Am vierten Abend seiner Lese-Rundreise durch die Stadt war das Theater Ansbach in der Büttenstraße angelangt. Dort, im schönen Renaissance-Innenhof des Hauses mit der Nummer 18, lag Moskau, die Hauptstadt eines der merkwürdigsten und bemerkenswertesten Briefwechsel der Weltgeschichte.
Nicole Schneider und Robert Arnold trugen ihn subtil und prononciert in Auszügen vor. Ulrike Koch vervollständigte ihn mit dem, was sein Grund war: Musik. Musik von Peter Tschaikowski. Sie interpretierte am E-Piano Klavierstücke des russischen Komponisten. Stimmungszauber für eine platonische Beziehung.
Fast 14 Jahre schrieben Nadeschda Filaretowna von Meck und Peter Iljitsch Tschaikowski einander, ohne sich je persönlich zu treffen, nicht, weil es sich nie ergab, sondern weil es beider Bedingung war. 1204 Briefe entstanden so zwischen 1876 und 1890.
Der schwermütige, hypersensible Komponist, der daran leidet, seine Homosexualität verstecken zu müssen – sie ist damals strafbar –, findet in Nadeschda von Meck eine menschenscheue Seelenverwandte, die Musik über alles liebt und noch dazu sehr vermögend ist. Dem chronisch klammen Tschaikowski kommt das zupass, auch wenn es ihm peinlich ist.
Die Initiative geht von ihr aus. Die hochgebildete Geschäftsfrau, Witwe eines deutsch-baltischen Eisenbahnunternehmers und Mutter von 18 Kindern, sucht den Kontakt zu dem Komponisten, der schon einige große Erfolge vorzuweisen hat, gibt Stücke in Auftrag, die sie großzügig honoriert, und gewährt ihm ab 1877 nach seiner katastrophalen Alibi-Ehe eine fürstliche Jahresrente von 6000 Rubel.
Nadeschda von Meck finanziert Tschaikowski damit die künstlerische Freiheit. Er flieht ins Ausland, weit weg von seiner Ehefrau, kann seine Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium aufgeben und schreibt fortan Meisterwerke – die Mäzenin schreibt an der Musikgeschichte mit.
Robert Arnold und Nicole Schneider verwandeln bei ihrer Lesung den Briefwechsel nicht ohne feine Ironie in ein geistvolles Konversationsstück über die Bedeutung der Musik, über Religion, seelische Nöte und die „allumfassende Kraft der Liebe”. Man erlebt auch ein Beziehungsdrama für zwei Sprechstimmen. Nadeschda von Meck entwickelt eine fast besitzergreifende Eifersucht, die sie selbst als „Fieberfantasie“ entschuldigt. Tschaikowskis Musik treibt ihr Tränen in die Augen, was sie genießt. Sie sei glücklich dabei, weil ihr der Schöpfer gehöre.
Über die Jahre kühlt die Beziehung ab. Die Jahresrente wird eingestellt. Der Grund ist bis heute nicht klar. Am 13. Januar 1894, nur zwei Monate nach Tschaikowski, stirbt Nadeschda von Meck, 62 Jahre alt, an Tuberkulose.