In den Ferien hat der Lehrer Matthias Ramspeck den Rotstift gegen einen rosa Schaumstofffinger getauscht. Damit zeigt er bei den Olympischen Spielen Leuten den Weg. Umsonst für ein milliardenschweres Sportunternehmen zu arbeiten – kein Problem für ihn. Ganz im Gegenteil. Er ist Wiederholungstäter.
Tag der Eröffnung. Seit Stunden prasselt der Regen auf die Seine in Paris. Auf sportbegeisterte Zuschauer, auf Anwohner und auf Matthias Ramspeck. Sein Körper ist klitschnass, das Wasser steht in den Schuhen. Die Stimmung ist dennoch nicht gedrückt. Vor seinen Augen spielt sich ein großes „atemberaubendes“ Spektakel ab.
Rauch in den Farben der französischen Flagge steigt empor. Athletinnen und Athleten verschiedenster Nationen fahren auf Booten entlang. Das „Olympische Feuer“ schwebt als Ballon über die Stadt der Liebe und der Eiffelturm erstrahlt in hellen Lichtern. Die Olympischen Spiele 2024 sind eröffnet: für Ramspeck das „größte Sportereignis der Welt“. Und er ist mittendrin.
Seine Freude schwappt bei dem Gespräch am Telefon regelrecht über. Am liebsten würde man selbst im Stadion sitzen, anfeuern, jubeln und die Gemeinschaft spüren. „Unsere Teamleiter sagen immer, man soll lachen“, erzählt der 42-Jährige, „aber das ist doch selbstverständlich, dass man lacht, wenn man bei so einem Großereignis dabei ist. Ich bin Fan der Olympischen Spiele.“
Knapp vier der insgesamt sechs Wochen Sommerferien stehen bei Ramspeck ganz im Zeichen der fünf Ringe. Er unterrichtet an der Laurentius-Realschule in Neuendettelsau und wohnt in Weißenburg. Seine Fächer sind Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen, Politik und Gesellschaft und – man ahnt es – Sport. Ob Beachvolleyball, Tischtennis oder Padel-Tennis: „Ich bin total sportbegeistert und als Sportlehrer breit aufgestellt“, sagt Ramspeck.
„Ich wollte früher eigentlich immer als Athlet dabei sein. Dafür hat es aber nie gereicht“, sagt er und lacht. Am wichtigsten beim Sport ist ihm die Gemeinschaft. „Tennis war als kleiner Junge immer meine Leidenschaft“, erzählt er. In Paris war er nur wenige Meter von Tennislegende Angelique Kerber entfernt. „Das war schön, sie noch einmal im Damendoppel live zu sehen“, schwärmt der 42-Jährige. Ihren Abschied hat er hautnah miterlebt.
Das Volunteer-Sein macht ein bisschen süchtig.
Seit der Eröffnungsfeier ist er als freiwilliger Helfer im Einsatz – beim Tennis, aber auch beim Boxen. Für ihn ein „einmaliges Erlebnis“. Dabei half er bei der Platzzuweisung, kontrollierte die Tickets oder erklärte, wo die Toiletten zu finden sind. Und das in mehreren Sprachen – Französisch, Englisch und Deutsch. Diese Tätigkeit nahe am Menschen gefällt ihm sehr. „Das ist so ein Lehrersyndrom, man hilft einfach gerne.“
Ramspeck ist nicht zum ersten Mal Freiwilliger bei einem Mega-Sportereignis. Bereits bei der Fußball Weltmeisterschaft 2006 war er in Nürnberg eingesetzt. „Das fand ich damals schon so super“, schwärmt der Sportler. 2022 hat er bei den European Championships in München ausgeholfen. Anfang 2024 bei der Handball-Europameisterschaft (EM) und vor nur wenigen Wochen bei der Fußball-EM. „Das Volunteer-Sein macht ein bisschen süchtig“, sagt er.
Doch wie ist es überhaupt dazu gekommen? Im vergangenen Jahr hat er sich online als Volunteer (Helfer) beworben. Aus Sorge nicht genommen zu werden, hat er auch eine Bewerbung für die Paralympics abgeschickt. Doppelt hält besser. Im März diesen Jahres erhielt der Lehrer die Zusage – und zwar für beide Turniere. „Ich habe damit gar nicht mehr gerechnet“, sagt er. Jetzt ist er einer von rund 45.000 Freiwilligen. Sie sind das erste Lächeln, das in den Stadien zu sehen ist. Sie sind „das Gesicht der Spiele“, so Ramspeck.
Die Voraussetzungen: Man muss mindestens Französisch oder Englisch sprechen können, 18 Jahre alt sein und mindestens für zehn Tage zur Verfügung stehen. Er vermutet, dass ihm seine Leidenschaft zum Sport und seine Erfahrungen als Volunteer zugutekamen.
Seine Schicht in Stade Roland Garros dauerte normalerweise von 9 bis 16.30 Uhr. Etwa eine Stunde entfernt von seinem Apartment in der Nähe des Montmartre. Das Zimmer fand er dank privater Verbindungen – zu einem vergleichbar günstigen Preis. Die Kosten für Unterkünfte sind wegen der Olympischen Spiele „immens in die Höhe gewachsen“. Alle freiwilligen Helfer müssen selbst dafür aufkommen. „Das ist es mir wert“, sagt der 42-Jährige.
Nähe zu Diktatoren, nur halbwegs aufgearbeitete Dopingfälle, Korruption: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) muss sich oft mit Kritik auseinandersetzen. Die Spiele haben Schattenseiten, dessen ist sich auch Ramspeck bewusst. Jedoch könne er als Fan nicht viel Einfluss darauf nehmen, weshalb er sich lieber auf den Sport und die bemerkenswerten Leistungen fokussiere. „Mir geht es um die Athleten, die ich sehe. Um Gold, Silber und Bronze.“ Darum, dass der Sport viele Nationen vereint. Für ihn zähle der olympische Gedanke. „Das sind die Werte, die mir wichtig sind.“
Von den Bauten der Olympischen Spiele werde die Jugend außerdem noch profitieren, da ist er sich sicher. Sei es von der BMX-Bahn oder dem Olympischen Dorf, das im Anschluss zu Wohnungen und Geschäften umgebaut werden soll. Ob der Sportlehrer das Dorf der Athletinnen und Athleten betreten darf? „Nein, leider nicht“, bedauert er.
Ich trage das mit Stolz.
An den Wochenenden ist vieles geboten, wie Ramspeck erzählt. In der Stadt herrsche eine „super Stimmung“, die man auf diese Weise „nur in sportbegeisterten Ländern vorfinden kann“. Bevor er seine Heimreise antritt, geht es noch einmal in das Zentrum von Paris – zur Sacre Cœur, zur Champs-Élysées. Ein letztes Mal das olympische Flair aufsaugen.
Manche Helfer verdienen übrigens doch ein bisschen Geld mit ihrem Einsatz, indem sie ihre Olympia-Kleidung verkaufen – türkise Trikots, Bauchtaschen und Anglerhüte. Ob das für Ramspeck auch in Frage kommt? „Ich trage das mit Stolz. Es ist für mich eine Erinnerung, ich werde das niemals verkaufen. Das hat für mich so viel Wert.“ Sogar der Hut ist ihm heilig – obwohl er eher der Cap-Träger ist.
Dass die Basketballspielerin Luisa Geiselsöder aus Burgoberbach bei den Olympischen Spielen in Paris aktiv sein würde, war der Sportredaktion schon länger klar.
Bei Matthias Ramspeck half ein Tipp seiner Chefin. Gerda Seitzinger-Bürkel, Leiterin der Laurentius-Realschule in Neuendettelsau meinte, die Schule freue sich, von seinen Olympia-Erlebnissen zu hören. Auftrag erfüllt.
Abgesehen von diesem Artikel darf man davon ausgehen, dass im Herbst die eine oder andere Schulstunde für seine Erzählungen aus Paris draufgehen dürfte. Denn erzählen und dabei Lust auf die Spiele machen, das kann Ramspeck wirklich gut.