Kaum ein deutscher Politikwissenschaftler trat in den vergangenen Monaten so sehr medial in Erscheinung wie Prof. Dr. Stephan Bierling von der Universität Regensburg. Als Experte für internationale Beziehungen und die amerikanische Außen- und Innenpolitik hat er dieser Tage viel zu erklären.
Sie sind momentan als Gesprächspartner sehr gefragt. Fühlt sich das gut an, wenn die Öffentlichkeit interessiert ist an dem, worin Sie Experte sind? Oder ist das ein Zeichen dafür, dass alle verunsichert sind?
Die Nachfrage nach Kommentierung und Einordnung war tatsächlich noch nie so stark wie im Moment. Seit dem Generalangriff Russlands auf die Ukraine und natürlich jetzt mit der Wiederkehr Trumps ist sie geradezu explodiert. Mittlerweile ist jedem und jeder klar, dass diese Entwicklungen massive Auswirkungen haben auf unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand. Wir Deutsche haben viele Jahrzehnte im Lummerland gelebt, weil Washington unsere Verteidigung und offene Märkte garantierte und wir uns nicht um die brutale Realität der globalen Machtpolitik kümmern mussten.
Haben Sie nach Trumps Wiederwahl mit so einem Tempo an Maßnahmen und Aktionen gerechnet?
Ich beschäftige mich mit dem Mann auf täglicher Basis seit inzwischen zehn Jahren, habe ein Buch und unzählige Artikel über ihn geschrieben und ihn in hunderten Interviews analysiert. Mir war klar, dass er nach der Wahlniederlage 2020 immer radikaler, skrupelloser und bösartiger wurde und dass er in die zweite Amtszeit mit einem revolutionären Programm und viel besser vorbereitet reingehen würde. Was wir nicht vorhersehen konnten, ist die Schlagzahl seiner Initiativen. Sie fühlen sich im Moment wie in so einem amerikanischen Zirkus, der ja drei Manegen hat, und Sie wissen gar nicht, auf welche Manege Sie schauen sollen. Überall sehen sie Trump als Feuerschlucker, Clown und Hochseilakrobaten.
Das dürfte auch das Ziel dieser Kommunikation sein.
Absolut. Trump überfordert das politische System durch tägliches Spektakel. Der Kongress, die Gerichte, die Medien kommen gar nicht mehr nach, jede seiner Irrsinns-Äußerungen und erratischen Taten zu durchleuchten. Da ist der geschulte Reality-TV-Star am Werk, der uns alle in sein globales Dschungelcamp reinzieht, wo in jeder Folge etwas noch Abartigeres passieren muss. Trump beherrscht die öffentliche Aufmerksamkeit stärker als jeder Politiker in der Weltgeschichte.
Ein Stück weit war das ja schon immer so, dass Deutschland und Europa mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit in den amerikanischen Politikbetrieb geblickt haben.
Dass wir Deutsche fasziniert nach Amerika schauen, hat natürlich auch damit zu tun, dass wir in dieser Beziehung immer die Schwächeren waren. Die Amerikaner waren, und ich spreche schon fast im Imperfekt, unsere Überlebens- und unsere Schutzgarantie. Unser großes Problem ist, dass wir uns in dieser amerikanisch garantierten internationalen Ordnung so wohlfühlten, dass wir unsere Bundeswehr ruiniert haben und kaum etwas für die europäische Verteidigung taten. Das fällt uns jetzt wie ein Betonklotz auf die Füße.
Personen, die die Entwicklungen optimistisch deuten wollen, sagen an dieser Stelle: Jetzt haben wir immerhin verstanden, dass wir so nicht mehr weitermachen können. Das klang bei Ihnen nicht so.
Die richtige Antwort ist es, sich für diese böse neue Welt zu rüsten. Aber diese Antwort kommt 15 Jahre zu spät. Wir hatten 2008 die russische Invasion in Georgien, wir hatten 2014 den ersten russischen Überfall auf die Ukraine, wir hatten 2016 die erste Wahl Trumps, wir hatten 2022 den Großangriff der Russen in der Ukraine. Und jetzt, 2025, sagen wir, wir haben es endlich geschnallt. Die Europäer sind meisterlich darin, Notfallkonferenzen abzuhalten, das Völkerrecht zu beschwören, Proklamationen zu verabschieden – und am Ende doch nichts zu tun. Schon der Koalitionsvertrag, den wir jetzt in Deutschland haben, zeigt ja, dass so wichtige Fragen wie die Wehrpflicht oder die Taurus-Lieferung ausgesessen werden. Im Grunde leisten wir es uns, seit vor sechs Monaten die Ampel-Koalition geplatzt ist, als finanz- und bevölkerungsstärkste Macht in Europa ein Totalausfall zu sein. Es ist hochnotpeinlich, wie wenig handlungsfähig wir sind.
Worauf wir uns auch seit Jahrzehnten verlassen, sind die zigtausenden US-Soldaten in Europa. Auch in Westmittelfranken sind das viele Tausend. Ist es wirklich denkbar, dass sie abgezogen werden? Das wurde ja in Trumps erster Amtszeit auch angekündigt und ist nicht eingetreten.
Es ist absolut denkbar. Die zweite Amtszeit von Trump ist so viel brutaler und hemmungsloser, und die Militärs, die in der ersten Amtszeit noch eine wichtige Stimme im Weißen Haus hatten, sind völlig ausgeschaltet. Das heißt, Trump wird das wahr machen, was er jetzt schon wahr macht im Nordirak und in Syrien, nämlich Truppen massiv abzuziehen, dort etwa von 2500 auf 500, also eine Reduktion um 80 Prozent. Für Deutschland hat er angekündigt, die 20.000 Soldaten, die Biden zusätzlich nach Europa geschickt hat, zurückzubeordern. Wie viele der anderen 80.000 er verlegen wird, ist schwer vorherzusagen. Grafenwöhr ist der größte Truppenübungsplatz der USA im Ausland, Landstuhl das größte Militärkrankenhaus. Das ist für Washington sehr kosteneffizient. Wenn die Amerikaner bei Trost sind, werden sie das nicht so schnell aufgeben. Aber wer weiß schon, was Trump als Nächstes einfällt.
Sie erklären in Ihrem Buch, dass die Demokratie in den USA schon lange vor Trump in der Krise war und warum das so ist. War es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis mal einer kommt, der dieses System ohne Ende austestet?
Die amerikanische Verfassung hat 230 Jahre funktioniert. Es gibt keine andere Nation, keine andere Demokratie auf dem Planeten, die so alt ist und auch schwere Probleme immer wieder gemeistert hat. Denken Sie einfach mal an die deutsche Geschichte zurück, wie viele Verfassungen und Regierungssysteme wir hatten seit 1776, als die USA eine Demokratie wurden. Trump ist allerdings der Härtetest für diese Regierungsform, da haben Sie Recht. Das Problem der USA ist aber nicht die Verfassung. Es ist die Gesellschaft, die sich von liberalen Grundwerten wie Mäßigung, Toleranz und Rücksichtnahme auf Andersdenkende entfernt, angetrieben von spalterischen Politikern und der Pest der Sozialen Medien.
Trump kokettiert damit, dass er länger als noch diese Amtszeit Präsident sein wird. Ist das möglich?
Nein. Die Verfassung ist glasklar, völlig eindeutig. Ein Präsident darf nur zwei Amtszeiten ausfüllen, das ist nicht veränderbar, außer durch eine praktisch unmögliche Verfassungsänderung oder einen Putsch. Aber für so einen Putsch bräuchte Trump das Militär. Und wenn ich in eines Vertrauen habe, dann in die demokratische Gesinnung der amerikanischen Generalität. Es ist etwas betrüblich, dass man die Armee als größten Garanten der Demokratie nennen muss, aber in Amerika gab es noch nie ein Fitzelchen an Idee, dass das Militär an die Macht kommen könnte.
Bierling war zum Auftakt der 22. LeseLust in Ansbach zu Gast. Der Autor stellte sein Buch im Ansbacher Kunsthaus Reitbahn 3 im Rahmen einer Politischen Matinee vor.
Prof. Dr. Stephan Bierling, 63, ist seit dem Jahr 2000 Professor für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg. Er ist Autor zahlreicher politikwissenschaftlicher Sachbücher und Fachartikel. Bierling war als Gastprofessor in Südafrika, Israel, den USA und Australien. 2013 wurde er in einem deutschlandweiten Wettbewerb zum Professor des Jahres gewählt.