Wie Deutschland mit der Knabenkapelle Dinkelsbühl die WM 1974 gewann | FLZ.de

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Veröffentlicht am 07.07.2024 07:00

Wie Deutschland mit der Knabenkapelle Dinkelsbühl die WM 1974 gewann

Die Dinkelsbühler Knabenkapelle spielte die Nationalhymnen vor dem Anstoß des WM-Finales 1974 in München. Vor 80.000 lautstarken Fans im Stadion war das gar nicht so einfach. (Foto: Friedrich Zinnecker)
Die Dinkelsbühler Knabenkapelle spielte die Nationalhymnen vor dem Anstoß des WM-Finales 1974 in München. Vor 80.000 lautstarken Fans im Stadion war das gar nicht so einfach. (Foto: Friedrich Zinnecker)
Die Dinkelsbühler Knabenkapelle spielte die Nationalhymnen vor dem Anstoß des WM-Finales 1974 in München. Vor 80.000 lautstarken Fans im Stadion war das gar nicht so einfach. (Foto: Friedrich Zinnecker)

Der Lärm der 80.000 Zuschauer im Münchener Olympiastadion war vor dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft am 7. Juli 1974 ohrenbetäubend. Daran erinnert sich Dieter Meyer auch heute noch ganz genau. Er war einer der 83 Dinkelsbühler Buben in der Knabenkapelle, die vor dem Anpfiff die Nationalhymnen spielten.

Wer heute die alten Fernsehbilder von damals sieht, erkennt hinter den Franz Beckenbauers, Paul Breitners und Gerd Müllers der bundesdeutschen Nationalmannschaft die Uniformen der Dinkelsbühler Knabenkapelle. Während die Musiker gegen den Lärm ankämpfen, verziehen die deutschen Fußballer keine Mine. Dass keiner der Spieler mitsingt, war damals offenbar noch kein Politikum.

Die Knabenkapelle hatte ihren „Durchbruch” zu Olympia 1972

Dieter Meyer führt heute den Einsatz der Dinkelsbühler Knabenkapelle beim WM-Endspiel auf ein sportliches Großereignis zwei Jahre zuvor zurück: die Olympischen Spiele 1972 in München. Schon hier war das Orchester medienwirksam im Einsatz. Aufmerksamkeit hatte die Knabenkapelle wohl auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) erregt, denn der fragte Ende 1973 bei der Stadt Dinkelsbühl an, ob auch ein Einsatz bei der Fußball-WM denkbar wäre.

Der damalige Bürgermeister Ernst Schenk und die DFB-Vertreter wurden handelseinig, und so machten sich die 83 jungen Musiker der Knabenkapelle mit ihren Betreuern und Musikdirektor Adolf Daeschler am Tag vor dem Finale im Bus auf den Weg in die bayerische Landeshauptstadt.

Nicht mal der Bürgermeister durfte nach München mit

Die 1970er Jahre in Westdeutschland waren keine unbeschwerte Zeit. Der Anschlag auf die Olympischen Spiele zwei Jahre zuvor wirkte noch nach. „Rund um die Fußball-WM gab es extreme Sicherheitsvorkehrungen“, erzählt Meyer. Die Plätze im Bus waren streng limitiert. „Ich glaube, nicht einmal der Bürgermeister durfte mitkommen“, ergänzt er.

Am Samstag, 6. Juli, waren um 10 Uhr im Olympiastadion Proben angesetzt, die Dinkelsbühler sollten mit der Knabenmusik Merseburg zunächst die Schlussfeier anführen und die Hymnen spielen. „Um vorbereitet zu sein, haben wir schon Tage vorher daheim in Dinkelsbühl alle möglichen Hymnen geprobt“, erinnert sich Meyer. Die bundesdeutsche indes hatten die Knaben parat, denn die spielen sie seit jeher zum Ausklang der Kinderzeche.


Wir haben das holländische Team demoralisiert.

Dieter Meyer

Nach den Proben im Stadion setzten sich die jungen Dinkelsbühler wieder in den Bus, um zu ihren privaten Übernachtungsquartieren in Rottach-Egern am Tegernsee kutschiert zu werden. Dort logierte auch die holländische Nationalmannschaft, hoch favorisierter Endspielgegner des westdeutschen Teams.

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Als Rottach-Egerns Bürgermeister Wind davon bekommen hatte, dass die Knabenkapelle in seinem Ort nächtigt, bat er um ein Standkonzert vor dem holländischen Quartier. Meyer: „Bei strömenden Regen sind wir also dort aufmarschiert und haben zwei Märsche gespielt.“ Die Spieler um Kapitän Johan Cruyff hätten sich zwar nicht gezeigt, aber Meyer ist sich schmunzelnd sicher: „Wir haben sie damals demoralisiert.“

Der Finaltag startete um 15 Uhr mit der Schlussveranstaltung. Um 15.55 Uhr sollten die Hymnen gespielt werden, „live“, wie Dieter Meyer betont. Dass eine Kapelle alleine nicht gegen die Geräuschkulisse bestehen kann, war allen klar, deshalb spielten die Merseburger und die Dinkelsbühler gemeinsam zuerst die holländische Hymne „Het Wilhelmus“ und dann die bundesdeutsche.

Alles war minutengenau durchgetaktet

Der Anpfiff stand um 16 Uhr auf dem Zettel. „Alles war minutengenau geplant, nach dem letzten Ton mussten wir ausmarschieren.“ Die Knabenkapelle zog in die Aufwärmhalle des Stadions, um Uniformen und Instrumente abzulegen.

Das 1:0 für Holland bekamen die Dinkelsbühler deshalb gar nicht mit, der Treffer fiel bereits in der zweiten Spielminute. „Als wir wieder ins Stadion reinkamen, war plötzlich alles in Orange, die Niederländer jubelten.“ Platzkarten fürs Spiel bekamen die jungen Dinkelsbühler für ihren Auftritt übrigens nicht. „Aber wir durften von den Reportergräben aus zuschauen. Und als Gerd Müller in der 43. Minute zum entscheidenden 2:1 traf, waren wir direkt hinter dem holländischen Tor“, freut sich Dieter Meyer noch immer so, als ob das alles erst gestern gewesen wäre.

WM-Finale 1974

Sonntag, 7. Juli 1974: Im Münchener Olympiastadion kommt es bei der Fußball-WM zum Finale Deutschland gegen den Favoriten Niederlande. Dies war alles andere als ein gewöhnliches Match.

Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung wirkten vor 50 Jahren jenseits des Rheins noch immer nach. Das Spiel war auch ein Kampf der zu den Besten zählenden europäischen Kickern Johan Cruyff und Franz Beckenbauer.

Nach 90 aufregenden Minuten war es geschafft: Deutschland wurde zum zweiten Mal nach 1954 Fußball-Weltmeister.

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