Veröffentlicht am 08.02.2022 08:32

Die Windsbacher triumphieren über Corona

Der Windsbacher Knabenchor konzertierte bei der Bachwoche Ansbach in St. Gumbertus. (Foto: Jim Albright)
Der Windsbacher Knabenchor konzertierte bei der Bachwoche Ansbach in St. Gumbertus. (Foto: Jim Albright)
Der Windsbacher Knabenchor konzertierte bei der Bachwoche Ansbach in St. Gumbertus. (Foto: Jim Albright)

Augen zu und Ohren auf: Die Bachwoche eilt dem Ende entgegen. Die Windsbacher singen in St. Gumbertus. Martin Lehmann interpretiert mit dem Knabenchor, Solisten und dem Freiburger Barockorchester zwei Bach’sche Trinitatis-Kantaten. Wie klingt das? Gewohnt und doch so wie noch nie. Bewegend auf alle Fälle.

Augen auf. Was sieht man? Ein gut besetztes Barockorchester, Streicher in allen Lagen, Flöte, Oboen, Fagott, Cembalo, Orgelpositiv. Alles da. Die Aufstellung ist kompakt. Was sieht man noch? Keinen Knabenchor, sondern 37 einzelne Windsbacher, verteilt auf zwei Etagen. Die meisten stehen auf dem Podium, klaffende Abstandslücken zwischen sich. Zehn singen auf der Ostempore aus den logenartigen Abteilen heraus. Wie soll da ein Sänger den anderen hören? Kann daraus ein Chorklang werden?

Ja. Es wird ein Chor. Man hört: nicht 37 Einzelstimmen, sondern die Windsbacher, tatsächlich. Der Knabenchor klingt über die ganze Breite des Podiums – Augen zu – als würde er es füllen, aber weiter entfernt sein. Natürlich hätten 80 Sänger mehr Klangvolumen. Aber ein Windsbacher Wunder ist es dann doch, wie sich die Einzelstimmen zu homogenen Chorregistern verbinden. Wie aus einem Geist meistern die Windsbacher ihre Partien in den Kantaten 33 und 102. Bei den Fugen im Eingangssatz der Kantate 102 wird das am klarsten. Sie glücken so prägnant und präzis, wie es zu wünschen ist.

Der Wortausdruck kommt darüber nicht zu kurz. Martin Lehmann verwandelt am Dirigentenpult die barocke Bildhaftigkeit der Texte in lebendige Musik – trotz der widrigen Umstände. Die enorme chorerzieherische Arbeit, die das erst möglich macht, lässt sich erahnen. Das immer agile Freiburger Barockorchester ist ein fabelhafter Partner in allen Belangen. Bei Bachs d-Moll-Doppelkonzert packt es sein Publikum zudem mit der feurigen Virtuosität, die von den Geigerinnen Éva Borhi und Kathrin Tröger in den Ecksätzen entzündet wird. Der langsame Mittelsatz zerfließt bei ihnen nicht, er tänzelt durch die Luft, mindestens drei Zentimeter über dem Boden.

Exzellente Solisten

Das Solisten-Terzett der Kantaten – der Altus Terry Wey, der Tenor Patrick Grahl und der Bass Tobias Berndt – ist exzellent. Es agiert auf einem Niveau und hat den vokalen Großteil der Kantaten zu schultern. Das flammende Tenor-Bass-Duett der Kantate 33 ragt heraus. Die Intensität von Weys Alt-Arien beeindruckt. Und Patrick Grahl veredelt mit lyrischem Tenorglanz und durchaus textbewusster Gestaltung seine Arie in der Kantate 102.

Die größte Überraschung folgt zum Schluss, eine Zugabe, die bei all den pandemischen Probeneinschränkungen nicht zu erwarten war. Martin Lehmann wagt sich mit den wenigen Windsbachern in die Achtstimmigkeit. Sie singen Bachs Motette „Komm, Jesu, komm“: So klingt Hoffnung.

Thomas Wirth

Diese Konzertkritik erschien zum ersten Mal in der FLZ vom 9. August 2021.

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