Premiere auf dem Münchner Nockherberg: Beim traditionellen Starkbieranstich hat erstmals der Schauspieler und Kabarettist Stephan Zinner der versammelten Polit-Prominenz die Leviten gelesen. Als neuer Fastenprediger beklagte er unter anderem eine weit verbreitete Intoleranz politischen Konkurrenten gegenüber. Ins Visier nahm er dabei unter anderem die CSU und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, aber auch alle anderen Parteien. Ebenso den Kanzler und die Koalitions-Spitzen in Berlin.
Augenmaß, in Bayern früher heimisch, sei verloren gegangen, lästerte Zinner am Schluss seines Auftritts. „Ausgerottet – durch Dauerempörung, Parteitage, Bierzelte und Talkshows.“ Es brauche wieder einen bayerischen Weg, mit Verlässlichkeit und Ehrlichkeit. Es brauche ein Miteinander und kein Gegeneinander. Über die Weltlage sagt der neue Fastenprediger: „Ein Wahnsinniger im Osten und ein Wahnsinniger im Westen und wir dazwischen.“
Zinner kritisierte beispielsweise den Aufschrei in Teilen der CSU, nachdem Ex-CSU-Chef Erwin Huber auf einer Grünen-Fraktionsklausur aufgetreten war. „Das ist schon krass, dass das gar nicht mehr geht, dass man dem anderen politischen Lager a bissl Recht gibt“, sagte der Fastenprediger. Die Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen sei aber kein Rechts- oder Links-Phänomen. „Nein, das ist ein Zeichen einer vollkommen überhitzten, aus dem Ruder gelaufenen Diskussionskultur.“ Zinner spottete auch über reflexhafte CSU-Kritik an den Grünen und Ex-Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CSU) bezeichnete Zinner als „nordrhein-westfälischen Hungerhaken“, SPD-Chef Lars Klingbeil attestierte er ein „Charisma wie ein Einbau-Kühlschrank“. Der Kabarettist kritisierte den Kurs in der Migrationspolitik, mit dem die Koalition „den jammernden, Schrebergarten verteidigenden AfDler“ auf ihre Seite ziehen wolle. Der CSU hielt er nebenbei „Regionalpopulismus“ vor - was freilich auch Kern einer kürzlich vorgestellten wissenschaftlichen Analyse war. Inhaltlich kritisierte er etwa die CSU-Initiative, dass bei Schul-Abschlussfeiern in Bayern künftig eine Hymnenpflicht gelten soll: Man solle nicht „so einen plakativen Schmarrn“ verlangen, lästerte Zinner.
Insgesamt war die Rede weit weniger scharf als die von Zinners Vorgänger Maxi Schafroth im vergangenen Jahr. Der war insbesondere mit Söder und der CSU überaus hart ins Gericht gegangenen - und hatte deshalb, nach viel Kritik aus konservativen Kreisen, seinen Posten unfreiwillig räumen müssen. Zinner war auf dem Nockherberg früher als Söder-Double im Singspiel aufgetreten.
Sein Management habe ihn gefragt, warum er die neue Aufgabe übernommen habe - das sei doch ein Schleudersitz, berichtete Zinner anfangs. Er möge die Veranstaltung, habe er geantwortet. Und: „Wir können zeigen, dass wir über uns lachen können. Auch die Mächtigen, die Großkopferten, die, die Räder drehen. Da, muss ich sagen, haben sie in den letzten Jahren schon a bissl nachgelassen.“
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