Seit 25 Jahren begeistern Aufnahmen der Dinkelsbühler Storchenkamera Naturfreundinnen und Naturfreunde weit über die Region hinaus. Nach monatelang eingeschränktem Blick sorgt nun moderne Technik wieder für klare Bilder aus luftiger Höhe.
Wer in den vergangenen Monaten online einen Blick auf die Störche auf dem Dach des Hauses der Geschichte werfen wollte, brauchte vor allem eines: Fantasie. Ein bisschen Gefieder hier, ein Schnabel dort – mehr war zwischen Ästen und Gestrüpp kaum zu erkennen. Die Natur hatte sich die Kamera kurzerhand einverleibt. Damit ist jetzt Schluss.
Mit einer spektakulären Aktion im engen Innenhof des Museums wurde die Technik nun erneuert – und das im wahrsten Sinne des Wortes in letzter Minute. Denn bis Ende Februar musste alles erledigt sein. Danach beginnt die Brutsaison, und Eingriffe in den Lebensraum der streng geschützten Tiere sind erst einmal tabu.
Hoch hinaus ging es für Daniel Lingel auf der Drehleiter eines alten Feuerwehrautos. Das Problem: Die Kamera ist ausschließlich über den Innenhof des Alten Rathauses erreichbar – und der ist bekanntlich alles andere als großzügig geschnitten. Eine Spezialfirma aus der Nähe von Bechhofen übernahm das heikle Manöver. Mehrmals musste rangiert werden, um durch das enge Tor zu kommen. Präzisionsarbeit war gefragt.
Oben auf dem Dach zeigten sich die Hauptdarsteller erstaunlich gelassen. Drei Nester mit jeweils zwei Störchen sind dort aktuell bewohnt. Während Lingel in luftiger Höhe die alte, zugewachsene Kamera demontierte und das neue Modell installierte, blieben die Vögel teilweise seelenruhig sitzen.
Abgesichert wurde der Einsatz vom Team des städtischen Bauhofs. Im Vorfeld liefen die notwendigen Abstimmungen mit der Regierung von Mittelfranken. Schließlich steht der Storch unter besonderem Schutz.
Für Daniel Lingel war es mehr als nur ein technischer Einsatz. Vor 25 Jahren hatte sein Großvater Xaver Lingel die erste Kamera an exakt dieser Stelle installiert. „Das war eine der ersten Storchenkameras in ganz Deutschland“, erinnert sich Mitinitiator Thomas Joas. Damals wurden die Bilder allerdings nur auf einem Fernseher in einer nahegelegenen Apotheke übertragen.
Erst vor gut drei Jahren wurde auf moderne Technik mit Live-Übertragung ins Internet umgestellt. Nun ist es bereits die dritte Kamera-Generation auf dem Museumsdach.
Damit die Störche die neue Technik nicht wieder unter Zweigen verschwinden lassen, erhielt sie erstmals ein schützendes Gehäuse. „Falls es die Vögel trotzdem schaffen, dass sie die Sicht wieder verbauen, müssen wir uns überlegen, wie wir weitermachen, ob wir die Kamera überhaupt noch weiter betreiben wollen”, betont Klaus Eberhardt vom Dinkelsbühler Ortsverband im Bund Naturschutz. Seit 2001 wird die Kamera nämlich von dem Ortsverband betrieben.
Rund 2000 Euro kostet laut Eberhardt der Kamera-Austausch. Kreisgruppe und Ortsverband teilen sich die Summe, sagt er weiter. Zusätzlich hoffen die Initiatoren auf Spenden aus der Bevölkerung.
Im Online-Forum hatten sich zuletzt viele regelmäßige Beobachterinnen und Beobachter über die eingeschränkte Sicht beklagt. Die Dinkelsbühler Storchenkamera erfreut sich großer Beliebtheit. Wie Wolfgang Horlacher, der für die Internetseite zuständig ist, mitteilte, gebe es dort Einträge aus aller Welt, viele beispielsweise aus den USA.
Die Einträge sind vielseitig. Horlacher berichtet unter anderem von einer Kindergartengruppe, die über längere Zeit das Geschehen im Nest täglich mit Begeisterung verfolgte, oder von einer Nachricht eines Überwinterungsteams in der Antarktis, das sich an den Dinkelsbühler Störchen erfreute. Eine genaue Angabe über die täglichen Zugriffszahlen könne er jedoch nicht machen. Jetzt jedenfalls ist der Blick für die Storchen-Fans wieder frei – pünktlich zur Brutsaison.
Das Storchennest auf dem Nördlinger Tor muss hingegen entfernt werden, wie es in einer Mitteilung aus dem Dinkelsbühler Rathaus heißt. Nachdem das Nest absturzgefährdet sei, habe auch die Regierung von Mittelfranken der Entfernung zugestimmt.
Storchennester sind massiv und groß. Ein Nest kann bis zu mehrere hundert Kilogramm schwer werden. Im vergangenen Jahr hat das Team des Dinkelsbühler Bauhofs ein Nest vom Wörnitztor entfernt, das 500 Kilogramm wog, wird in der Mitteilung erinnert. Eine große Gefahr für die Passantinnen und Passanten, sollte das Nest herabstürzen.
Gemeinsam mit der Naturschutzbehörde der Regierung wurde deshalb entschieden, den Storch jedes Jahr im Frühjahr neu bauen zu lassen und die Nester einmal im Jahr zu entfernen.