Helga Deininger (Feuchtwangen) und Heinz Both (Dinkelsbühl) geben der Geschichte ein Gesicht. Die beiden erinnerten sich auf Einladung des Helferkreises Geflüchtete an ihre Kindheit während der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Und beide waren sich einig: „Wir leben heute wieder in einer gefährlichen Zeit.”
Heinz Both (90) war ein Kind, als er mit seinen Eltern 1940 von Rostock nach Krakau zog. Am 6. September 1939 war die Stadt, die damals rund 250.000 Einwohner zählte, von deutschen Truppen besetzt und zur Hauptstadt des neu gebildeten Generalgouvernements für die besetzten polnischen Gebiete erklärt worden. Both, der damals fünf Jahre alt war, erinnert sich noch, dass seine Familie in Rostock in sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte.
In Krakau bezogen die Boths eine stattliche, mit schönen Möbeln ausgestattete Vier-Zimmer-Wohnung. „Wo kamen die Möbel her?” Der 90-Jährige beantwortete die Frage selbst: Sein Vater, gelernter Bäcker, der vor dem Zweiten Weltkrieg in einer Backstube eine NSDAP-Ortsgruppe gegründet hatte und nach Ausbruch des Krieges im Polenfeldzug dabei war, habe vom NS-Regime die Wohnung und auch einen gut dotierten Posten in Krakau erhalten.
Die jüdischen Menschen, die darin gelebt hatten, seien deportiert worden oder gegen Zahlung eines viel zu geringen Geldbetrags „freiwillig” gegangen, wie Both erklärte. Krakau war das Machtzentrum der deutschen Besatzer. An deren Spitze stand der NS-Jurist Hans Frank. Er ließ das Land rücksichtslos ausbeuten und war mitverantwortlich für den Völkermord an den Juden sowie die Unterdrückung und Ermordung der nichtjüdischen polnischen Bevölkerung.
Sein Dienstsitz war die Krakauer Burg, der Wawel. Das imposante Bauwerk diente als repräsentativer Ort für Feierlichkeiten und Aufmärsche und wurde als nationalsozialistische Machtzentrale zum Kristallisationspunkt der NS-Verbrechen in Zentralpolen.
„Wir waren die Kinder von den Nazis.”
Wie hatte Heinz Both dies als Kind erlebt? Er und sein Bruder wollten mit polnischen Kindern spielen, „so wie Kinder das halt machen”, erzählte er. „Doch die waren abweisend.” Er habe das damals nicht verstanden. „Wir waren die Kinder von den Nazis”, ordnet er es heute ein.
Er schilderte die Situation in der besetzen Stadt, wie er sie als Kind wahrgenommen hatte: Krankheiten, die grassierten, aber auch ganz normale Erinnerungen eines Grundschülers. Eltern eines Klassenkameraden hatten eine Großwäscherei und dort kam Kleidung aus dem nahen Konzentrationslager Auschwitz an: „Die Sachen mussten nach eingenähtem Schmuck gefilzt werden und wurden danach gewaschen und wiederverwertet.”
Und er erzählte auch von einem jüdischen Arzt, der ihn gerettet habe, als sein entzündeter Blinddarm durchzubrechen drohte. Der Arzt sei danach „abgeholt” worden. „Ich werde ihm ewig dankbar sein.” 1944 ist die Familie Both „raus aus Krakau”. Er erinnert sich, auf der Fahrt nach Westen die rauchenden Schlote von Auschwitz gesehen zu haben. „Da werden die Juden durch den Schornstein gejagt”, habe jemand gesagt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Both über das Erzgebirge und Thüringen schließlich nach Franken. Er hat lange in Elbersroth gelebt und seit einigen Jahren wohnt er in Dinkelsbühl. Seine Kindheit hat ihn geprägt. Er demonstriert auch im hohen Alter noch für Frieden. „Krieg darf nie wieder vorkommen”, mahnt er.
Helga Deininger (91) hat als Kind, wie sie erzählt, trotz der schlimmen Zeiten eine recht schöne Kindheit in Feuchtwangen verbracht. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Geflüchteten und Vertriebenen gekommen seien, „sind wir alle zusammengerückt”. Sie erinnert sich an polnische Erntehelfer, die auf den Feldern weiße Tücher ausgebreitet hätten, um sich vor den Jagdbombern zu schützen. Und sie weiß noch, als ihre Mutter sagte: „Die Juden sind in einem Umerziehungslager” und sich dabei seltsam verhielt.
In Feuchtwangen verkauften die jüdischen Bürgerinnen und Bürger ihre Häuser. „Am 2. März 1938 waren alle weg”, berichtete Deininger. 28 von ihnen wurden in Konzentrationslagern ermordet. Sie selbst habe bereits in den 1960er Jahren Kontakt zu den Eigentümern des Hauses aufgenommen, das ihre Schwiegermutter gekauft hatte. „Der Holocaust war nach dem Krieg ein Tabu”, stellte sie die Situation dar. „Schuld hatten alle auf sich geladen. Deshalb wollte niemand mehr darüber sprechen.”