Die künstlerische Leitung beim Festival Edzerdla hat Helmut Haberkamm. Der vielseitige Autor aus Dachsbach im Aischgrund hat in drei Jahrzehnten der Mundart einen neuen Stellenwert verschafft.
Als künstlerischer Leiter schöpfen Sie aus Ihrem Fundus an Kontakten in die fränkische Mundartszene. Was reizt Sie an der Zusammenarbeit mit anderen?
Es kommt mehr heraus als ich je alleine machen könnte. Ich bin kein Musiker, ich kann nicht singen, keine Gitarre spielen. Wenn Johann Müller meine Texte singt, kommt etwas in die Welt, was ich nie selbst könnte. Das ist wunderbar. Wenn etwas von zwei, drei, vier Leuten zusammenkommt, entsteht plötzlich viel mehr als die Leute für sich alleine sind. Auch deshalb habe ich das Edzerdla-Festival gemacht. Damit Kontakte entstehen. Ich will den Leuten etwas vermitteln, erklären, erzählen, weitergeben. Als Lehrer, mit Büchern oder bei Vorträgen oder einem Festival. Tief in mir bin ich ein Lehrer.
Jetzt merken sie, wie schön Dialekt klingen kann, wie poetisch er sein kann.
Wächst das Selbstbewusstsein bei der fränkischen Mundart?
Das weiß ich nicht. Vielleicht bei denen, die noch im Dialekt aufgewachsen und jetzt über 50 Jahre alt sind. Für sie ist der Dialekt oft die Rückkoppelung zur Kindheit und Jugend. Das hat ein nostalgisches Moment, aber es geht auch um die Fragen: Wo sind meine Wurzeln? Wo ist meine Identität? Manche haben lange versucht, ihre Herkunft und ihren Dialekt zu verstecken. Jetzt merken sie, wie schön Dialekt klingen kann, wie poetisch er sein kann. Wir wollen dieses Potenzial sichtbar machen. Ob das Selbstbewusstsein wächst? Die meisten Kinder wachsen heute sehr fern vom Dialekt auf. Sie imitieren ihn nur ab und zu mit Wörtern wie Allmächd, Hobbela, nedd.
Bis zu welchem Alter kann man Dialekt lernen?
Mit 15, 16 Jahren hört es auf. Dann kommt eine Ausbildung, es geht hinaus in die Welt. Das muss vorher passieren. Mir ging es genauso. Als ich zum Studium nach Erlangen ging, habe ich versucht, meinen Dialekt zu unterdrücken, habe gelernt, Hochdeutsch zu reden und Englisch.
Da mache ich Kompromisse, um es lesbarer zu halten.
Mundart zu schreiben ist fast ein Widerspruch in sich. Welches System verwenden Sie, um Dialekt lesbar zu machen?
Ich wollte von Anfang an so schreiben, dass man von der Schreibweise die Lautung erahnen kann. Das hat sich über 30 Jahre kaum verändert. Die Groß- und Kleinschreibung habe ich behalten, anders als etwa Fitzgerald Kusz. Er schreibt alles klein, hat aber auch kürzere Texte. Bei meinen oft längeren Texten wird man wahnsinnig, wenn alles klein geschrieben ist. Ich bleibe wie im Hochdeutschen auch bei „st“ oder „pf“, nicht „schd“ oder „bf“. Da mache ich Kompromisse, um es lesbarer zu halten. Manchmal geht es auch nach der Herkunft.
Zum Beispiel?
Nehmen wir das Wort „gesehen“. Da schreibe ich in der Mundart „gsehng“, nicht „gseeng“. Wenn das h drin bleibt, ist das Ursprungswort leichter zu erkennen. Die Säge schreibe ich dagegen „Seeng“, weil da im Hochdeutschen kein h ist.
Ist es leichter, im Dialekt zu arbeiten, wenn nichts in die Schrift übertragen werden muss, also bei Texten für Theater, Radio, Lesungen und Songs?
Ein Buch machen bedeutet, dass es im Verlag ein Lektorat gibt. Da gibt es immer Diskussionen, warum ich etwas so schreibe und nicht anders. Das ist anspruchsvoller, endgültiger, etwas, das bleibt. Von meinen Theaterstücken ist dagegen keines veröffentlicht, die kann man gar nicht lesen. Wer etwas spielen will, bekommt den Text. Fürs Theater ist die Schreibweise zweitrangig. Da nehme ich dann auch oft andere Worte, die bekannter sind. Die Schauspieler legen sowieso ihre eigene Sprache drauf.
Ich habe damit viele Leute kennengelernt, das war anregend.
Auf allen Ebenen haben Sie viel mit ganz unterschiedlichen Leuten gearbeitet. Haben Sie diese gezielt gesucht?
Das Radio kam relativ früh, das war mit dem bayerischen Kulturförderpreis verbunden. Für eine BR-Sendung sollte ich Gedichte einlesen. Dann folgte das Studio Franken, mit Lesungen und eigenen Produktionen zur Mundart. Ich habe damit viele Leute kennengelernt, das war anregend. Es hat sich unheimlich viel ergeben. Für den Schauspieler, Puppenspieler und Musiker Stefan Kügel habe ich Stücke geschrieben, die unter anderem in seinem Theater Kuckucksheim in Heppstädt im Landkreis Erlangen-Höchstadt liefen und noch laufen. Der Liedermacher Johann Müller aus Burghaslach kam nach einer Lesung auf mich zu und sagte: Die Lieder aus deinem Gedichtband kann ich spielen. Er hat mir meine Übertragungen von Dylan-Liedern ins Fränkische vorgesungen. Daraus sind die CDs „Fodd ieberm großn Wasser” und „Dylan auf Fränkisch“ entstanden.
Ich dachte, das ist ein Glückstreffer, fünf Gedichte, ein Preis.
Wann begann Ihr Erfolg als Mundartautor?
Angefangen hat es im Jahr 1989. Da habe ich den Ossi-Sölderer-Preis der bayerischen Mundartfreunde bekommen. Ich dachte, das ist ein Glückstreffer, fünf Gedichte, ein Preis. Dann kam 1992 der erste Gedichtband „Frankn lichd nedd am Meer“, im jungen Cadolzburger Verlag Ars Vivendi von Norbert Treuheit, mit einem Nachwort von Fitzgerald Kusz als Mentor. Ein Überraschungseffekt, es hieß, ein neues Talent, das ganz anders schreibt als die anderen. Und als Sahnehäubchen ein Jahr später der bayerische Kulturförderpreis.
Das hätte es dann auch gewesen sein können. Warum ging es weiter?
Ich war damals sehr fleißig. Als Referendar am Kulmbacher Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium hatte ich Zeit. Schule und Schreiben, kein Fernseher, kein Telefon, lange vorm Internet, das war paradiesisch. Ich habe nie mehr so viel geschrieben wie in diesem Jahr. Da sind Gedichte für die nächsten zwei Bände entstanden.
Es war ein Ausprobieren, ob der Dialekt das hergibt oder ob es lächerlich klingt.
Hätten Sie auch ohne Preise weitergeschrieben?
Sie waren wichtig als Bestätigung, auch für den Verlag. Wolf Peter Schnetz, der damalige Erlanger Kulturreferent, hat mich gefragt, ob ich Lust auf ein Stück für den Schauspieler Winni Wittkopp hätte. Daraus wurde das Stück „Schellhammer“. Meine ersten Fassungen waren nicht so toll, Theater ist eine andere Kiste. Ich hab das mehrfach umgeschrieben. Es kam sehr gut an, also folgte das zweite Stück. Dann wollte Winni Wittkopp ein Stück mit Musik, und so entstand die fränkische Drei-Männer-Komödie „No Woman, No Cry - Ka Weiber, ka Gschrei“.
Wie kam die Musik dazu?
Ich hatte im zweiten Gedichtband schon Übertragungen von Bob Dylan. Es war ein Ausprobieren, ob der Dialekt das hergibt oder ob es lächerlich klingt. Der Dialekt wird oft belächelt, unterschätzt. Man kann mit dem Dialekt auch sehr Ernsthaftes machen. Es war von Anfang an mein Ehrgeiz, Dialekt als Literatursprache ernst zu nehmen. Er gibt auch tragische Stimmungen her, poetische, surreale wie bei Bob Dylan. Da weißt du oft nicht, um was es genau geht.
Der Dialekt wird oft belächelt, unterschätzt. Man kann mit dem Dialekt auch sehr Ernsthaftes machen.
An welchem Song wird das besonders deutlich?
Eine meiner ersten Übertragungen war „Love Minus Zero/No Limit“, ein Liebeslied. Etwas mysteriös, man weiß nicht genau, was er eigentlich sagen will, aber vom Gefühl her ist es völlig klar: Eine Liebe, die ganz anders ist als alle anderen, mit Sprache nicht richtig einzufangen. Das wollte ich mal im Dialekt probieren, ihn ausreizen, so verwenden, wie ich ihn noch nie gehört habe, aber wie es geht. Das muss vollkommen fränkisch klingen. Eine Übertragung, eine Anverwandlung. Möglichst nah am Original, aber es muss hundert Prozent fränkisch klingen. Das war immer mein Ideal. Ich hab dann manche Texte von Dylan ganz frei benutzt. „Tangled up in blue“ wird zur Geschichte von einem fränkischen Mädchen, das auf einem Bauernhof aufwächst, misshandelt wird und ausbricht, nach Nürnberg. Das ist reizvoll, hörbar Dylan und doch nicht Dylan.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie aus dem Englischen übersetzen und einen passenden Begriff suchen?
Ich bin ein Sammler und habe viele Wörterbücher zuhause, über die Mundarten in Ansbach, Forchheim, Fürth, Bamberg und anderen Orten. Und ich habe eigene Wörtersammlungen angelegt.
1961 in Dachsbach im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim geboren, studierte er nach dem Abitur am Neustädter Gymnasium Germanistik und Anglistik in Erlangen und Wales. Nach einer Doktorarbeit über die britische Gegenwartsdichtung arbeitete er bis zum vergangenen Schuljahr als Gymnasiallehrer an seinem Wohnort Spardorf und in Erlangen.
Für sein Werk erhielt er unter anderem den Bayerischen Kulturförderpreis, den Literaturpreis der mittelfränkischen Wirtschaft, den Frankenwürfel der drei fränkischen Regierungsbezirke, den Kulturpreis der Stadt Erlangen und den Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken. Die „Kleine Sammlung fränkischer Dörfer“ mit 20 Ortsporträts und Illustrationen von Annalena Weber wurde im Jahr 2019 zum „Schönsten Regionalbuch in Deutschland“ gewählt.
Ist es schwerer, etwas aus dem Englischen ins Fränkische zu übersetzen als ins Hochdeutsche?
Als Student habe ich Übersetzungen ins Hochdeutsche versucht. Und gemerkt, dass es im Hochdeutschen sperrig klingt. Unemotional, unmusikalisch. Im Dialekt gibt es viel mehr Rhythmus.
Und Freiheiten. Weshalb ist aus Madame George in einem Song von Van Morrison das Fräulein Rosa geworden?
Weil Frau Georg nicht passt. Aber Fräulein Rosa. So hieß eine Familie in einem fränkischen Ort. Familie Rosa. Ein schöner Klang.
Ich will bewusst Wörter aufheben, die althergeholt und fast vergessen sind. Manche haben einen wunderschönen Klang.
Wieso gibt es in den Büchern oft ein Glossar, in dem Dialektausdrücke auf Hochdeutsch erklärt werden?
Manche Aischgründer Spezialausdrücke kennen nicht alle. Und ich will bewusst Wörter aufheben, die althergeholt und fast vergessen sind. Manche haben einen wunderschönen Klang, einen eigenen Reiz.
Passiert es bei Lesungen, dass Zuhörer fragen, was bestimmte Wörter bedeuten?
Ja, ganz oft. Sängerli zum Beispiel kennen wenige, das bedeutet sauer, säuerlich.
Wenn ich zwei Gedichte schreibe, war es ein schöner Abend.
Wie entstehen die Gedichte für den nächsten Band?
Gedichte sammeln sich über Jahre an. Ich schreibe immer welche, ab und zu, das ist eine Sache der Stimmung und des Moments. Wenn ich zwei Gedichte schreibe, war es ein schöner Abend. Die sammeln sich an, und dann wird daraus wieder ein Buch. Im September 2022 ist bei Ars Vivendi „All Dooch wos annersch“ erschienen. Im Mai 2024 kommt ein neuer Band heraus mit dem Titel „Edzerdla hammers“.
Ist für Sie ein Ende beim Schreiben denkbar?
Gott sei Dank nicht. Es gibt Projekte, die mich reizen. Ich hatte nie eine Schreibblockade. Ich fang mal an, sammle, und wenn nichts rauskommt, lass ich es halt. Manchmal passt es einfach nicht. Sprache ist etwas Magisches. Man muss nicht alles verstehen, aber es löst unglaublich viel in dir aus.
Vom 7. bis zum 9. Juni dreht sich in Burgbernheim alles um die fränkische Mundart. Wie bei den Festivals von 2016 und 2018 wird der Kapellenberg mit seinen Obstbäumen zum idyllischen Festivalgelände.