Emotionaler Trip: So erlebten zwei Stöckauer vor 50 Jahren das WM-Finale | FLZ.de

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Veröffentlicht am 07.07.2024 07:00

Emotionaler Trip: So erlebten zwei Stöckauer vor 50 Jahren das WM-Finale

Der Torjubel nach dem entscheidenden Treffer von Gerd Müller, der dem deutschen Team den Weltmeistertitel 1974 einbrachte. (F.: F. Zinnecker)
Der Torjubel nach dem entscheidenden Treffer von Gerd Müller, der dem deutschen Team den Weltmeistertitel 1974 einbrachte. (F.: F. Zinnecker)
Der Torjubel nach dem entscheidenden Treffer von Gerd Müller, der dem deutschen Team den Weltmeistertitel 1974 einbrachte. (F.: F. Zinnecker)

Wer heutzutage für ein großes Fußballturnier Karten will, muss sich Monate, wenn nicht Jahre im Voraus anmelden. Die Vergabe gleicht einer Lotterie und wenn man am besagten Spieltag verhindert ist, ist es gar nicht so leicht, die Tickets weiterzugeben. 1974, bei der WM in Deutschland, war das alles viel einfacher. Davon erzählen die Brüder Hans und Fritz Zinnecker.

Die beiden hatten damals Karten für das WM-Endspiel zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Holland in München ergattert. Hans (74) und Fritz Zinnecker (72) sind seit jeher leidenschaftliche Fußballfans. Während der Jüngere, bis zur Pensionierung Schulleiter in Dinkelsbühl, heute im Elternhaus im Langfurther Ortsteil Stöckau lebt, wohnt der Ältere, zuletzt Physiker bei der NASA, in der Nähe der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile. Gerade ist er auf Heimatbesuch. Und weil Fußball-Europameisterschaft in Deutschland ist, läuft im Fernseher im Stöckauer Wohnzimmer das Achtelfinale Niederlande gegen Rumänien.

Hans Zinnecker kannte Gerd Müller

Fritz Zinnecker schlägt während des Spiels ein altes Fotoalbum auf. „Was, du hast davon Bilder?“, fragt ihn sein Bruder Hans begeistert, als er die alten Aufnahmen aus dem Stadion vom WM-Endspiel 1974 sieht.

Nachdem das westdeutsche Team sich nach einem turbulenten Turnier ins Finale gekämpft hatte, war dem damals 24-jährigen in München Physik studierenden Hans Zinnecker klar: „Ich besorge Karten.“ Eigentlich hatte er gehofft, über den FC Bayern München welche zu kriegen, spielte er doch damals dort bei den Amateuren. Manche der deutschen Nationalspieler kannte er persönlich, allen voran Gerd Müller, den gebürtigen Nördlinger.

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Hans Zinnecker musste sich also wohl oder übel an den Verkaufsbuden im Münchener Olympiapark anstellen. Und er wusste: „Ich muss früh dort sein.“ Also war er bereits um Mitternacht vor Ort und wartete und wartete bis zum nächsten Morgen auf die Öffnung der Buden.

Das Budget als Student war begrenzt

„Als Student hatte ich ein begrenztes Budget“, erzählt Hans Zinnecker weiter. Er wusste nicht, wie viele Karten er für sein Geld überhaupt bekommen würde. Als er an der Reihe war, ergatterte er vier gute Plätze – Mitte Gegengerade, unter anderem für sich und seine Frau.

Weil er dann noch ein paar D-Mark in der Tasche hatte, kam Hans Zinnecker ein Geistesblitz: „Ich stelle mich noch einmal an“, entschied er. Die Schlange war nämlich gar nicht so lang. Und er hatte erneut Glück: Weitere zehn Tickets gingen in seinen Besitz über. „Allerdings waren die nicht so gut“, räumt er ein.

Zwei dieser Stehplätze überließ er seinem jüngeren Bruder Fritz, der damals in Nürnberg auf Lehramt studierte – und sein Glück gar nicht fassen konnte: „Ich hatte mich innerlich schon auf die Fernsehübertragung eingestellt“, sagt er heute und lacht. Einer seiner Kommilitonen sei so Feuer und Flamme über die unerwarteten Karten gewesen, dass er freiwillig den Fahrdienst nach München übernahm, erinnert sich der 72-jährige Stöckauer. Gesagt, getan: „Wir sind auf der A9 an Karawanen siegessicherer Holländer vorbeigekommen“, schmunzelt er.

Ein leerer Bierkasten gibt den Überblick

Im Stadion, auf Stehplätzen im Oberrang – „ohne Platzziffer!“, wie der jüngere Zinnecker betont – erst einmal Ernüchterung: „Ein Hüne vor mir versperrte mir die Sicht.“ „Und dann passieren Sachen, die gibt’s einfach nicht: Ich habe auf den Rängen einen leeren Bierkasten entdeckt.“

Den hat er sich geholt, um, auf dieser Erhöhung stehend, emotional erst einmal in den Keller zu rauschen: „In der ersten Spielminute gab es, ohne überhaupt in Ballberührung gekommen zu sein, einen Strafstoß gegen Deutschland“, schütteln die Brüder Zinnecker noch heute den Kopf. Holland ging in der zweiten Minute in Führung. „Da war die Euphorie komplett weg.“

Bruder Hans hätte den dramatischen Auftakt fast versäumt, er war spät dran. Weil sich der Anpfiff aber verzögert hatte – die Eckfahnen des Spielfelds fehlten und mussten noch eingesetzt werden – sah er den von Johan Neeskens für Sepp Maier unhaltbar verwandelten Elfmeter.

Die Euphorie kehrte in der 25. Minute mit dem Ausgleich durch Paul Breitner schnell zurück. Das Unterfangen auf dem Platz nahm doch noch einen guten Ausgang und Deutschland wurde etwas überraschend Weltmeister. „Das mitzuerleben, war überwältigend“, sind sich Hans und Fritz Zinnecker bis heute einig.

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