Mit viel Herzblut kuratiert das Organisationsteam Jahr für Jahr ehrenamtlich das Bad Windsheimer Weinturm Open Air. Sprecher Martin Bauer freut sich schon auf einen typischen Weinturm-Spannungsbogen bei der Musik und einige Neuerungen für das „Mehrgenerationen-Festival”. Vom 8. bis 10. August ist es wieder so weit.
Das Einzige, was gleich bleibt, ist die Veränderung: Dieser Spruch trifft beim Weinturm den viel zitierten Nagel auf den Kopf. Der größte Wandel, Jahr für Jahr: das Musikprogramm. „Wir sind heuer sehr zufrieden damit und voller Vorfreude”, sagt Bauer. „Das ist immer ein langer Prozess: Was kann spannend sein, was suchen wir uns aus, um es unseren Gästen zu präsentieren?”
Ein gelungener Weinturm-Tag, findet Bauer, lebt vom „Spannungsbogen im Programmablauf”. Überraschungen gehören dazu, manchmal vielleicht auch Dinge, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Der frühe Freitagabend ist für den Festivalsprecher dafür ein gutes Beispiel. Ab 20.15 Uhr holt „Endless Wellness”, die 2024 spontan absagen mussten („da waren wir alle sehr traurig”), ihren Auftritt nach. Lakonische Texte, Indiesound, Wiener Schmäh. Direkt davor tritt die „Hot 8 Brass Band” auf, Grammy-dekoriert sind die Musikerinnen und Musiker aus New Orleans. „Die werden die Bühne ganz schön abreißen” und bieten für Bauer einen „spannenden Kontrast” zu den Österreichern zuvor.
Der Samstag sei „total vielseitig”. Eine tanzbare Reggae-Ska-Balkan-Fusion von „Malaka Hostel” am Nachmittag, urbaner Punk mit „Bilk” zur Vorabendzeit und zwei „Bands, die total aus der Reihe fallen, im positiven Sinn” ab der Primetime. „Jiggy” mischen irischen Folk mit Elektro-Anleihen, Stuzzi ist ein Schwede, der so gar keine skandinavische Musik macht: Karibische Klänge werden zu Disco-Dance.
„Viele spannende Sachen” erwarten die Weintürme, wie die Besucherinnen und Besucher gerne genannt werden, am Sonntag. „Maxjoseph” heißt eine Volksmusikgruppe, die mit klassischen Instrumenten das oftmals eingestaubte Genre in neues Licht tauchen will. „Die touren derzeit in der Republik rauf und runter”, erklärt der Sprecher. Marlo Grosshardt ist der neue Stern am Liedermacher-Himmel in politischer Tradition. „Er hat das Potenzial, einer der neuen großen deutschen Liedermacher zu werden”, findet Bauer. Starke Stimme, starke Haltung.
Bei „Cari Cari” hat sich sogar Chefbooker Michael Beigel gefragt, „warum die Band noch nicht früher bei uns gespielt hat. Sie passt perfekt ins Weinturm-Programm”. Aus Bauers Sicht ist das Duo unterschätzt und fliegt zu Unrecht noch „unter dem Radar”. Eine Österreicherin, ein Österreicher. Rockige Weltmusik mit Didgeridoo.
Auf der Kleinturmbühne ist ebenfalls einiges geboten. Der Sprecher hebt beim Freitagsprogramm die Liedermacher „Simon und Jan” hervor, die sich mit ihren „alltagspolitischen Texten” einen Namen gemacht haben. Am Samstag stehen „The Ohohohs” auf der Bühne. Das Duo produziert die bisweilen elektronischen Klänge live auf der Bühne. Da werden Soundgefüge kreativ zusammengebastelt, stets tanzbar.
Für den Kleinturm-Abschluss am Sonntagabend schaut Maria De Val vorbei. Sie stand mit ihrer Band schon auf der Hauptbühne und präsentiert nun ihr Soloprojekt. Einfühlsame Musik als kleine Hilfe, um nach einem turbulenten Weinturm-Wochenende zur Ruhe zu kommen.
Auch die Nachtschwärmer kommen auf ihre Kosten – unter anderem mit zwei Aftershow-Partys auf dem Kleinturm. In der Nacht auf Samstag legt ab 1 Uhr Simon Ferdinand auf, ein DJ aus Hamburg mit Wurzeln in Bad Windsheim, der für housige Sets steht. Auf dem Plateau wird er eine eigens abgestimmte Mélange aus „weinturmspezifischen Einflüssen” präsentieren. „Fat Cheeks” bringen in der Nacht auf Sonntag ab 1 Uhr die Menschen zum Tanzen. Eine Brasskapelle mit Cover-Songs und gaaaaanz viel Power.
Doch auch sonst wird es Änderungen geben. „Wir haben uns gezielt gefragt: Wer kommt auf unser Festival, mit welchen Bedürfnissen? Daraus ist jetzt keine soziologische Studie entstanden, aber wir haben Erkenntnisse gewonnen”, sagt Bauer fürs Orga-Team. Die Gäste seien doch sehr gemischt – von der Lebenssituation, vom Alter: „Es geht jetzt nicht darum, sich abgehobene Meta-Gedanken zu machen.” Vielmehr entstanden konkrete Projekte, die nun umgesetzt werden.
Familien mit Kindern dürfen sich schon über einiges freuen: Kinderprogramm, eine Art Geisterbahn, der Jugendtreff „Schneiderscheune”. Aber eines habe stets gefehlt: ein ruhigerer Rückzugsort mit Schatten. Heuer wird es nun eine „Familienwiese” beim Gruselgewusel geben. Freiräume zu schaffen, das ist das Ziel.
Und was ist mit der Jugend? Früher hatte die Bodenstation einen „Rumpunsch”-Stand betrieben, der seit seinem Aus von vielen Stammgästen vermisst wird. „Die Lücke wollen wir wieder füllen”, sagt Bauer. Ein „Ort der Begegnung zur späteren Stunde” soll er werden, für alle, „die noch nicht so früh ins Bett wollen”. Das Weinturm-Team selbst werde dieses Angebot betreuen.
Auch beim Awareness-Konzept wurde noch nachgefeilt. Ein Team werde vor Ort sein, als erster Anlaufpunkt fungiert beispielsweise der Kaffee-Stand. Auch bei der Barrierefreiheit hat man geknobelt. Auf dem Hügel, der erklommen werden muss, sei das aber gar nicht so einfach. Man sei bemüht und schaffe etwa Behinderten-Parkplätze oben. Auch eine kleine Rampe sei geplant, damit auch Rollstuhlfahrer entspannt sehen und hören können.
Rund 200 Ehrenamtliche sind am Weinturm-Wochenende im Einsatz. 3000 Besucherinnen und Besucher werden jeden Tag erwartet. Kurzentschlossene können sich noch eine der wenigen Wochenend- und Tageskarten im Ticketshop auf der Weinturm-Homepage sichern. Gelebt werden soll dann eine „große Utopie”, sagt Bauer. Die Utopie vom guten Miteinander, im Rahmen von Musik und Kultur.