Rettung für den Wald: Förster tagen in Bad Windsheim | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.06.2024 14:54

Rettung für den Wald: Förster tagen in Bad Windsheim

Uwe Reißenweber (links) und Sven Finnberg von der ANW in Bad Windsheims Mittelwald. (Foto: Anna Franck)
Uwe Reißenweber (links) und Sven Finnberg von der ANW in Bad Windsheims Mittelwald. (Foto: Anna Franck)
Uwe Reißenweber (links) und Sven Finnberg von der ANW in Bad Windsheims Mittelwald. (Foto: Anna Franck)

„Stört die Störung? Dynamik im Dauerwald“. So war eine Bundestagung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Deutschland (ANW) überschrieben. Rund 500 Forst-Experten aus ganz Deutschland kamen dafür in Bad Windsheim zusammen. Was waren die Erkenntnisse für den hiesigen Wald?

Die Trocken- und Hitzejahre 2018 bis 2020 haben den Gesundheitszustand des Waldes in Deutschland besorgniserregend beeinträchtigt, heißt es in einer Pressemitteilung. Bis heute sind demnach rund 600.000 Hektar Wald kahl und über eine Million Hektar durch abgestorbene Bäume einzelner Baumarten unnatürlich aufgelichteter Wälder entstanden. Beides stelle eine Störung dar.

Zu erleben gab es bei der Bundestagung zwei Vorträge. Professor Dr. Rupert Seidl von der Technischen Universität (TU) München sprach darüber, wie ein naturgemäß bewirtschafteter Dauerwald Störungen sinnvoll integrieren kann. Professor Dr. Thomas Knocke, ebenfalls von der TU München, erklärte, dass „nicht angepasste Wildbestände den angestrebten Mischwald mit seinen Funktionen unmöglich machen“.

Immer mehr Störungen durch den Klimawandel

Beim Thema Wald und Störungsökologie seien diese beiden in Bayern zwei der Experten schlechthin, erklärt Sven Finnberg, Bad Windsheims Stadtförster, der die Tagung maßgeblich mitorganisiert hatte und Kassier im ANW-Landesverband ist. „Wir erleben immer mehr Störungen durch den Klimawandel“, sagt Sven Finnberg. Da müsse man sich überlegen, wie man mit dem Wald weiter umgeht. „Das sind für uns wichtige und spannende Fragen.“

Auch ein vielfältiges Exkursionsprogramm wurde geboten. Die Basisexkursionen fanden allesamt im Bad Windsheimer Stadtwald statt. Weitere Veranstaltungen führten in einen Privatwald nach Castell, in die bayerischen Staatsforsten nach Ebrach, in den Stadtwald nach Bamberg und in den Forstbetrieb Freiherr von und zu Franckenstein in Ullstadt. Auch gab es die Möglichkeit den Stadtwald Gmünden am Main anzuschauen, erklärt Uwe Reißenweber, Geschäftsführer des ANW Bayern. Für die Exkursionen musste man sich anmelden. 400 Menschen konnten daran teilnehmen.

Jeder Betrieb hat andere Themen

An jedem Ort gab es verschiedene Schwerpunkte. „Jeder Betrieb hat seine Themen, die ihm unter den Nägeln brennen, vorgestellt.“ Dabei ging es auch um die Waldschäden der vergangenen Jahre. „Ist es überhaupt eine Störung? Oder kann die Natur das verkraften? Muss man eingreifen oder hilft sie sich allein?“, gibt Reißenweber Beispiele für Fragestellungen, die da aufploppten.

In Bad Windsheim ging es unter anderem um den Mittelwald, absterbende Fichten, Trockenheit, den Klimawandel und was diesbezüglich schon unternommen wurde. „Was durch die Reaktionen und den Austausch klar wurde: „So ganz falsch machen wir es hier nicht“, sagt Stadtförster Finnberg. Ein Stück weit müsse man die Störungen akzeptieren. „Wir können nicht gegen alles ankämpfen, was den Klimawandel betrifft.“ Bei höheren Temperaturen und fehlenden Niederschlägen hätten die Bäume nun einmal nicht genug Wasser. „Dann ist das so. Damit muss man umgehen.“

Auch bei der Auswahl von Baumarten passe man sich in Bad Windsheim an den Klimawandel an. „Es geht mehr in Richtung Laubholz, mehr in Richtung Eiche“, erklärt Sven Finnberg.

Ein Umdenken in Sachen Totholz

In diesem Zuge stelle sich auch die Frage, wie viel Totholz man auf Flächen lasse, damit man gewisse Strukturen und eine Schattwirkung hat, was wiederum die Wiederbewaldung erleichtert. Aus waldhygienischen Gesichtspunkten „hat man früher eher alles rausgeräumt“.

Seit fünf, sechs Jahren findet ein Umdenken statt – auch in Bad Windsheim. Vom kompletten Räumen von Flächen komme man immer mehr ab. Ist ein Baum abgestorben, werde der Hochstumpf nicht komplett entnommen. In der Schattseite werde ein neuer Baum gepflanzt, der Stamm wiederum schütze ihn.

„Wir verlassen jetzt gerade den Bereich des gesicherten Wissens. Unsere Erfahrungen beruhen auf anderen Klimadaten und Waldzuständen. Jetzt gilt es neue zu sammeln, aus denen man seine Schlüsse zieht“, sagt Sven Finnberg. „Das ist die Herausforderung.“ Viele Forstleute müssen sich mit diesen Gegebenheiten heutzutage auseinandersetzen, deshalb sei die Bundestagung, die alle zwei Jahre stattfindet – stets in einem anderen Bundesland – auch so gut besucht gewesen. Trotzdem merke man regionale Unterschiede in den Problemen, mit denen sich die einzelnen Forstleute beschäftigen müssen, sagt Reißenweber.

Extrem trockene Jahre ab 2018

Seit den Extremjahren ab 2018 sei der Klimawandel und seine Auswirkungen sehr präsent im forstwirtschaftlichen Alltag. „In den Jahren hatten wir nur den halben Niederschlag, der sonst im ganzen Jahr fällt“, so Reißenweber. „Und den auch nur auf die Wintermonate verteilt. Für die Bäume ist das ein Schockereignis.“ Die Hotspots der Trockenheit hätten damals in Unterfranken und in Mittelfranken – vor allem im Raum Bad Windsheim – gelegen. Gerade dort, wo Weinbauregionen angrenzen, sei es ohnehin warm.

Der Austausch bei der Tagung war sehr konstruktiv, eine positive Grundstimmung herrschte vor. „Die Forstwelt ist sehr klein“, sagt Uwe Reißenweber. Man kennt sich, „normal sind wir den ganzen Tag allein im Gebüsch. Das ist ein Treffen von Gleichgesinnten“, sagt er und lacht. Die Diskussion ist dabei durchaus gewünscht, soll herausgekitzelt werden, so Finnberg. „Um letztendlich ein breites Meinungsbild zu kriegen und weiterzukommen.“


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin im Online-Team
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