Eigentlich war Gudrun Knoll-Schäfer für den Verein Alt-Rothenburg in der Burggasse unterwegs – es ging um die Restaurierung eines Wappensteins. Dabei fiel ihr eine Skulptur aus Sandstein ins Auge, die dort in der Mauer eingebaut war, teilweise schon vom Efeu überwuchert.
Schnell war klar: Bei der Skulptur – eine Darstellung von Jesus, der an einen Geißelstab gebunden ist – handelt es sich um eine original gotische Figur aus dem 14. Jahrhundert. Ursprünglich war sie Teil eines Figurenensembles am mittleren Chorfenster der St.-Jakobs-Kirche. Das konnte man anhand von archivierten Abbildungen nachvollziehen. Dargestellt wurde eine typische Szene des Martyriums Christi: Am Vorabend der Kreuzigung wurde er an die Geißelsäule gebunden, von Soldaten mit Geißeln und Ruten geschlagen.
„Ein echter Zufallsfund“, sagt Gudrun Knoll-Schäfer heute, fast zwei Jahre später. Und zwar „in letzter Sekunde“, ergänzt Wolfgang Brück, der den „Geißeljesus“ restauriert hat. Denn die Skulptur aus Sandstein war schwer mitgenommen und unter freiem Himmel der Witterung ungeschützt ausgesetzt. Die sogenannte Käsemauer, an der Knoll-Schäfer sie entdeckte, ist Teil des Mittelalterlichen Kriminalmuseums, wo die restaurierte Skulptur mittlerweile ihren Platz gefunden hat.
Doch wie kam die Jesus-Skulptur von der Jakobskirche an die Käsemauer – die übrigens so heißt, weil dort früher der Käse für das Johanniterkloster hergestellt wurde. „Etwa im Jahr 1890 wurde die Figur durch eine Skulptur ersetzt, die dem damaligen Geschmack besser entsprochen hat“, erklärt Gudrun Knoll-Schäfer. Der Bildhauer Adam Kleinschroth war damals damit beauftragt, sie zu fertigen. „Er war wohl der Besitzer des Gartens, der an die Käsemauer angrenzt und hat die originale Figur dort in die Mauer eingebaut“, so Knoll-Schäfer.
Den Jesus dort wieder auszubauen, „war gar nicht so einfach“, erzählt sie. Unterstützung kam von Wolfgang Brück, der spezialisiert ist auf die Restaurierung denkmalgeschützter Bauwerke. Schon bei mehreren Projekten hat der Verein Alt-Rothenburg auf seine Expertise zurückgegriffen. Der war begeistert: „Eine original gotische Figur aus dem 14. Jahrhundert, unter Efeu versteckt, das würde ich schon als einen sensationellen Fund bezeichnen.“
Die rund 100 Kilogramm schwere Figur wurde im Oktober 2021 zunächst vorsichtig aus der Wand genommen und musste dann für den Transport in Brücks Werkstatt aufwändig stabilisiert werden. „Über die Jahre hatte man ihn mit Zementmörtel immer wieder geflickt – aber das ist Gift für den Sandstein“, erklärt Brück. Trotz aller Vorsicht brachen die Beine der Skulptur, die ursprünglich aus einem Stück gefertigt ist.
„Wir wollten den Ist-Zustand sichern und nichts hinzufügen.”
„Der Sandstein musste zunächst mit Bindemittel gefestigt werden, dann haben wir die Teile wieder verdübelt und vernagelt“, beschreibt Brück die Arbeitsschritte. „Natürlich hat er gegenüber dem ursprünglichen Zustand sehr viel an Substanz verloren. Aber wir wollten den Ist-Zustand sichern und nichts hinzufügen.“
Finanziert wurde die Sanierung der Jesusfigur über das Programm „Kleine Kostbarkeiten“ des Vereins Alt-Rothenburg. Dessen Ziel ist es, auch die auf den ersten Blick unscheinbaren kleinen Dinge im Stadtbild zu erhalten. Die rund 3000 Euro dritteln sich die Stadt, der Verein und das Kriminalmuseum als Besitzer.
„Jesus ist ja auch ein Kriminalfall, daher passt die Figur sehr gut in unser Museum“, sagt Geschäftsführer Dr. Markus Hirte. Nach einigen Überlegungen hat er die Skulptur in der Abteilung „Kirchenraub“ aufgestellt, oberhalb eines steinernen Opferstocks. Die Stellfläche wurde wegen des Gewichts der Figur mit Stahlstreben verstärkt. Hirtes Plan: Vor dem Jesus soll eine Plexiglasscheibe angebracht werden, auf der die Figur in ihrem ursprünglichen Aussehen abgebildet ist. „Damit man sich das besser vorstellen kann.“