Rothenburgerin kehrt mit Treppenrollstuhl zurück ins Leben | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 21.07.2023 07:25

Rothenburgerin kehrt mit Treppenrollstuhl zurück ins Leben

Mit ihrem Spezialrollstuhl kann Annemarie Prowatas jetzt ohne fremde Hilfe Treppen überwinden. Dass sie im Alltag dadurch wieder viel selbstständiger ist, findet auch ihr Freundeskreis klasse. Das Foto zeigt Anja Endreß (links) und Eugenia Eberle mit ihren Kindern Eliora und Nathanael. (Foto: Jürgen Binder)
Mit ihrem Spezialrollstuhl kann Annemarie Prowatas jetzt ohne fremde Hilfe Treppen überwinden. Dass sie im Alltag dadurch wieder viel selbstständiger ist, findet auch ihr Freundeskreis klasse. Das Foto zeigt Anja Endreß (links) und Eugenia Eberle mit ihren Kindern Eliora und Nathanael. (Foto: Jürgen Binder)
Mit ihrem Spezialrollstuhl kann Annemarie Prowatas jetzt ohne fremde Hilfe Treppen überwinden. Dass sie im Alltag dadurch wieder viel selbstständiger ist, findet auch ihr Freundeskreis klasse. Das Foto zeigt Anja Endreß (links) und Eugenia Eberle mit ihren Kindern Eliora und Nathanael. (Foto: Jürgen Binder)

Annemarie Prowatas leistet Millimeterarbeit. Per Steuerhebel bringt sie das Fahrzeug in Position. Dann rollen die Raupenbänder und befördern die 57-Jährige Stufe um Stufe nach unten. Die Hoffnung, wieder selbstbestimmt leben zu können, hatte sie bereits aufgegeben. Doch mit dem Spezialrollstuhl geht ihr Traum nun in Erfüllung.

Was die Frau, die jahrzehntelang als Köchin in einem Restaurant in der Altstadt gearbeitet hat, gesundheitlich schon wegstecken musste, ist dramatisch. Vor etwa 30 Jahren gingen ihre Nieren kaputt. 1995 bekam sie ein Spenderorgan transplantiert, mit dem sich ihr Körper gut zurechtfand, was lange ein relativ normales Leben und Arbeiten ermöglichte.

2020 kam es dann aber nach einem vermeintlich harmlosen Sturz zu einer Blutvergiftung im rechten Bein. Die Komplikationen weiteten sich derart aus, dass während einer Operation entschieden wurde, ein Bein zu amputieren. Einige Monate später begannen die Probleme im anderen Bein, das schließlich ebenfalls amputiert wurde. Zu dieser Zeit ging dann auch die Spenderniere kaputt, weshalb Annemarie Prowatas seither wieder zur Dialyse muss.

Unüberwindbares Hindernis

Eigentlich war klar, dass die Wohnung, die sie bezogen hatte, als noch beide Beine da waren, für ihre neue Situation völlig ungeeignet ist. Das Mietappartement befindet sich im ersten Stock eines Mehrfamilienkomplexes im Nordosten der Stadt. Ein Aufzug fehlt dort. Es geht nur über die Treppe, die für einen konventionellen Rollstuhl ein unüberwindbares Hindernis darstellt.

In ein Pflegeheim wollte die 57-Jährige nicht. Sämtliche Bemühungen, ein für sie mit ihren begrenzten finanziellen Möglichkeiten auch bezahlbares barrierefreies Appartement zu finden, scheiterten. Also blieb sie in ihrer im Prinzip ungeeigneten Wohnung und versuchte mit Unterstützung einiger Freundinnen, die Alltagsabläufe so organisiert zu bekommen, dass es irgendwie ging.

Jahrelang auf Tragedienste angewiesen

Das führte aber dazu, dass Annemarie Prowatas jahrelang ihre Wohnung nur verlassen konnte, wenn sie hinaus- und wieder hereingetragen wurde. Dreimal pro Woche passierte das auch, allerdings nur aus medizinischen Gründen. Sanitäter holten sie alle zwei oder drei Tage zu ihren lebensnotwendigen Dialyseterminen ab, um sie fünf Stunden später wieder zurückzubringen. Spielräume für anderes, etwa für Besorgungen oder Spazierfahrten mit dem Rollstuhl, waren dabei jedoch nicht drin.

Ihre Verzweiflung wuchs, denn trotz intensiver Bemühungen und zahlreicher Schreiben an Fachstellen taten sich lange keine Perspektiven auf, die eine Verbesserung ihrer Situation versprochen hätten.

Grünes Licht für Speziallösung

Doch vor einigen Monaten kam dann plötzlich Bewegung in die Sache, denn die AOK, bei der sie krankenversichert ist, gab grünes Licht für eine Speziallösung. Annemarie Prowatas sollte einen Elektrorollstuhl bekommen, der neben seinen herkömmlichen Rädern noch über ein Zusatzfahrwerk verfügt: ein ausfahrbares System mit Raupenbändern, das auch Treppenstufen passierbar macht.

Es dauerte, bis der individuell an ihre Bedürfnisse angepasste Rollstuhl produziert war und ausgeliefert werden konnte. Inzwischen ist das aus der Schweiz stammende Spezialfabrikat aber da, und Annemarie Prowatas kommt immer besser mit dem Hightech-Gerät klar.

Wohnzimmer als Wechselraum

In der Wohnung bewegt sie sich mit dem Normal-Rollstuhl. Der Spezialuntersatz ist im Wohnzimmer geparkt. Vom einen auf den anderen zu wechseln, schafft die 57-Jährige aus eigenen Kräften. Und wenn sie zur Dialyse muss oder die Wohnung für eine Spazierfahrt verlassen möchte, dann braucht sie jetzt keine Träger mehr, sondern rollt mit ihrem Raupenfahrwerk ohne fremde Hilfe die Haustreppe hinunter.

Zum Bürgersteig hin ist eine weitere Treppe zu überwinden, die für den Spezialrollstuhl kein Problem darstellt. Zu ihren Pflichtterminen im zwei Kilometer entfernten Dialysezentrum fährt sie jetzt völlig unabhängig. Und wenn sich Annemarie Prowatas mit einer Freundin im Café neben einem nahe gelegenen Supermarkt treffen will, dann geht das jetzt auch ohne ganz großen Aufwand.

Auch bauliche Ergänzung am Bürgersteig

Die Rückkehr zu einem selbstbestimmten Leben, von dem die 57-Jährige geträumt hat, ist gelungen. „Ich bin dafür so dankbar“, sagt sie und erwähnt namentlich Stefan Krauß, den zuständigen Fachteam-Leiter ihrer Krankenkasse, der entscheidend gewesen sei bei der Bewilligung des teuren Spezialrollstuhls. Ein Dankeschön richtete Annemarie Prowatas auch an die Sanitäter vom Roten Kreuz, die sie jahrelang die Treppe hinunter und hinaufgetragen hatten, und an die Bauverwaltung im Rathaus. Diese ließ im Bereich des Bürgersteigs vor dem Haus Abstandsvorrichtungen installieren, die sicherstellen, dass der für den Spezialrollstuhl nötige Rangierbereich nicht zu sehr von parkenden Autos eingeschränkt wird.

Ganz besonders wichtig und unverzichtbar sei aber die Hilfe ihres privaten Umfelds gewesen, sagt Annemarie Prowatas und denkt hier an ihre Freundinnen Anja Endreß, Lucie Maas, Eugenia Eberle, Asmaa Rouchdi und Carmen Ohmenhäuser oder an Nachbarin Florinela David und Hausmeister Lothar Schliwa. „Der Druck ist weg“, sagt die 57-Jährige: „Ich kann wieder leben.“

north