Mord an Mann und Tochter: Mutter belastet vor Ansbacher Gericht ihren Sohn schwer | FLZ.de

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Veröffentlicht am 15.05.2026 19:50

Mord an Mann und Tochter: Mutter belastet vor Ansbacher Gericht ihren Sohn schwer

Dem Angeklagten, hier vor dem Prozess mit seinem Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger, steht eine Dolmetscherin zur Seite, falls seine Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um der Verhandlung zu folgen.  (Foto: Manfred Blendinger)
Dem Angeklagten, hier vor dem Prozess mit seinem Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger, steht eine Dolmetscherin zur Seite, falls seine Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um der Verhandlung zu folgen. (Foto: Manfred Blendinger)
Dem Angeklagten, hier vor dem Prozess mit seinem Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger, steht eine Dolmetscherin zur Seite, falls seine Deutschkenntnisse nicht ausreichen, um der Verhandlung zu folgen. (Foto: Manfred Blendinger)

Ein 36-Jähriger ist am Landgericht Ansbach wegen zweifachen Mordes angeklagt. Seine Mutter ist überzeugt, dass er seinen Vater aus Geldgier und seine Schwester wegen deren Lebenswandels im Irak erschossen hat. Die Tat soll er in der Familie mehrfach angekündigt haben.

Die Zeugin hat etwas mitgebracht. Auf dem Tisch vor ihr liegen zwei große Fotos. Ihr Mann. Erschossen. Ihre Tochter. Erschossen. Von ihrem Sohn, sagt die Mutter, und hält ihm die Fotos entgegen. Der 36-Jährige schaut stumm auf den Boden.

Seine Mutter hält die Fotos an ihren Kopf, küsst sie. Sie kann die Aussage als nahe Angehörige verweigern, weist sie Richter Matthias Held auf ihre Rechte hin. „Ich möchte aussagen“, antwortet die 61-Jährige. Und erklärt, dass sie sicher ist, wer ihr Mann und Tochter genommen hat. Zu viele Ankündigungen gab es von ihrem Sohn vor dieser Tat, als dass sie zweifeln würde. „Uneinigkeit kann es immer geben, aber nicht, dass man einander tötet.“

Flucht vor dem IS-Terror

Im Jahr 2017 sind die Eltern vor dem IS-Terror nach Deutschland geflohen. Der vierte Sohn und die zweite Tochter blieben im Irak im Elternhaus, erzählt die Mutter. Kurz vor der Tat ging der zweite Sohn weg. Der Vater fürchtete um die Sicherheit der Tochter, flog noch einmal nach Hause, um sie aus dem Nordirak über die Türkei und Griechenland nach Deutschland zu bringen.

Begleitet wurde er von Drohungen zweier Söhne, berichtet die Mutter. Sie wollten das Haus, das einen Wert von rund 100.000 Dollar hat, und mehrere Grundstücke des früheren Bauern. Ihr Mann habe das mit den Worten abgelehnt: „Ich lebe noch, was wollt ihr von mir?“ Dann habe der Angeklagte, der im Landkreis Ansbach lebt und auch die deutsche Staatsangehörigkeit hat, am Telefon seinem Vater gedroht, er werde ihn erschießen, wenn er das Haus nicht sofort bekomme. Und auch die Schwester müsse sterben, wegen ihres Lebenswandels.

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Ein 36-Jähriger muss sich am Landgericht Ansbach wegen eines Doppelmords im Irak verantworten. Der Angeklagte sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft. (Foto: Johannes Hirschlach)
Ein 36-Jähriger muss sich am Landgericht Ansbach wegen eines Doppelmords im Irak verantworten. Der Angeklagte sitzt seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft. (Foto: Johannes Hirschlach)

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Sie habe die Drohungen in den Wochen vor der Tat mehrfach am Telefon mitgehört. „Er hat gesagt: Ich werde sie umbringen.“ Und bei einem anderen Telefonat: „Ich werde ihn und sie umbringen.“

Ihr Mann habe das nicht ernst genommen. „Er hat ihn gemocht, wie alle seine Söhne. Und nicht gedacht, dass er ihm etwas antun könnte. Kein Mensch kann glauben, dass ein Sohn seinem Vater etwas antut“, sagt die Witwe, neben der ein Übersetzer für ihren kurdischen Dialekt sitzt.

Gewalt gegen Angehörige

Rechtsanwältin Felicitas Katerla vertritt die zweite Tochter des Ehepaars als Nebenklägerin. Sie fragt, ob der Angeklagte in der Familie vorher schon gewalttätig wurde. „Ja“, sagt die Mutter, und berichtet von Angriffen gegen seinen Vater, seine Kinder, seine Ehefrau. Er habe diese so geschlagen, dass sie einen telefonischen Hilferuf absetzte. Dem Notarzt habe sie gesagt, sie sei die Treppe heruntergefallen. „Aus Angst.“ Drohungen gehörten zu ihrem Alltag. „Er hat zu seiner Frau gesagt: Ich bringe dich um.“

Eine direkte Aussage der Ehefrau gibt es dazu nicht. Sie war vor der Mutter als Zeugin geladen, gab aber nur eine kurze Erklärung ab: „Ich möchte keine Aussage machen“. Sie verwies darauf, mit dem Angeklagten mehrere Kinder zu haben, stand auf und ging.

Mutter lässt sich nicht provozieren

Damit gibt es keine Entlastung für den Angeklagten durch seine Frau. Umso mehr Wucht entwickelt die Aussage seiner Mutter. Verteidiger Dr. Wolfgang Staudinger versucht, sie aus dem Konzept zu bringen, fällt dem Richter ins Wort, provoziert die 61-Jährige, die nach stundenlanger Aussage am Rand des Zusammenbruchs ist. Staudinger stellt unklare Fragen, die nicht nur die Mutter verwirren. So unklar, dass der Vorsitzende Richter der Großen Strafkammer dazwischengeht. „Diese Frage verstehe nicht einmal ich“, unterbindet Matthias Held eine Frage.

Der Verteidiger versucht weiter, die Mutter als unglaubwürdige Zeugin hinzustellen. Sein Mandant, der im Prozess alle Aussagen ablehnt, geht in der Verhandlung und auch in einer Sitzungspause auf dem Gang den Übersetzer an, wirft ihm auf Deutsch vor, falsch zu übersetzen, doch der lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er verweist auf 20 Jahre Erfahrung vor Gericht, seine breite Kenntnis der verschiedenen Dialekte und bekommt Unterstützung von der Richterbank. Man kenne und schätze den Übersetzer seit Langem, macht Vorsitzender Matthias Held dem Verteidiger deutlich. Keine Chance, auf diesem Umweg die Aussage der Mutter auszuhebeln.

Dr. Wolfgang Staudinger bemüht die allgemeine Lage im Irak, weist darauf hin, dass der getötete Vater politisch aktiv war, beim Militär gegen die IS-Diktatur gekämpft hat, und deshalb auch ein Opfer alter Feinde geworden sein könnte. Der Verteidiger zeigt ein Bild, das den Vater neben anderen Soldaten in Uniform zeigt, neben der Leiche eines IS-Soldaten. „Ja, das da hinten ist er“, sagt die Mutter. Aber er habe niemanden getötet. Sie kennt die Geschichte, wie ihr Mann zu der Leiche kam, aus den zurückgesetzten Reihen eines Kampfes, an dem er nicht aktiv teilnahm, sagt sie. Er sei nur ein Jahr lang ein normaler Soldat gewesen, kein Anführer.

„Ich sagte meinem Vater, ich töte das Mädchen“

Dann schaltet der Vorsitzende Richter den großen Bildschirm ein und spielt die Säulen der Anklage vor. Audio- und Videobotschaften, die über soziale Medien verbreitet wurden. Sie waren im Gerichtssaal schon öfter zu hören, aber nur im Original in einem kurdischen Dialekt.

Jetzt liegt eine schriftliche Übersetzung ins Deutsche vor, die verlesen wird. Darin sagt ein Mann Sätze, die wohl nur vom Täter stammen können, der am 20. Juli 2025 nachts Mann und Tochter aus nächster Nähe erschoss: „Seine Tochter ging auf den Strich und er vertuscht es.“ „Ich sagte meinem Vater, ich töte das Mädchen.“ „Ich ging, um das Mädchen zu töten, nicht um ihn zu töten.“ „Das ist sein Problem. Er zog die Pistole, um mich zu töten.“ „Sie hat es verdient. Wenn es um Ehre geht, hat man es verdient.“

„Er hat unser Leben zerstört“

Eine Nachricht entstand offenbar vor der Tat bei der Planung. „Wir töten unsere Schwester und werden sie irgendwo begraben. Sie ist erledigt und weg. Er hat es nicht akzeptiert.“ Ihr Name und der ihres Vaters werden deutlich hörbar genannt. Gefolgt von einem kurdischen Abschiedsgruß.

Eine der Nachrichten ist ein Gespräch von zwei Männern. Die zweite Stimme stellt Fragen und macht Vorwürfe. „Warum hast du das gemacht? Das hat alles zerstört.“

„Haben Sie eine der Stimmen erkannt?“, fragt Richter Matthias Held. Die Mutter nickt, ihre Hand zeigt zum Angeklagten. „Ihn.“ Als Sprecher der entscheidenden Sätze zu den Taten, als denjenigen, der sie ankündigte, und als denjenigen, der danach etwas zum Verlauf sagte. Noch einmal ein Nachfragen der Richter, ja, sie ist sicher. Es ist seine Stimme, er hat die zwei Menschen getötet, sagt die Mutter. „Er ist immer noch mein Sohn, aber er hat unser Leben zerstört.“

Knapp vier Stunden hat die Witwe als Zeugin durchgehalten, erst kurz vor 19 Uhr wird sie am Mittwochabend entlassen. Die Verhandlung wird am Mittwoch, 20, Mai, um 9 Uhr im Landgericht Ansbach fortgesetzt.

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