen“.
Am Montag seien dann alle auf der Betriebsratsliste gekündigt und freigestellt worden; einer davon sei erst kürzlich befördert worden, ein anderer hatte zuvor kündigen wollen und sei überredet worden, zu bleiben. Die Begründung für die Kündigung: betriebliche Umstrukturierung. Nur Demirci wurde lediglich freigestellt. Allerdings habe das Unternehmen auch einem Sympathisanten gekündigt, der in einem Büro gesagt habe, er finde die Gründung gut. „Die wollen Angst machen. Wer das Wort Betriebsrat in den Mund nimmt, dem wird gekündigt“, sagt ein Mitstreiter. „Das ist wie ein Krimi“, sagt Demirci.
Sie ist bei der Kündigungswelle nicht im Haus, wird aber angerufen und fährt als Vertrauensperson gleich nach Langensteinach, sagt sie. „Als ich ankam, sind alle Vorgesetzten verschwunden.“ Nur einer nicht. Der habe betont: „Das ist nicht unsere Entscheidung, wir waren nicht in Österreich.“ Es sei eine Anweisung der Zentrale gewesen.
Die Betriebsratsinteressenten aber wollen trotz Freistellung am Freitag um 11 Uhr versuchen, aufs Gelände zu kommen. Die Wahl ist für 13 Uhr terminiert. Ob aus dem Unternehmen viele teilnehmen werden, bezweifelt Demirci. Viele haben ihr privat geschrieben, dass sie Angst haben.
Der Anwalt kommentiert den Sachverhalt mit den Worten: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Er übernimmt die Beratungen zur Betriebsratsgründung kostenlos – „ein Ehrenmann“, so Demirci. „Die können es nicht verhindern, wenn wir standhaft bleiben. Keiner von uns ist demotiviert, im Gegenteil.“
Die Redaktion hat die Pressestelle der XXXL-Group mit den Vorwürfen schriftlich konfrontiert. In einer Stellungnahme heißt es: „Grundsätzlich möchten wir vorwegschicken, dass wir in der deutschen XXXLutz-Unternehmensgruppe mit insgesamt 32 Betriebsratsgremien und weit über 300 Betriebsräten aktiv sind und sehr gut zusammenarbeiten.“
Und weiter: „Damit sollte unser Selbstverständnis bekannt und auch Ihre Frage ,Betriebsrat für den Standort Uffenheim‘ beantwortet sein. Sie werden gewiss Verständnis dafür haben, dass es zugleich auch in unserer Verantwortung liegt, dafür Sorge zu tragen, dass für alle Beteiligten die rechtlichen Rahmenbedingungen eingehalten werden. Gerne bestätigen wir Ihnen, dass dies von unserer Seite auf alle Fälle erfolgen wird.“ Eine Firmenanwältin wirft der Gegenseite allerdings vor, die Betriebsratswahl „unter Missachtung von Betriebsstruktur und Wahlvorschriften“ vornehmen zu wollen. Demirci widerspricht dem entschieden.
Und warum dann die Kündigungen? Der Unternehmenssprecher informiert, dass sich „die XXXLutz-Unternehmensgruppe dazu entschlossen hat, sämtliche für den E-Commerce-Bereich relevanten Logistik-Prozesse weiter zu bündeln und auch standortspezifisch zu konzentrieren. Grund hierfür ist, dass sich der Anteil europäischer Direktlieferanten weiter erhöht.“
Das habe zur „positiven Folge“, dass der Einkauf nochmals regionaler werde. „Gleichzeitig sinkt der Anteil an Importware, die von den Logistikstandorten in Uffenheim abgewickelt werden. Dadurch erfolgt eine erhöhte Anlieferung der Direktlieferanten an die Servicecenter der Verkaufs-Standorte statt ins Zentrallager nach Uffenheim.“ Demnach würden dort fortan keine E-Commerce-Logistik-Ketten mehr bedient, damit entfalle sukzessive auch die Lager-Bevorratung fürs Online-Segment.
Von dieser Grundsatzentscheidung seien in Uffenheim „vereinzelte Beschäftigte unmittelbar betroffen“. Die Kündigungen hätten also mit der Betriebsratswahl überhaupt nichts zu tun. Und: „Grundsätzlich unterstützt XXXLutz alle Mitarbeiter individuell und persönlich – mit dem Ziel, dass alle Beschäftigten einen heimatnahen Arbeitsplatz finden.“
Demirci hält das alles für Scheinargumente. „Warum dann die Aufhebungsverträge mit diesen Riesensummen?“ Sie glaubt auch nicht an den großen Zufall, dass ausgerechnet alle Betriebsratsinteressenten von dieser Umstrukturierung betroffen sein sollen. Sie will an der Betriebsversammlung am Freitag festhalten, der Anwalt will sie unterstützen, „wenn ich kein Hausverbot bekomme“. Demirci: „Ich habe vor, bis zu meiner Rente dort zu sitzen.“ Aber nur, wenn es einen Betriebsrat gibt.