Gestiegene Inflation: EZB hebt Zinsen erstmals seit 2023 an | FLZ.de

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Veröffentlicht am 11.06.2026 14:17, aktualisiert am 11.06.2026 15:47

Gestiegene Inflation: EZB hebt Zinsen erstmals seit 2023 an

Die steigende Inflation in der Eurozone setzt die EZB unter Druck. (Foto: Boris Roessler/dpa)
Die steigende Inflation in der Eurozone setzt die EZB unter Druck. (Foto: Boris Roessler/dpa)
Die steigende Inflation in der Eurozone setzt die EZB unter Druck. (Foto: Boris Roessler/dpa)

Mit der ersten Zinserhöhung seit fast drei Jahren stemmt sich die Europäische Zentralbank (EZB) gegen den Inflationsschub infolge des Iran-Kriegs. Die Euro-Währungshüter heben den für Banken und Sparer wichtigen Einlagenzins um 0,25 Prozentpunkte auf 2,25 Prozent an, wie der EZB-Rat entschied. Die Entscheidung war allgemein erwartet worden.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte in Frankfurt, die Zinserhöhung sei mehr als eine Vorsichtsmaßnahme. Der Krieg drohe die Teuerung im Euroraum weiter anzufachen, während er die Wirtschaft schwäche. Auf weitere Schritte legte sich die Französin angesichts des ungelösten Iran-Konflikts nicht fest: „Es wird kommen, wie es kommen muss.“

Auftakt für eine Serie von Zinserhöhungen?

Volkswirte erwarten zumindest eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr, aber keine Serie. Denn höhere Zinsen verteuern zwar einerseits Kredite für Verbraucher und Firmen, was die Nachfrage bremsen und so die Inflation dämpfen kann. Andererseits sind Zinserhöhungen eine Bürde für die ohnehin schwache Konjunktur. Hebt die EZB die Zinsen zu stark an, läuft sie Gefahr, die Wirtschaft abzuwürgen. Der Außenhandelsverband BGA warnt: Zinserhöhungen schadeten dem Mittelstand, der vielfach auf Kredite angewiesen sei.

„Mit dem heutigen Schritt ist kein Automatismus für eine weitere Zinserhöhung im Juli verbunden“, meint der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Heiner Herkenhoff. Die EZB gewinne Zeit, die Preis- und Wirtschaftsentwicklung über Sommer sorgfältig zu beobachten. Viele Ökonomen rechnen jedoch mit nächsten Schritten, etwa Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: „Auf ihrer Sitzung im September wird die EZB wohl nachlegen.“

Zuletzt hatte die Notenbank den Zins, den Geschäftsbanken für bei der EZB geparkte Gelder bekommen, siebenmal in Folge bei 2,0 Prozent belassen. Die letzte Zinserhöhung im Euroraum gab es im September 2023. Sparer profitieren von steigenden Leitzinsen, wenn Banken diese weiterreichen.

Bringt der Iran-Krieg den nächsten Preisschub?

Wichtigstes Ziel der Euro-Währungshüter ist es, die Inflation im Zaum zu halten. Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hat die Teuerung kräftig nach oben getrieben. Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum ersten amtlichen Zahlen zufolge um 3,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. 

Damit ist die Zielmarke der EZB deutlich überschritten, die Preisstabilität bei mittelfristig zwei Prozent Inflation im Euroraum gewahrt sieht. Auch in Deutschland heizten gestiegene Spritpreise die Teuerung an, der Tankrabatt sorgte hierzulande im Mai für etwas Abschwächung auf 2,6 Prozent Inflation. 

„Da die Inflation im Euroraum über drei Prozent liegt und es wenig Hoffnung auf Entspannung im Iran-Konflikt gibt, ist eine Zinserhöhung jetzt der richtige Schritt“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. 

Zumal sich die Lage weiter eintrüben dürfte: Die EZB erwartet, dass die Inflation infolge des Iran-Kriegs in diesem Jahr höher ausfallen wird als bisher angenommen. Sie rechnet im Jahresschnitt mit einer deutlich erhöhten Teuerung von im Schnitt 3,0 Prozent, während die Wirtschaft im Euroraum kaum noch um 0,8 Prozent wachsen dürfte. Selbst 2027 erwartet die EZB nun mit 2,3 Prozent eine Inflationsrate über ihrer Zielmarke von zwei Prozent. 

Ökonomen fürchten, dass sich mit dem Krieg im Nahen Osten nicht nur Tanken und Heizen verteuern, sondern die Preise insgesamt anziehen, da Firmen gestiegene Energie- und Transportkosten an Kunden weitergeben. 

Sparer profitieren

Für Bankkunden haben steigende Leitzinsen Vorteile. Die Sparzinsen sind bereits geklettert, weil die EZB-Zinserhöhung erwartet wurde. Nach einer Analyse des Vergleichsportals Verivox bringt bundesweit verfügbares Festgeld mit zwei Jahren Laufzeit derzeit im Schnitt gut 2,3 Prozent, für Tagesgeld gibt es 1,3 Prozent. Neukunden locken einige Banken zeitweise mit bis zu 4 Prozent aufs Tagesgeld.

Verivox erwartet, dass sich die Konditionen für Sparer mit steigenden Leitzinsen weiter verbessern werden. „In dem Fall dürfte sich der Zinsanstieg beim Festgeld in ähnlichem Tempo wie zuletzt fortsetzen“, sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH.

Für Hausbauer hingegen sind Kredite in den vergangenen Monaten bereits teurer geworden. Selbst bei einer weiteren Leitzinserhöhung werde sich daran nichts ändern, denn diese werde von Banken schon erwartet, meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. 

Kann die EZB eine Preiswelle verhindern?

Nach Ansicht von Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), musste die EZB handeln, „bevor sich der Preisdruck von den Energiepreisen auf andere Bereiche der Wirtschaft ausweitet“. Allerdings bleibe der geldpolitische Spielraum in diesem Fall begrenzt: „Zinspolitik dämpft Nachfrage, beseitigt aber nicht den Angebotsschock selbst und damit nicht die eigentliche Inflationsursache.“

Die EZB will eine neue Preiswelle im Euroraum unbedingt verhindern. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 stand sie in der Kritik, den damaligen Preisanstieg in der Energiekrise lange unterschätzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte bis auf mehr als zehn Prozent hoch, in Deutschland verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Die Preiserhöhungen wirken bis heute nach: Nahrungsmittel sind rund ein Drittel teurer als 2019.

© dpa-infocom, dpa:260611-930-208043/4


Von dpa
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