Klar sollte man sparen. Sich um die Altersvorsorge kümmern. Etwas gegen die Inflation tun. Den Sparplan hochsetzen. Rebalancing angehen. Oder sich überhaupt mal mehr mit Finanzthemen beschäftigen, weil man keine Ahnung hat, was der Begriff Rebalancing überhaupt bedeutet.
Viele Menschen wissen all das eigentlich, machen es aber trotzdem nicht. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. „Hilfreich ist es, den eigenen Hinderungsgrund zu erkennen“, sagt die Soziologin Birgit Happel, Gründerin des Finanzbildungsportals Geldbiografien. Denn wer den Grund kennt, findet mit Hilfe der entsprechenden Lösungsstrategie besser zum Ziel. Das sind die sieben häufigsten Ursachen für eine Finanz-Aversion:
Im Umgang mit Finanzen wird jede und jeder durch das eigene Elternhaus geprägt. Botschaften wie „Über Geld spricht man nicht“, „Geld verdirbt den Charakter“ oder „Geld interessiert mich einfach nicht“ bleiben unterbewusst hängen und beeinflussen so auch noch im Erwachsenenalter das eigene Finanzverhalten.
Später, in der eigenen Familie, wird das Thema Finanzen insbesondere bei Frauen oft an den Partner delegiert, beobachtet Birgit Happel. „Das passiert allein schon aus Zeitgründen, wenn Frauen immer noch hauptsächlich für die Care-Arbeit verantwortlich sind“, so Happel. Wer wenig finanzielle Spielräume habe, meide das Thema zusätzlich, weil es schmerzhaft sein kann.
Finanzentscheidungen werden also nicht nur rational, sondern immer auch emotional und sozial geprägt getroffen. Birgit Happel empfiehlt deshalb, die eigene Lebensgeschichte zu reflektieren und sich etwa zu fragen: „Woher komme ich?“ und „Wo stehe ich?“. Und sich dann zu überlegen, wohin man langfristig eigentlich möchte.
Entscheidend sei es, Geld als Teil der eigenen Selbstbestimmung, der Lebensqualität und der Vorsorge zu betrachten. Denn: „Natürlich macht es in zehn Jahren einen Unterschied, wie ich heute mit meinen Mitteln wirtschafte, ob ich etwas zurücklege, mir einen Vermögensgrundstock aufbaue oder investiere“, so Happel.
Alle Menschen wählen grundsätzlich am liebsten den Weg, den sie schon kennen, statt etwas Neues auszuprobieren. „Unser Gehirn mag Routinen und Gewohnheiten. Denn eine Verhaltensänderung bedeutet Arbeit und das kostet einfach Energie“, erklärt der Neurowissenschaftler Boris Konrad. Wer seine Kontoauszüge bislang also nicht regelmäßig kontrolliert, nichts gegen die Inflation tut oder keine private Altersvorsorge hat, muss erst einmal diese Routinen hinter sich lassen.
„Allerdings hat unser Gehirn den Drang, nur in gewissen, festen Grenzen zu arbeiten“, sagt Boris Konrad. Um es da herauszubekommen, könnten externe Brüche wie der Jahreswechsel oder der eigene Geburtstag durchaus hilfreich sein, weil damit ohnehin etwas Neues beginnt.
Sprich: Sich den Vorsatz gesetzt zu haben, dass man sich ab dem 1. Januar 2026 mehr um seine Finanzen kümmern will, war schon ein erster, wichtiger Schritt in die richtige Richtung. „Wer dazu neigt, solche Deadlines mit sich selbst nicht einzuhalten, kann auch einen Termin mit einem Finanzberater ausmachen“, sagt Prof. Stefan Trautmann vom Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg.
Das größte Problem vieler Neujahrsvorsätze ist: Oft hält man sich maximal im Januar noch daran. „Das passiert vor allem dann, wenn die Ziele unrealistisch oder zu ambitioniert sind oder wenn keine übergeordneten, langfristigen Ziele dahinterstehen“, sagt Birgit Happel.
Deshalb ist es wichtig, sich realistische Schritte zu überlegen und das zu festen Terminen. Diese Regelmäßigkeit hat noch einen weiteren Vorteil: „Damit neue Wege im Gehirn angelegt werden, braucht es einfach eine gewisse Häufigkeit. Nur so kann beispielsweise dann das Sparen zur neuen Routine werden und nicht wie früher das Geldausgeben“, sagt Boris Konrad. Systeme, die das Dranbleiben erleichtern, sind etwa Sparpläne. „Das kann ich super automatisieren und muss dann in die Verwaltung vielleicht noch eine Stunde jährlich investieren“, sagt Stefan Trautmann.
Finanzthemen wirken oft komplex, es gibt viele Fachbegriffe. Hinzu kommt die Angst, dass man etwas falsch machen könnte und dann Geld verliert. „Finanzbildung kann hier Sicherheit geben“, sagt Birgit Happel. Wer sich weiterbildet oder entsprechende Schulungen besucht, kann also im Vorteil sein. Was zum Beispiel auch hilft, um etwa mit dem Sparen zu beginnen: der Start mit einfachen Produkten wie einem Tagesgeldkonto, auf das monatlich ein bestimmter Betrag überwiesen wird.
„Vielleicht gibt das dann noch nicht viele Zinsen, aber ich merke doch, dass etwas passiert“, sagt Boris Konrad. Ist eine bestimmte Summe erreicht, kann man sich dann erneut überlegen, was nun mit dem Geld passieren soll. „Mit vielen guten Apps ist es inzwischen wirklich recht einfach geworden, ein Depot zu eröffnen oder einen Sparplan einzurichten“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Trautmann.
Wer sich trotzdem nicht allein an die Themen herantraut, kann professionelle Hilfe in Anspruch nehmen - zum Beispiel bei einem unabhängigen Honoraranlageberater. Oder aber man sucht in seinem sozialen Umfeld. „Am besten nehme ich jemanden, der ähnlich verdient wie ich und in einer ähnlichen Lebenssituation ist“, sagt Trautmann. Dann fällt es oft leichter, über schambehaftete finanzielle Themen zu sprechen.
Ein weiterer Vorteil dieser Strategie: „Wenn ich anderen von meinen Vorsätzen erzähle, fragen sie mich im besten Fall nach einer Weile, wie es damit läuft“, sagt Boris Konrad. So entstehe ein gewisser sozialer Druck, tatsächlich etwas zu tun.
Das Problem beim Sparen ist: Man hat nicht sofort etwas davon, sondern erst in der Zukunft. „Unser Gehirn möchte aber gern belohnt werden, wenn es schon arbeiten muss“, sagt Boris Konrad.
Er empfiehlt, mit möglichst kleinen, überschaubaren Zielen zu starten, also beispielsweise morgens auf dem Weg zur Arbeit den Kaffee nicht mehr beim Bäcker zu kaufen, sondern von zu Hause mitzunehmen. Das so gesparte Geld könne man direkt in einen Sparplan einzahlen, möglichst automatisiert. „Und dann gibt es inzwischen so tolle Apps, die uns visuell zeigen, wie der gesparte Betrag jeden Monat wächst. Und schon haben wir ein Erfolgserlebnis“, sagt Konrad.
Trotzdem sollte einem klar sein, dass es bei Finanzthemen grundsätzlich mehr Geduld und Disziplin als beispielsweise beim Sport benötigt. Bei letzterem habe man „eine schnellere Wirkung und damit auch Erfolgsgefühle“, so Birgit Happel.
„Wir neigen grundsätzlich dazu, Verluste höher zu gewichten als Gewinne“, sagt Stefan Trautmann. Das mache es den Menschen immer schwer, zu sparen. „Ich muss ja jetzt auf etwas verzichten, damit ich beispielsweise im Alter etwas davon habe“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Hinzu komme die Unsicherheit, dass man weder wisse, wie alt man überhaupt wird, noch was das angesparte Geld dann noch wert ist.
Trautmanns Strategie dagegen: Sparpläne. „Da kann ich mit sehr wenig anfangen und im Voraus aber gleich festlegen, wann ich mehr spare“, so Trautmann. Das führe dazu, dass der Verlust sich nicht mehr so stark anfühlt. „Und ich kann beispielsweise auch so vorgehen, dass bei einer Gehaltserhöhung oder wenn das Urlaubsgeld kommt automatisch mehr Geld in den Sparplan fließt. Dann merke ich auf dem Konto erst gar keinen Verlust.“
Wer sich dafür entscheidet, sein Geld zum Beispiel in Wertpapieren oder Edelmetallen anzulegen, die immer mal im Wert schwanken können, sollte auch bei Rücksetzern ruhig bleiben. „Ganz vermeiden lassen sich negative Emotionen dabei natürlich nicht“, sagt Stefan Trautmann.
Damit man aber einen Kursverlust nicht gleich zum Anlass nimmt, den ETF-Sparplan wieder aufzulösen, rät Trautmann dazu, stets bewusst ein paar Tage abzuwarten, bis es etwas ruhiger geworden ist und sich dann zu überlegen, ob man wirklich noch Handlungsbedarf sieht. Wer wohlüberlegt und breit gestreut investiert hat, sollte sich jedenfalls nicht durch kurzfristige Ereignisse vom Kurs abbringen lassen. Immerhin sollten etwa Wertpapier-Investments mindestens zehn Jahre lang bestehen bleiben, um solche Schwankungen wieder ausgleichen zu können.
„Und man muss sich einfach klarmachen: Egal, wie viel man sich mit seinem Depot beschäftigt, man gibt letztlich immer die Kontrolle über die Entwicklungen ab“, sagt Trautmann. Deshalb könne es auch helfen, sich bewusst weniger mit dem Tagesgeschäft zu beschäftigen und sich stattdessen fixe Tage im Jahr zu setzen, an denen man sich Zeit nimmt, einen gezielten Blick auf seine Finanzen zu werfen.
Das kann dann auch ein guter Moment für etwas Rebalancing sein - Sie erinnern sich an den Anfang des Textes? Verschieben sich Risiko und Renditeaussichten im eigenen Portfolio, weil sich die gewählten Anlageprodukte unterschiedlich entwickelt haben, kann es sinnvoll sein, durch gezielte Verkäufe und Käufe die ursprüngliche Gewichtung der Vermögenswerte wiederherzustellen. Mehr als einmal im Jahr sollte man das aber nicht tun, um die Rendite nicht durch anfallende Transaktionskosten zu schmälern.
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