Was für ein Stelldichein der Monumentalsymphoniker: Wo die Namen Anton Bruckner und Gustav Mahler fallen, sind Heerscharen von Musikerinnen und Musikern nicht weit – für gewöhnlich. Im Kornspeicher Lehrberg hätten sie keinen Platz. Trotzdem wehte hier am Sonntag der symphonische Geist der beiden Großkomponisten, mit aller Macht sogar.
Julian Hauptmann hat mit dem Amadeus-Chor ein A-cappella-Programm erarbeitet, das schlicht und schlagend „Giganten” heißt. Es vereint Originalwerke von Bruckner und Transkriptionen von vier Mahler-Liedern. Der chorischen Klanggewalt setzt es als Kontrapunkt die Ausdruckskraft einer einzigen Violine entgegen. Martina Trumpp spielte sie. Sie interpretierte hochkonzentriert zwei ikonische Werke in d-Moll: Johann Sebastian Bachs Chaconne und Eugène Ysaÿes dritte Sonate. Ein tolles Kontrastprogramm also – samt Verfremdungseffekt.
Während Bruckners Motetten und die Violinwerke in der Region öfter zu hören sind, waren die vier Mahlerschen Lieder als A-cappella-Bearbeitungen von Clytus Gottwald eine Entdeckung. In der Region sind sie wahrscheinlich zum ersten Mal aufgeführt worden.
Das Außergewöhnliche: Drei der Mahler-Lieder verlangen ein philharmonisches Orchester als feinnervigen Klangfarben-Begleitapparat. „Urlicht” und „Es sungen drei Engel” stammen aus der zweiten und dritten Symphonie. Das Orchesterlied „Die zwei blauen Augen” kehrt als Zitat in der ersten wieder. Nur „Erinnerung” ist ein Klavierlied.
Clytus Gottwalds Chorfassungen, das war vom ersten Takt an im Kornspeicher zu hören, sind mehr als Arrangements. Gottwalds eigener Begriff „Umschreibung” erfasst den Charakter seiner Bearbeitungskunst in ihrer Vielschichtigkeit: Umschreiben als Verändern verstanden, aber auch als eine andere, eventuell indirekte Formulierung für ein und dasselbe. Gottwald übersetzte den Wesensgehalt der originalen Partituren, übertrug ihre schillernde Orchesterpolyhonie, ihren Ausdruckswille, der aus weltverlorenem Dunkel aufsteigend in lichte Apotheosen durchbrechen kann, allein auf menschliche Stimme. Diese „Umschreibung” gelang ihm kongenial.
Gottwald, der vor drei Jahren im Alter von 97 Jahren starb, war als Kantor, Musikwissenschaftler, Rundfunkredakteur und Chorleiter ein profilierter Repräsentant der Neuen Musik. Auch das schwingt in seinen Mahler-Nachschöpfungen mit, wie im Kornspeicher zu hören war. Julian Hauptmann durchmaß in seinen Interpretationen diesen Grenzraum zwischen Spätromantik und Moderne. Man folgte dem Amadeus-Chor staunend. Sich überschlagende Freude, kosmische Weite, abgrundtiefe Verzweiflung, unstillbarer Weltschmerz, traumverlorene Sehnsucht – all das war da.
„Die zwei blauen Augen”, von Gottwald auf vier Chorgruppen verteilt, wurden sogar zur Raummusik für rund 40 Sängerinnen und Sänger. Zwei Chöre waren vorn und hinten im Saal positioniert, zwei auf der Empore zur Seite und im Rückteil. Es war zugleich die klarste Wiedergabe, da diese Aufstellung der Akustik des Raums entgegenkam.
Der unmittelbare Direktschall und die kirchengleichen Reflexionen mischten sich harmonischer als bei der frontalen Standardaufstellung. Letztere entwickelte mitunter ein tumultöses Gedränge, was aber die zerrenden Binnenkräfte des Tonsatzes erfahrbar werden ließ. Bruckners Motetten hingegen standen immer in wünschenswerter Klarheit vor einem. „Christus factus est” vor allem wirkte wie das Konzentrat von Bruckners symphonischem Stil. Eindrucksvoll.