Das Grauen dauert fast sechs Jahre und hört am 8. Mai 1945 auf. Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Die Stadt Ansbach hat die US-Armee schon am 18. April befreit. In der Folge versuchen die Menschen in all ihrer Not, zu einer Art Normalität zu gelangen.
Der Neuanfang steht an. Die Amerikaner wollen schrittweise wieder demokratische Strukturen schaffen. Die Bildungsarbeit läuft unter den Begriffen „Re-Education“ und „Re-Orientation“. Nach dem Kulturbruch des nationalsozialistischen Gewaltregimes sollen die Deutschen gemäß dem Willen der US-Militärregierung die Prinzipien des demokratischen Miteinanders neu lernen.
Im Sinne eines demokratischen Wiederbeginns: Parteien gründen sich wieder oder neu, wie der Historiker Alexander Biernoth sagt. Früh dran sind die Kommunisten. Schon am 19. April 1945, also lediglich einen Tag, nachdem die US-Soldaten einmarschiert sind, trifft sich die KPD im Gasthaus Drechselgarten zu einer ersten Sitzung.
Die SPD ist im Nationalsozialismus genauso wie die KPD verboten gewesen. Sie kann ebenfalls auf Strukturen vor der Machtergreifung 1933 zurückgreifen. Die US-Militärregierung setzt Ende April 1945 den Gymnasiallehrer Dr. Hans Schregle als Oberbürgermeister ein. Er tritt im Folgejahr in die SPD ein.
Hans Schregle wird noch im Jahr 1945 Regierungspräsident für Mittel- und Oberfranken. Die Sozialdemokraten bleiben der Stadtspitze jedoch erhalten und stellen mit Ernst Körner bis 1950 den OB.
Am 2. Februar 1946 gründet sich in der Stadt im hinteren Saal des Gasthauses Mohren eine neue christlich-bürgerliche Partei. Ihr gelingt, was in der Weimarer Republik zwischen 1919 und 1933 nie möglich wird: die zwei großen Konfessionen zu einen. Es ist die CSU.
Die Namen zweier Mitgründer sind in der Kommunalpolitik in der Stadt nach wie vor bekannt. Der evangelische Pfarrer Heinrich Seiler war der Vater des heutigen ÖDP-Fraktionschefs im Stadtrat, Friedmann Seiler. Der Enkel des selbstständigen Drogisten Friedrich Deffner ist Thomas Deffner, der seit 2020 als Oberbürgermeister amtiert.
Die FDP, heute nicht mehr im Ratsgremium vertreten, spielt lange eine bedeutende Rolle in Ansbachs Stadtpolitik. Bei der ersten Stadtratswahl nach Ende des NS-Regimes am 26. Mai 1946 erringt die CSU 44 Prozent der Wählerstimmen, die SPD 38, die KPD 2,4 und die FDP immerhin 15,6 Prozent. Dr. Adolf Bayer, ein wichtiger Ansbacher Liberaler, wird gemäß Alexander Biernoths Worten 1946 Ehrenbürger.
Die Spitze der Stadtverwaltung allerdings dünnt sich nach Ende von Krieg und NS-Terror durch die Entnazifizierung immer weiter aus, wie der Historiker berichtet.
Ansbachs Bevölkerungszahl steige zwischen den Jahren 1939 und 1949 massiv. „Parallel dazu waren 4,4 Prozent der Wohnungen durch die Bomben zerstört.“ Kommissionen seien seinerzeit umhergelaufen, um in den Haushalten zu sehen, wo sie Menschen hätten einquartieren können. Dies habe die Stimmung ziemlich verfinstert.
Wie nehmen die Ansbacher die US-Militärregierung wahr? Manche sehen sie 1945 gemäß Alexander Biernoths Worten als Befreier, manche sicherlich als Besatzer.
„Außerdem gab es eine Spaltung der Bevölkerung.“ Mädchen und Jungen etwa hätten Schokolade bekommen und auf dem Panzer mitfahren dürfen. Die Älteren seien, „in einer polizeilosen Zeit“, sicherlich zunächst einmal vorsichtig gewesen – angesichts von Plünderungen, Diebstählen und vereinzelten Vergewaltigungen in den ersten Tagen nach dem 18. April 1945.
1946 schreibt nach seinen Worten Hans Schregle bereits als Regierungspräsident der Staatsregierung, wie schlecht Mittel- und Oberfranken mit Brot versorgt sind.
„Dies waren denkbar schlechte Voraussetzungen für den demokratischen Neubeginn in einer Stadt, die kaum an demokratische Traditionen anknüpfen konnte“, zitiert Biernoth den Historikerkollegen Dr. Hans Woller. Und bis das Wirtschaftswunder die Stadt erreicht, vergehen doch noch ein paar Jahre.