Freie Mitarbeitende im Lokaljournalismus: „Immer wieder ins kalte Wasser geworfen” | FLZ.de

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Veröffentlicht am 19.09.2026 07:00

Freie Mitarbeitende im Lokaljournalismus: „Immer wieder ins kalte Wasser geworfen”

Sylvia Fehlinger und Jannic Hofmuth, Freie Mitarbeitende der FLZ (Foto: Johannes Zimmermann/Jannic Hofmuth)
Sylvia Fehlinger und Jannic Hofmuth, Freie Mitarbeitende der FLZ (Foto: Johannes Zimmermann/Jannic Hofmuth)
Sylvia Fehlinger und Jannic Hofmuth, Freie Mitarbeitende der FLZ (Foto: Johannes Zimmermann/Jannic Hofmuth)

Unsere Zeitung wäre ohne freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter undenkbar. Sie entlasten die Redaktionen, besuchen Termine und treffen auch mal namhafte Politiker. Wir haben zwei Generationen zusammengebracht: Jannic Hofmuth studiert in Ansbach, Sylvia Fehlinger war früher Redakteurin in Linz/Donau und Nürnberg und ist nun im Unruhestand.

Frau Fehlinger, was macht den Lokaljournalismus so besonders?

Sylvia Fehlinger: Vor allem eines: dass er so abwechslungsreich ist. Ich sitze in der Stadtratssitzung oder ich gehe zum Feuerwehrfest, zur Einweihung von irgendwelchen Bauten oder zum Schützenverein. Was ganz wichtig ist, wie ich in meinen zwölf Jahren freie Mitarbeit für die FLZ lernen durfte, sind die Kanalarbeiten. Das sieht man jetzt momentan auch in Bad Windsheim, weil wieder alle Straßen aufgerissen sind. Lokaljournalismus macht besonders Spaß, weil wir über Dinge berichten, die die Menschen im Alltag bewegen.

Jannic Hofmuth: Ich möchte noch einen Punkt ergänzen. Mir gefällt besonders gut, dass ich einen Querschnitt der Bevölkerung interviewen darf. Weil du als freier Mitarbeiter vom Kleintierzüchter bis zum Winzer viele triffst, lernst du Menschen mit verschiedenen politischen Ansichten kennen und verstehen. Aber im Kleintierzuchtverein steht das Politische nicht an erster Stelle – solche Vereine bringen Menschen zusammen, die einen unterschiedlichen Hintergrund haben, aber die eine Sache, ein Hobby verbindet. Das gibt mir auch immer wieder Kraft. Wenn ich Politshows im Fernsehen anschaue, denke ich mir: „Dieses Land ist verloren.” Aber wenn ich dann für die FLZ im Ansbacher Raum unterwegs bin, merke ich: Das stimmt gar nicht.

Frau Fehlinger, was hat Sie eigentlich zur FLZ geführt?

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Sylvia Fehlinger: Ich habe zuvor bereits für das Linzer Volksblatt und die Nürnberger Zeitung gearbeitet. Eigentlich wollte ich nach dem Renteneintritt keine einzige Zeile mehr schreiben und meinen Ruhestand genießen. (lacht) Aber nach drei Monaten war es mir dermaßen langweilig, dass ich ein Hobby gesucht habe. Damals habe ich bereits sechs, sieben Monate in Uffenheim gelebt, als eine Bekannte zu mir gesagt hat: „Dann geh doch zur FLZ, die suchen gerade jemanden.“ Und so hat alles seinen Lauf genommen. Heute lebe ich in Bad Windsheim.

Und bei Ihnen, Herr Hofmuth?

Jannic Hofmuth: Nachdem ich mein Abitur gemacht habe, bin ich als Praktikant zum Südkurier in meiner Heimat. Später war ich sogar in Namibia und habe für eine deutschsprachige Zeitung geschrieben. Zur FLZ bin ich über die Sportredaktion gekommen. Ich war damals Praktikant dort und durfte seitdem einige spannende Aufträge übernehmen. Danach bin ich als freier Mitarbeiter dem Verlag treu geblieben – und habe eigentlich gedacht, ich werde vor allem Sport machen, aber es ist dann doch eine bunte Mischung geworden.

„Ich will Ihnen Mut machen, so lange wie möglich auf der Spaßbremse zu bleiben”, meinte Leser Matthias Orda-Klöß. (Foto: Constantin Prosch)
„Ich will Ihnen Mut machen, so lange wie möglich auf der Spaßbremse zu bleiben”, meinte Leser Matthias Orda-Klöß. (Foto: Constantin Prosch)

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Wie bunt?

Jannic Hofmuth: Knallbunt. Für mich ist es eine echte Bereicherung, dass ich beispielsweise auch für Thomas Wirth in der Kulturredaktion viel machen darf und so meinen eigenen Horizont erweitere. Ansonsten habe ich hier und da ausgeholfen, wenn Bedarf war. Ich wurde bei der FLZ immer wieder ins kalte Wasser geworfen.

Wie kalt war das Wasser generell im Journalismus?

Jannic Hofmuth: Das war schon ein krasser Unterschied, dass man jetzt ziemlich direkt nach dem Abitur dem Bürgermeister gegenübersitzt und nicht mehr seine Hand hebt, wenn man etwas sagen will. Ich musste dann auch in der Gemeinderatssitzung eine gewisse Rolle einnehmen. Mir hat es gut gefallen, welchen Respekt ich damals als 17-/18-jähriger Bubi trotzdem bekommen habe.

Das klingt nach einer schönen persönlichen Entwicklung.

Jannic Hofmuth: Ich merke gerade im Lokaljournalismus, dass man dort mit seinen Herausforderungen auch wächst. Weil es einfach ein Beruf ist, bei dem man auf Leute zugehen muss. Da würde ich mich privat viel weniger entwickeln. Wenn ich für die FLZ unterwegs bin, bringt mich das immer in so ein Fahrwasser, wo ich das Gefühl habe, ich darf reden, ich muss auf Leute zugehen – egal, wer vor mir steht.


Ach, Herr Ministerpräsident, lächeln Sie doch mal.

Sylvia Fehlinger

Frau Fehlinger, kennen Sie als alter Hase diese Ehrfurcht auch noch?

Sylvia Fehlinger: Wenn ich in Bad Windsheim im Kur- und Kongresscenter vor 900 Leuten und der versammelten Prominenz fotografieren musste, war ich anfangs schon noch aufgeregt. Aber man verliert im Laufe der Zeit die Ehrfurcht. Dann betrachtet man die meisten Dinge doch ein bisschen gelassener. Das ist halt einfach der Beruf, und genau das macht es ja spannend.

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Sie durften ja auch schon bekannte Politiker wie Markus Söder kennenlernen.

Sylvia Fehlinger: Das stimmt – und ich durfte schnell feststellen: So schlimm ist der eigentlich gar nicht. Ich kann mich noch gut an die Mittelstandsunion in Bad Windsheim erinnern, als Markus Söder vorbeischaute. Da war ich im großen Pulk gestanden. Er kam schon grantig an mit seiner ganzen Entourage. Ich habe mir gedacht: „Naja, so kannste den nicht fotografieren.” Und dann habe ich zu ihm gesagt: „Ach, Herr Ministerpräsident, lächeln Sie doch mal.“ Und er schaut mich ganz erstaunt an. Aber schlagfertig, wie er ist, hat er gesagt: „Aber nur ganz kurz. Sie wissen ja, die Franken lächeln nicht.“

War es ein Grund für Sie, in den Journalismus zu gehen, um solche Leute kennenzulernen?

Sylvia Fehlinger: Nein. Ich habe mein Abitur in Linz am Wirtschaftsgymnasium gemacht. Da hat sich schon schnell herausgestellt, dass die Knaben wesentlich fauler waren als die Mädels. Mich hat es die ganze Zeit geärgert, dass ich mit Abitur dann nur als Sekretärin irgendwo arbeiten sollte. Und ich wollte immer aus dem Teufelskreis raus.

Aber wie kamen Sie zur Zeitung?

Mein Bruder war beim Linzer Volksblatt und hat gesagt: „Du kannst ja mal kommen und dir das drei Monate anschauen.” Also habe ich da mein Volontariat gemacht – und die haben mich auch übernommen. Aber dann hat sich mein Mann eingebildet, dass er nach Deutschland will, weil dort alles grüner, besser und schöner ist. Nach zwei Jahren habe ich dann eine Stelle bei der Nürnberger Zeitung bekommen.

Wie sah eigentlich in ihren Anfangsjahren die technische Ausstattung in den Redaktionen aus?

1969, als ich angefangen habe, haben wir selbst fotografiert und mussten das dann auch entwickeln. Wir haben ISO-100-Filme gekriegt, schwarz-weiß. Aber wir haben den Verlag dann überzeugt, ob wir nicht wenigstens 1000er-Filme machen können. Da lacht man heute. Jetzt kann man da 100 Mal draufdrücken und es schadet ja nichts und es kostet auch nichts im Grunde. Wir hatten riesige Schreibmaschinen, ein Wähltelefon und natürlich auch schon ein Fax.


Das Fax wird uns alle überleben.

Jannic Hofmuth

Wie ist das bei Ihnen, Herr Hofmuth? Sie kennen die Dunkelkammer ja nicht mehr.

Jannic Hofmuth: Ob Text- oder Bildbearbeitung – für mich war alles ab Tag eins digital. Das Faxgerät kenne ich noch aus meiner Kindheit – und ich denke, das Fax wird uns alle überleben. Zum Fotografieren hatte ich immer eine Spiegelreflex. Was natürlich die Welt total verändert, sind die guten Smartphone-Kameras. Ich glaube, das verändert auch den Journalismus enorm, weil jeder auf der Straße sein Smartphone rausholen und Fotos und Videos in guter Qualität machen kann.

Sylvia Fehlinger: Man muss technisch auf dem Laufenden bleiben. Ich habe sogar mal ein Seminar zu ChatGPT gemacht, um wenigstens mal die ganzen Begriffe kennenzulernen. Ich bilde mich in Sachen Digitalisierung weiter, generiere aber keine Texte mit Künstlicher Intelligenz.

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Nutzen Sie KI, Herr Hofmuth?

Jannic Hofmuth: Ich habe noch nie einen Text, der in der Zeitung verwendet wurde, von der KI formulieren lassen, weil mir das Schreiben am meisten Spaß macht. Wenn ich von einem Termin zurückkomme und mich an die Tastatur setzen darf, ist das eigentlich meine Belohnung für die ganze restliche Arbeit. Aber Frau Fehlinger, würden Sie sagen, dass die Arbeit durch Dinge wie KI einfacher geworden ist im Laufe der Zeit?

Sylvia Fehlinger: Unterschiedlich. Es ist sinnvoll, dass es den Boten nicht mehr braucht, der die Filme in die Technik bringt. Das hat halt einfach länger gedauert und man konnte die Zeitung abends nicht mehr so lange für Aktuelles offen lassen. Jetzt hat man das Foto sofort. Das Schwierige ist dann eher, sich für ein Bild zu entscheiden. Das ist wirklich der Prozess, für den man am meisten Zeit verplempert. Aber die neue Generation ist da generell ganz anders. Die sind es auch überhaupt nicht mehr gewohnt, mit einem lebenden Menschen zu reden, die haben ihre Geräte.


Deshalb müssen wir digital denken, ob man das will oder nicht.

Sylvia Fehlinger

Ist diese Sichtweise für Sie nachvollziehbar, Herr Hofmuth?

Jannic Hofmuth: Ja, ich denke schon, dass wir eine Generation sind, die in vielen Bereichen den sozialen Umgang nicht mehr so hochhält und nicht mehr so wertschätzt, wie das früher ganz üblich war. Ich glaube, wir sind deswegen aber keine weniger respektvolle oder weniger umgängliche Generation.

Macht sich das auch im Journalismus der Gen Z bemerkbar?

Jannic Hofmuth: Wenn ich die Aufgabe habe, für eine Recherche ein Unternehmen zu kontaktieren: Meine Mutter hätte ganz selbstverständlich zum Telefon gegriffen. Die neue Generation geht davon aus, dass die eine Homepage haben – und da gibt es entweder ein Kontaktformular oder ein Impressum, in dem ich eine Mail-Adresse finde. Dann schreibe ich denen. Wir haben Telefonangst. Das war bei mir am Anfang genauso, aber das hat sich mittlerweile gelegt. Und im Journalismus muss man einfach telefonieren können.

Angesichts der neuen Technik-Generation: Hat die Zeitung noch Zukunft, Frau Fehlinger?

Sylvia Fehlinger: Meine Hoffnung ist es ja, dass die Printausgabe erhalten bleibt. Aber das glaube ich fast nicht, so rasend wie sich das mit dem Digitalen entwickelt. Deshalb müssen wir digital denken, ob man das will oder nicht. Aber dieser enge Kontakt zu den Leserinnen und Lesern muss bleiben. Wenn man für die FLZ zu einem Termin kommt, freuen sich die meisten und sagen: „Und bringen Sie fei einen schönen Bericht.“ Dann werden alle vorgestellt, meistens auch die Presse, und dann klatschen alle. Solange der Kontakt so gut ist, nehme ich an, dass die Zeitung weiterleben wird.

Steigen Sie notfalls doch noch aufs Tablet um?

Sylvia Fehlinger (lacht): Ja, bestimmt.

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