Die Dinkelsbühler Altstadt ist bis Mitte Oktober die Bühne für 20 Skulpturen des im Ortsteil Weidelbach lebenden Bildhauers Dietrich Klinge. In einer Serie stellt die FLZ die Kunstwerke in einer losen Abfolge vor.
Auf dem Vorplatz des Deutschordensschlosses, dem heutigen Finanzamt, steht eine Figur, die dem Gordian-Zyklus angehört. Sie unterscheidet sich aber von ihrer Raumwirkung fundamental von ihren Namensvettern: Gordian VII scheint der Schwerkraft zu trotzen.
Der Körper dieser ausladenden, großen Skulptur wird nur von zwei kräftigen Armen angedeutet. Der Kopf ist leicht schräg nach unten geneigt, der Gesichtsausdruck hat etwas Heiteres, in sich Ruhendes, ja geradezu Gelassenes.
Die Figur, die gleichsam ruhend und doch schwebend auf einem kompakten Sockel postiert ist, steht in reizvoller Beziehung zu dem roten Gebäude in ihrem Hintergrund. Ja, man könnte sie fast als eine Art Rahmen lesen, der das hinter ihm Liegende auf ganz neue Art zur Geltung bringt.
Wie bei Klinges anderen Objekten ist auch hier der Charakter des Werkstoffs verfremdet. Wieder kann der Betrachtende der Illusion erliegen, als sei diese monumentale Figur mit ihrer Höhe von zweieinhalb Metern aus Holz gefertigt. Rillen, Maserungen, grobe Bearbeitungsspuren der Kettensäge an den kräftigen Armen fördern diesen Eindruck, verstärkt noch durch Furchen, die den Sockel prägen.
Gordian VII hat trotz seiner körperlichen Unvollständigkeit eine überraschende Präsenz, die dem Platz einen ganz eigenen Charakter verleiht. Er wird fehlen, wenn die Skulpturenmeile im Oktober zu Ende ist.
Ähnlich Platz beherrschend ist auch Nightheart II, der sich im Zentrum des Schweinemarkts niedergelassen hat. Mit seiner Denkerpose bildet er einen interessanten Gegensatz zu diesem eigentlich belebten Ort. In sich selbst versunken, verharrt dieser athletische, muskulöse, grobgliedrige Koloss mit dem Körper eines Kriegers. So formuliert sich in der Skulptur selbst ein reizvoller Widerspruch, der weiten Raum zur Interpretation bietet.
Auch hier spielt Dietrich Klinge mit der Materialität. Wieder foppt der scheinbare Holzcharakter der Skulptur das Auge, verleiht dem Objekt trotz seiner Statik eine organische Lebendigkeit, wirkt warm statt abweisend.
Kinder klettern darauf herum, machen es sich auf den breiten Schultern des Gedankenvollen gemütlich, gleichsam geborgen und erhaben. Nightheart II ist ein friedlicher, freundlicher Hüne, dem man sich gerne anvertraut.