In einem Stall in Bethlehem soll das Jesuskind geboren sein. Zwischen Ochs und Esel – so hören wir es Jahr für Jahr in der Weihnachtsgeschichte. Den Duft von Stroh haben heute an den Feiertagen nur wenige Menschen in der Nase. Für Tierarzt Dr. Rainer Zwengauer ist Weihnachten im Stall keine Ausnahme.
Eine Geburt im Stall hat er an Weihnachten schon häufiger erlebt. Natürlich nicht von Menschen, aber kleine Kälbchen gibt es eigentlich jedes Jahr über die Feiertage, erzählt Zwengauer. Der 49-Jährige hat seit zehn Jahren eine Tierarztpraxis in Oberramstadt, einem Gemeindeteil der Stadt Leutershausen. Dort arbeiten neben Zwengauer eine Kleintierärztin und sechs Großtierärzte.
Vor einigen Jahren, erinnert sich Zwengauer, konnte er an Heiligabend nicht zum traditionellen Christkindlesrunterläuten nach Leutershausen. Ein Kalb musste mit einem Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden – ein Notfalleinsatz für den Tierarzt. Bei einfachen Geburten wird er nicht gerufen. „Das machen die Bauern allein“, sagt er. Erst wenn es schwierig wird, kommt er ins Spiel. Tierärzte kümmern sich dann unter anderem um Lagekorrekturen oder eben einen Kaiserschnitt.
Zwengauer und seine Kollegen sind für solche Einsätze jeden Tag und zu jeder Uhrzeit erreichbar. Für Sonn- und Feiertage gibt es einen Hauptdienst und einen Weiteren im Hintergrund, sollte es allein nicht machbar sein. Rufbereitschaft an Feiertagen und mitten in der Nacht gehören also zum Beruf.
Neben komplizierten Geburten gehören aber auch Euterentzündungen, ein Kalb mit Grippe oder eine Kuh mit Durchfall zu den Notfällen. Unter der Woche fallen für den Tierarzt andere Termine an, bei denen es nicht so schnell gehen muss.
Das Telefon klingelt – alle paar Minuten. Die Landwirte melden sich in den Morgenstunden in der Praxis, wenn sie beim Füttern ein auffälliges Tier entdeckt haben. Im Terminbuch der Praxis stehen außerdem schon länger geplante Termine wie Impfungen. Die Ärztinnen und Ärzte sprechen dann ab, wer wohin fährt. Die Routen werden so zusammengestellt, dass sich die Stationen mit möglichst kurzen Wegen verbinden lassen.
Tätig ist die Praxis nach Aussage von Zwengauer für rund 150 Landwirte. Das Gebiet reicht von Rothenburg bis Ansbach, von Marktbergel bis nach Feuchtwangen. Notfälle übernimmt der Arzt, der am schnellsten vor Ort sein kann. In der Praxis suchen die Tierärzte die Medikamente zusammen. Eine Kollegin muss schnell los, auf sie wartet ein Notfall. Zwengauer selbst hat drei Termine auf seiner Tour.
Erste Station: Bieg. Das Tier hier wurde bereits geschlachtet. Zwengauer kommt zur Fleischbeschau. Im Auftrag des Veterinäramtes begutachtet er das geschlachtete Tier. Er findet keine Anzeichen auf Krankheiten, er gibt das Fleisch der Hausschlachtung für den Eigenverbrauch frei. Der nächste Halt ist Dietenbronn. Hier sollen auf einem Mutterkuhbetrieb zwei junge Bullen kastriert werden, damit sie wieder zu den anderen Tieren in die Herde können. Die Landwirtsfamilie hat schon alles vorbereitet: Die beiden Tiere sind mit Stricken festgebunden, Wasser und Lappen liegen bereit.
Mit einem Blick schätzt der Tierarzt das Gewicht der Tiere und zieht die Spritze mit Narkosemittel auf. Nur wenige Augenblicke später legt sich das erste Rind ins Stroh. Was jetzt folgt, ist Routine für Zwengauer: desinfizieren, aufschneiden, abklemmen, abtrennen und abbinden. Mit geübten Handgriffen führt er die Kastrationen durch. Kurz darauf stehen die beiden Tiere als Ochsen wieder auf.
Es geht weiter zum nächsten Hof. Zuerst steht Impfen auf dem Plan. Mit einer Impflanze, das ist ein langer Stab mit dem aufgesteckten Medikamentenfläschchen am einen und einer Nadel am anderen Ende, zieht der Arzt von Rind zu Rind. Sie erhalten eine Schutzimpfung gegen Q-Fieber. Der Landwirt markiert jedes geimpfte Tier mit einem blauen Spray. Ähnlich läuft es später bei der Grippeimpfung für die Kälber.
Dann stehen Trächtigkeitsuntersuchungen an. Mit einem Zettel in der Hand läuft der Landwirt durch den Stall und zeigt dem Tierarzt die Kühe, die er sich ansehen soll. Braune Spritzer sind inzwischen auf Zwengauers blauen Jeans zu sehen. Händisch untersucht er über den Enddarm die Geschlechtsorgane der Kuh. Zur Unterstützung verwendet er ein mobiles Ultraschallgerät.
Auf dem Bildschirm sieht der Tierarzt die Gebärmutter. Die Kuh ist trächtig. Zwengauer erkennt den pulsierenden Herzschlag – ein grau-weißes Flimmern. „Das Kalb ist jetzt ungefähr zwei Zentimeter groß“, erklärt er. So groß ist das Kalb etwa nach sechs Wochen. Bereits nach vier Wochen erkennen Tierärzte eine Trächtigkeit. Hat die Besamung nicht funktioniert, kontrolliert Zwengauer, ob die Kuh beispielsweise Zysten hat. Dann entscheidet er, ob das Tier behandelt werden muss.
Kurzer Zwischenstopp in der Praxis, schon geht es weiter. Der 49-Jährige muss ein Pferd sedieren. Etwa ab vier Uhr startet die zweite Runde: Beim abendlichen Stallgang entdecken die Landwirte wieder kranke Tiere. Die Tierärztinnen und Tierärzte schwärmen erneut aus.
Aber wie ist es denn nun, an Weihnachten im Stall zu stehen? „Es ist schon was Besonderes, aber es gehört dazu“, sagt Zwengauer. Für einen Tierarzt sei es in erste Linie ein Arbeitstag wie jeder andere. Nur, dass die Kinder zu Hause warten, sei nicht einfach.
Dieses Jahr erwartet Zwengauer mehrere Geburten an den Feiertagen. Mindestens fünf Kälbchen werden kommen, schätzt er. Da der Tierarzt die tragenden Kühe betreut hat, rechnet er mit einem Kaiserschnitt. Einer der Ärzte wird an Weihnachten also wahrscheinlich im Stall stehen.