Über den vielen Kuppeln der Biogasanlagen schweben derzeit unsichtbare Fragezeichen. Strenge Auflagen und auslaufende Förderungen beschäftigten viele Betreibende. Im Fachzentrum für Energie und Landtechnik (FEL) in Triesdorf findet unter diesen Vorzeichen der Biogastag statt. Wir haben Marco Hauf und Norbert Bleisteiner vom FEL befragt.
Viele Biogasanlagen in der Region laufen seit 20 Jahren. Damit fallen sie aus der Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG. Um weitere Gelder müssen sich die Betreibenden bewerben. Die Vorgaben bereiten vielen aktuell Kopfzerbrechen. Was sind die größten Sorgenkinder?
Marco Hauf: Einmal das in Zukunft niedrigere Ausschreibungsvolumen, was das Problem geben wird, dass nicht alle Anlagen in dem Ausmaß weiterbetrieben werden können. Mit den geänderten EEG-Vorgaben müssen die Anlagen außerdem flexibler werden, was hohe Investitionsvolumen mit sich bringt.
Stichwort flexibel: Biogasanlagen sollen als Feuerwehr agieren. Sie sollen also dann Strom liefern, wenn Wind und Sonne das nicht können. Welche Probleme bringt das mit sich?
Marco Hauf: Das stellt viele vor die Herausforderung, dass die Anlage, so wie sie jetzt 20 Jahre lang da stand oder wie sie auf ihre Zukunft vorbereitet wurde, nicht ausreicht. Das heißt, sie müssen jetzt stark investieren.
Was bedeutet das konkret?
Marco Hauf: Neue Motoren, neue Gasspeicher, neue Wärmespeicher: Diese drei Dinge müssen eigentlich alle anschaffen. Gerade bei uns in der Region sind die Netze außerdem so voll, dass eventuell diese Überbauung gar nicht möglich ist, weil man keinen Netzanschluss bekommt.
Viele Anlagenbetreiber haben in den vergangenen Jahren gut verdient. Können sie diese Investitionen trotzdem nicht stemmen?
Marco Hauf: Das ist meist mehr, als sie am Anfang investiert haben.
Norbert Bleisteiner: Zur Einordnung ein Beispiel: Die Anlage hat vorher 500 Kilowatt gehabt und jetzt braucht sie zwei Megawatt. Das heißt auch, sie benötigt viermal so viel Blockheizkraftwerk-Kapazität.
Kommen wir zum Gebäude-Energie-Gesetz, auch als „Heizungsgesetz” bekannt. In der vergangenen Woche wurden die Pläne der SPD und Union bekannt. Wie bewerten Sie den Entwurf?
Norbert Bleisteiner: Die Ausgangssituation war das Habeck'sche Gesetz, das stark reglementiert war, aber klare Ziele hatte: Neue Heizungen müssen mit mindestens 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden. Jetzt soll es eine neue Gesetzgebung geben. Wir haben diese Vorgabe nicht mehr. Heizungsbesitzer haben die Möglichkeit, ihre Gas- oder Ölheizung weiter zu betreiben. Um die Klimaziele trotzdem zu erreichen, macht man gewisse Vorgaben, zum Beispiel wie viel Biomethan dem Gas beigemischt werden muss.
Und was heißt das für diejenigen, die Biogasanlagen betreiben?
Norbert Bleisteiner: Wenn diese Vorgabe kommt, wird sich der Bedarf an Biomethan stark erhöhen. Damit könnte ein neues Geschäftsfeld auftauchen. Und das wäre ganz anders, als bei dem Thema Flexibilisierung. Das ist grundsätzlich positiv, aber die Verunsicherung ist riesengroß.
Wenn das Biomethan ein neuer Zweig wäre, was sind denn die bisherigen? Und wie schätzen Sie die Folgen ein?
Norbert Bleisteiner: Bisher war es so, dass Anlagen ganz einfach Biogas produziert haben. Das wurde in einem Motor verbrannt. Damit hat man Strom erzeugt und Wärme als Nebenprodukt. Viele Wärmenetze sind in Verbindung mit Biogasanlagen entstanden. Das würde auch infrage gestellt. Denn wenn wir Biogas produzieren, können wir nicht parallel die Wärmeversorgung machen.
Marco Hauf: Viele Betreiber haben schon den Wunsch, ihre bestehenden Wärmenetze weiter zu betreiben. Ich bekomme oft mit, dass die Bevölkerung Angst hat, dass ihr das Wärmenetz abgeschaltet wird. Es liegt nicht am Willen des Betreibers.
Norbert Bleisteiner: Wir sind davon ausgegangen, dass Heizungen die 65-Prozent-Grenze einhalten müssen. Dann wären die Alternativen Holz, Holzpellets, Wärmepumpe, Wärmenetz. Jetzt haben wir das Feld auch Richtung Erdgas und Öl geöffnet. Damit ist Biogas eine Option. Wenn ein Kühlschrank kaputtgeht, ist das harmlos. Aber wenn die Heizung ausfällt und Sie das nicht reparieren können, haben Sie eine schlechte Verhandlungsposition. Machen Sie sich auf jeden Fall Gedanken, sonst wird es teuer und unüberlegt. Unser Rat: Wenn es gelingt, etwas Gemeinschaftliches aufzubauen, wird es günstiger.
Biogasanlagen beschwören durch den vielen Mais häufig Kritik herauf. Ist das immer noch so?
Norbert Bleisteiner: Das Thema Mais ist durch. Für die Bestandsanlagen gilt es noch nicht, aber alle, die jetzt neue Förderungen bekommen, haben einen Mais-Deckel von maximal 25 Prozent.
Mit Blick auf diese ganzen aktuellen Entwicklungen, können sich da eher die kleinen Hofanlagen durchsetzen oder eher die großen?
Marco Hauf: So traurig es ist: nur die Großen. Je größer, desto einfacher ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Die reinen Gülleanlagen sind in der Gesetzgebung gar nicht berücksichtigt worden.
Wie viele Anlagen werden wir dadurch verlieren?
Norbert Bleisteiner: Meine Einschätzung: Das sind mindestens 20 bis 30 Prozent, die wegfallen werden.
Was ist die wichtigste Forderung an die Politik?
Norbert Bleisteiner: Das Allerwichtigste sind planbare Aussagen, die für die nächsten zehn, zwanzig Jahre gelten. Das Allerschlimmste ist, wenn wir in so kurzer Zeit, wie es momentan läuft, völlig unterschiedliche Gesetzgebungen bekommen.
Kommen wir zum Biogastag. Er findet zum 14. Mal statt. Warum wurde er damals ins Leben gerufen?
Norbert Bleisteiner: Weil man gemerkt hat, dass die Branche Fragen hat. Und da braucht es hochqualitative Referenten, die diese komplexen Fragen beantworten können. In der Anfangsphase waren es grundlegende Dinge. Heuer ist es zum ersten Mal so, dass es auch für Nicht-Biogasler sehr spannend werden dürfte.
Wird es in zehn Jahren auch noch einen Biogastag geben?
Norbert Bleisteiner: Wir sind Optimisten, deshalb glaube ich, dass es einen geben wird. Das Potenzial von Biogas wird aus meiner Sicht die nächsten zehn Jahre noch dringend gebraucht, bis wir vielleicht andere alternative Energieformen haben, die effizienter sind.
Der Biogastag findet am Mittwoch, 11. März, im Forum des Fachzentrums für Energie und Landtechnik statt. Beginn ist um 9 Uhr. Anmeldung unter:
www.triesdorf.de/event/14-triesdorfer-biogastag-711/register
Norbert Bleisteiner (59) ist seit 16 Jahren Leiter des FEL. Er hat Landwirtschaft studiert und war viele Jahre an der Hochschule tätig. Thementage wie den Biogastag hat er ins Leben gerufen.
Marco Hauf (37) ist Experte für Biogas im Energieteam des FEL. Er berät Biogasanlagenbetreibende und hält Schulungen ab. Hauf hat ebenfalls Landwirtschaft studiert und ist Fachagrarwirt für erneuerbare Energien.