Veröffentlicht am 16.05.2022 20:27

Illusionen dreier Egomaninnen

Schimmerten um die Wette: Nicole Schneider, Robert Arnold, Greta Lindermuth und Katja Schumann (von links). (Foto: Michael Vogel)
Schimmerten um die Wette: Nicole Schneider, Robert Arnold, Greta Lindermuth und Katja Schumann (von links). (Foto: Michael Vogel)
Schimmerten um die Wette: Nicole Schneider, Robert Arnold, Greta Lindermuth und Katja Schumann (von links). (Foto: Michael Vogel)

Drei Diktatoren-Gattinnen haben sich verfangen. In Illusionen. Ein Dolmetscher verzweifelt angesichts so wenig Reue, Empathie und absoluter Uneinsichtigkeit in Bezug auf Gräueltaten, die unter der Herrschaft ihrer Männer geschahen. Theresia Walsers Komödie „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ ist zum Lachen und Weinen. Am Samstag war Premiere im Theater Ansbach.

Drei exzentrische Diktatoren-Gattinnen, Frau Margot, Frau Imelda und Frau Leila, treffen im Vorfeld einer Pressekonferenz aufeinander. Der Hintergrund: Ihr Leben soll verfilmt werden. Dolmetscher Gottfried ist anwesend, um zu übersetzen. Weil sich die Frauen gegenseitig beleidigen, beispielsweise als "barbarische Beduinenschlampe", beginnt er bald, eigenwillig zu übersetzen, um eine Eskalation zu verhindern.

Schrille Kostüme in Glitzeroptik

Regisseur Laurent Gröflin setzt die Figuren in das Ambiente einer skurrilen 80er Schlagerparty. Die drei Frauen, deren Männer entweder tot oder vor Gericht sind, leben in einer bitterschrägen Scheinwelt. In dieser ist der Mensch ein „unterwerfungssüchtiges Tier“, das unterdrückt werden will. Da sind sie sich einig. Ihre inszenierte Austauschbarkeit zeigt sich allein in den schrillen Kostümen von Ausstatter Jörg Zysik. Die Frauen schimmern in goldenen, knallpinken, metallsilberblauen Kleidern in Stepp-Optik. Sie tragen Perücken in lila, türkisgrün, scharlachrot, Glitzerstrumpfhosen und Pumps. Andere Farben, selber Inhalt. Robert Arnold glitzert als Dolmetscher Gottfried in einem ahornroten Anzug und goldenen Schuhen.

Die Frauen sind so knallbunt überzogen, dass man sie kaum ernst nehmen kann. Dafür nehmen sie sich umso ernster. Jede bekommt von Zysik sogar ihr eigenes Podest samt Plastikstuhl. Goldenes Lametta hängt über ihnen, und eine Discokugel. Zu Schlagersongs wechseln sie zwischendurch mit teils absurd-akrobatischen Bewegungen die Plätze.

Reichtum, Anerkennung und eine bessere Welt

Alle drei sind sie machthungrig. Frau Imelda und Frau Leila wollen Reichtum und Anerkennung, Frau Margot will eine bessere Welt, sagt sie zumindest. Jede Figur funktioniert auf ihre eigene Weise fantastisch. Katja Schumann gibt als Frau Imelda von den Philippinen eine Diva. Ihr Leben soll als Oper verfilmt werden, aber es gibt ohnehin keine Schauspielerin mit genug Größe, um sie zu spielen. Wenn es nicht um sie geht, futtert Schumanns Imelda „Makrönchen“, fläzt sich auf ihrem Plastik-Thron, guckt gelangweilt: ein schmollendes Kind, das zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Immer wieder beklagt sie, dass keine Blumen für sie herangekarrt wurden.

Frau Leila, verkörpert von Greta Lindermuth, hat man nicht das Land, also Tunesien, weggenommen, was sie gerne betont, nein. Sie hat ihr Land mitgenommen und sie wird es wieder zurückbringen. Naiv, leicht einfältig inszeniert sie sich als das unschuldige Opfer, dessen Mann vor so einem „grotesken“ Gericht in Holland steht. Mit gesenktem Blick, Hand auf der Brust, ruhiger Stimme, glaubt man Lindermuths Leila zuweilen sogar.

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Eine militante Befehlshaberin

Nicole Schneider spielt die Frau Margot – Gattin von Erich Honecker – mit rauchiger Stimme, als militante Befehlshaberin, die allzu gerne die Faust erhebt. Ohne Feinde kommt sie gar nicht aus dem Bett. Das Komische gelingt über die falschen Übersetzungen und das Pathos, mit dem die Frauen ihre verzerrte Realität vortragen. Frau Margot fordert von all ihren Feinden eine Entschuldigung, ja sogar vom Dolmetscher.

So starrsinnig, stur und kalt, mit dem Lachen einer Wahnsinnigen, spielt Nicole Schneider die Honecker, dass einem manchmal das eigene Lachen im Hals steckenbleibt. Auch Robert Arnolds Gottfried kapituliert irgendwann, sichtlich mitgenommen, und verfängt sich in einem Monolog über Karpfen. Man möchte ihn trösten.


Jennifer Sandmeyer
north