Konvois auf den Straßen, Kundgebungen: Landwirte haben zuletzt häufig protestiert. Ein zentraler Punkt: die überbordende Bürokratie. Im Juni hat das Bundeskabinett nun die Novellierung der Düngeverordnung beschlossen. Wieso dies das Alltagsleben der Landwirte erleichtert und trotzdem kein Düngefreibrief ist, erklär Jürgen Dierauff, BBV-Kreisobmann in Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.
Landwirte könnten jetzt unkontrolliert düngen: So lautet der Vorwurf der Novellen-Gegner. Genau das ärgert Dierauff. Denn so sei es nicht. Es falle nur ein kleiner Teil der Dokumentation weg. Um das zu verdeutlichen, hat sich der Herbolzheimer die Mühe gemacht, die Unterlagen zur Düngeverordnung für die drei Betriebsteile auf seinem Hof auszudrucken. In zwei Stapeln hat er sie aufgereiht – insgesamt sind es 160 Seiten. Nur zwölf davon fallen durch die Düngeverordnungsnovelle weg – und trotzdem ist Dierauff glücklich.
Eine Jahresmeldung in Düngeangelegenheiten setzt sich aus vier Teilen zusammen: einer Jahreszusammenfassung, der Bedarfsplanung, der 170-Kilogramm-Stickstoff-Regel und der Stoffstrombilanz. Das Bundeskabinett hat mit seiner Novelle nur Letztere abgeschafft – jenes Werk, das bei Betroffenen am unbeliebtesten war, so Dierauff. Die Bilanz sollte einen Überblick über die Nährstoffeffizienz der landwirtschaftlichen Produktion eines Betriebes geben. Betroffen waren Viehhalter, die auch mit Düngemittel handeln.
In Dierauffs Fall ist das Gülle. Im Landkreis gibt es einige Bauern, die zwar Ackerbau betreiben, aber keine Viehhaltung mehr. „Die sind ganz scharf auf die Gülle“, so Dierauff. Für ihn ist das eine Win-Win-Situation. Denn würde er die Ausscheidungen seiner Schweine allesamt auf seine eigenen Felder fahren, hätte er Probleme damit, die 170-Kilogramm-N-Regel einzuhalten. Die besagt, dass nicht mehr als 170 Kilogramm Stickstoff aus Gülle und Mist pro Hektar Feld ausgebracht werden dürfen. Wer den Wert überschreitet, muss mit Sanktionen rechnen.
Um nachzuweisen, dass bei ihm alles korrekt abläuft, muss Dierauff in einem PC-Programm die Daten seiner Betriebe eingeben. Wie viele Tiere hält er? Wie viele Hektar Fläche bewirtschaftet er? Wie viel der Gülle bringt er selbst aus? Wie viel verkauft er? Diese Daten und der Düngebedarf müssen dokumentiert und eingereicht werden.
Was verwundert: Jürgen Dierauff beschwert sich darüber mit keiner Silbe – im Gegenteil. „Es spielt sich eine Routine ein – der Bürokratieaufwand hat sich verringert, indem man den Ablauf perfektioniert hat.“ Erfahrung ist da eben alles. Und: „Die Düngebedarfsermittlung ist nicht schlecht.“ Die Zahlen seien im Hofalltag wirklich nützlich. Das sei auch die Rückmeldung von etwa der Hälfte der Landwirte. Mit Hilfe der Daten könne er das Optimum der Düngung ausschöpfen und dabei noch das Grundwasser schützen – „da sind wir sehr bemüht“, sagt Dierauff. Von einer vollen Ausschöpfung des Erlaubten sei er weit entfernt.
Die böse Schwester dieser Düngebedarfsermittlung sei hingegen die Stoffstrombilanz – das Vorgängermodell schimpfte sich „Feld-Stall-Bilanz“. Seit über 20 Jahren ist die schon theoretischer Bestandteil der Landwirtschaft. Das Computerprogramm dahinter sei – vor allem, wenn man es selten nutzt – kompliziert und bedürfe einiger Bemühungen, sich Jahr für Jahr wieder einzuarbeiten. Dierauff hat diesen Part an einen Berater ausgelagert. Am Ende spuckt das Programm einen Wert aus. „Da kamen immer wieder total verrückte Ergebnisse raus.“ Zahlen, die niemand nachvollziehen konnte und fernab jeglicher Realität waren, findet Dierauff. „Ich konnte für mich nie Schlüsse daraus ziehen.“
Die Forderung, die Stoffstrombilanz abzuschaffen, gibt es unter Landwirten schon länger. Nun hat das Bundeskabinett genau das getan. „Die Kritiker dieser Entscheidung haben natürlich nicht lange auf sich warten lassen“, sagt der Kreisobmann. „Die Regierung beschließt, die Opposition tobt. So geht die Sachlichkeit verloren.“ Für ihn sei die Düngung ein „hochfachliches Thema“. Und ihn ärgere es, sagt Dierauff, „wenn die Politik die Debatte auf einige Schlagworte reduziert“.
Wolfgang Weinmann ist Düngeberater beim BBV. Obwohl die Beratung in Sachen Stoffstrombilanz seine berufliche Tätigkeit ist, macht er keinen Hehl daraus, wie glücklich er ist, dass diese nun wegfällt: „Sie wird zu Recht abgeschafft, das ist eine Erleichterung für viele Betriebe und ein Schritt in die richtige Richtung“ – in Richtung Entbürokratisierung.
Den Bedenken der Gegner, Landwirte könnten nun unkontrolliert düngen, widerspricht Weinmann: „Es wird nicht mehr gedüngt, nur Bürokratie abgebaut.“ Für Dierauff ist dieser Schritt aber nur der Anfang: „Die Hoffnung ist da, dass es zu weiteren Erleichterungen kommt.“ Als Beispiel nennt er die Nutztierhaltungsverordnung. „In vielen Bereichen sind Reparaturen nötig.“ Wenn 20 Prozent der Gesetze repariert würden, wäre das Landwirtsleben jedenfalls deutlich einfacher.
War es das also mit den Bauerndemos? Dierauff grinst. „Ich hätte schon 2015 gedacht: Die Zeit der Demos ist vorbei.“ Doch da habe er sich getäuscht, weil der Gesetzgeber „2020 überdreht hat“. Aus seiner Sicht „müssen wir auf fachliche Gesichtspunkte zurück, politische Gesichtspunkte bringen der Natur erst einmal nichts“. Demonstrieren um des Demonstrieren Willens wollen er und seine Kollegen auf keinen Fall.
Ansinnen sei es vielmehr, Anliegen mit Gesprächen zu verfolgen. „Eine Demo ist kein Mittel für jeden Tag. Aber sie ist ein punktuelles Mittel, wenn Gesetze unverhältnismäßig sind und Gespräche nicht mehr fruchten.“ Davon sei man aktuell aber weit entfernt. Die Bundespolitik scheint die Landwirte zu erhören – und geht nun mit der Abschaffung der Stoffstrombilanz „den ersten Schritt in die richtige Richtung“, findet Dierauff. Eine Zustimmung des Bundestags sieht er als Formsache.