Auf den ersten Blick könnte man die Holzfigur mit Krone, wallendem Bart und Kreuz für einen König oder christlichen Heiligen halten. Doch bei genauerem Hinsehen fallen die feingliedrigen Hände und Brüste auf, die nicht so recht zu dem Bart passen wollen.
Ein Hinweisschild gibt Auskunft: Die aus Eiche geschnitzte Figur von etwa 1480 zeigt die Heilige Wilgefortis oder Kümmernis, eine legendenumwobene Figur aus dem Mittelalter, die sich in letzter Zeit zur inoffiziellen Schutzheiligen der LGBTQ-Gemeinschaft entwickelt hat.
„Wir lieben sie, unsere Wilgefortis, weil in dieser Figur unterschiedliche sexuelle Identitäten vertreten sind und wir auf diese Weise etwas zum Pride Month beizutragen haben“, sagt Kim Mildebrath, Sprecherin des Museums Schnütgen für Kunst des Mittelalters in Köln. Dort soll am 5. Juli wieder eine der größten CSD-Paraden Europas mit mehr als einer Million Besuchern durch die Stadt ziehen.
„Die Wilgefortis erlebt derzeit ein richtiges Comeback“, sagt Mildebrath. Manche vergleichen sie mit der bärtigen Kunstfigur und Eurovision-Song-Contest-Ikone Conchita Wurst, verkörpert von dem Österreicher Tom Neuwirth.
Der Legende nach war Wilgefortis die Tochter eines heidnischen Königs aus Portugal. Dieser König wollte sie gegen ihren Willen mit einem heidnischen Prinzen verheiraten. Daraufhin bat sie Jesus Christus um Hilfe, worauf dieser ihr einen Bart wachsen ließ.
Mit anderen Worten: Wilgefortis entsprach plötzlich nicht mehr dem heteronormativen Erscheinungsbild. „Sie hat das gleichsam als Waffe eingesetzt für ein selbstbestimmtes Leben“, sagt Mildebrath. Allerdings währte dieses Leben nicht mehr allzu lang, denn ihr Vater ließ sie noch am selben Tag kreuzigen.
Wilgefortis‘ Gedenktag ist der 20. Juli. Ihr Name setzt sich vermutlich aus den lateinischen Wörtern „virgo“ und „fortis“ – „starke Jungfrau“ - zusammen. Ein alternativer Name, Kümmernis, spielt darauf an, dass sie stellvertretend den Kummer vieler Frauen durch Gewalterfahrung und Missbrauch auf sich nimmt.
„Man geht stark davon aus, dass sich Frauen mit ihrem Leiden identifiziert haben“, sagt Mildebrath. Dass Wilgefortis weibliche und männliche Attribute in sich vereint, scheint stark zu der von ihr ausgehenden Faszination beigetragen zu haben, sonst gäbe es kaum so viele bildliche Darstellungen von ihr. „Daran sieht man, dass Debatten, die wir als sehr zeitgenössisch empfinden, schon im Spätmittelalter präsent waren“, sagt Mildebrath.
Bernd Mönkebüscher ist katholischer Priester aus Hamm in Westfalen. Er outete sich 2019 als homosexuell und war später Mitinitiator der Aktion „#OutinChurch – Für eine Kirche ohne Angst“, die sich unter anderem für die Rechte queerer Arbeitnehmer in der Kirche einsetzt.
Mönkebüscher verweist auf eines der zehn Gebote, wonach sich der Mensch kein Bild von Gott machen soll. „Das schließt für mich auch ein, dass man sich Gott nicht als Mann vorstellen kann“, sagt er. Die zahlreichen Darstellungen von Wilgefortis zeigen nach seinem Dafürhalten, dass abweichende Geschlechter auch schon früher Aufmerksamkeit erregten und keine vorübergehende Zeitgeist-Erscheinung sind. „Wobei es auch interessant ist, dass sie den Bart ja bekam, um einen männlichen Verehrer abzuschrecken. Aber die vielen Bildnisse, die sie mit diesem Bart zeigen, belegen eben auch, dass man das gleichzeitig faszinierend fand. Was die einen abschreckt, zieht die anderen an.“
Auch Anselm Schubert, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, hält Wilgefortis für eine interessante Figur. „Ich bin aber nicht so sicher, ob sich Wilgefortis als Identifikationsfigur für die queere Community wirklich anbietet“, schränkt er ein. „Wenn man ein bisschen genauer hinguckt, können einem Zweifel daran kommen. Der erste Punkt ist: Es hat Wilgefortis nie gegeben, sie ist eine reine Legende.“
Für Katholiken biete sie sich auch deshalb weniger an, weil sie keine echte Heilige der katholischen Kirche sei. Und drittens sei sie auch nicht wirklich queer oder trans, sondern schlicht eine junge Frau, die nicht zwangsverheiratet werden wollte. „Der Bart ist kein Ausweis einer Transidentität, sondern bewusst das Mittel zur Verunstaltung – mit dem Ziel, dass kein Mann sie mehr heiraten will. Insofern ist das schon ein bisschen was anderes.“
Aber wie bei einem Kunstwerk steht es natürlich auch hier jedem frei, Wilgefortis so zu interpretieren, wie er oder sie es gern will. Der Blick auf Figuren, die seit vielen Jahrhunderten in Legenden präsent sind, verändert sich stets je nach Zeitgeist. „Sogar Christus selbst ist in den letzten 2000 Jahren mal männlich, mal weiblich, mal androgyn gesehen worden“, sagt Schubert, der diesen Aspekt in seinem Buch „Christus (m/w/d): Eine Geschlechtergeschichte“ untersucht.
In der Antike sei man noch ganz selbstverständlich von der Überlegenheit des Mannes ausgegangen, sodass die ersten christlichen Kirchenväter auch geglaubt hätten, dass alle Frauen bei ihrer Auferstehung von den Toten in Männer verwandelt werden würden. „Der Himmel ist voller Männer“, schmunzelt Schubert.
Im Mittelalter sei Christus dann aber mitunter auch als Frau verehrt worden. „Dies nicht in dem Sinne, dass die Menschen geglaubt hätten, er sei wirklich eine Frau gewesen. Aber es kam zu dieser Zeit die Vorstellung auf, dass Frauen so, wie sie von Gott geschaffen sind, auch in sich vollkommen sind. Und mit den Frauenorden entstand dann eine Frömmigkeit, die Christus weibliche Eigenschaften zurechnete – etwa Liebe, Erbarmen. Die galten damals als typisch weibliche Tugenden.“
Im 16. Jahrhundert sei dann vor allem im radikalen Protestantismus die Vorstellung sehr präsent gewesen, dass Christus androgyn sei, also beide Geschlechter in sich vereine, nämlich die männliche des Vaters und die weibliche der Heiligen Weisheit. „Und da der Mensch nach dem Vorbild Gottes geschaffen ist, ist er ursprünglich auch androgyn. Nur durch den Sündenfall im Paradies teilen sich die Geschlechter in Adam und Eva.“
Nach dieser Überzeugung werde jeder Mann und jede Frau nach dem Tod mit dem jeweils fehlenden Geschlecht wiedervereint und sei dann im Himmel androgyn. „Noch heute gibt es eine Kirche etwa in den USA, die Shaker, die davon ausgehen, dass Christus sowohl in männlicher als auch in weiblicher Gestalt existiert.“
So gesehen hätte die Heilige Wilgefortis starke Konkurrenz – durch Jesus selbst.
© dpa-infocom, dpa:260626-930-286309/1