Mit dem Aufzug in das Herz eines schlafenden Vulkans | FLZ.de

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Veröffentlicht am 26.04.2026 00:08

Mit dem Aufzug in das Herz eines schlafenden Vulkans

Angekommen, wo es einst kochte: in der Magmakammer des erloschenen Vulkans. (Foto: Manuel Meyer/dpa-tmn)
Angekommen, wo es einst kochte: in der Magmakammer des erloschenen Vulkans. (Foto: Manuel Meyer/dpa-tmn)
Angekommen, wo es einst kochte: in der Magmakammer des erloschenen Vulkans. (Foto: Manuel Meyer/dpa-tmn)

Eiskalter Wind streicht über die weite, mit Moos überwachsene Lavaebene südöstlich von Reykjavik. Mystisch liegen Nebelschwaden auf der bizarren schwarzen Landschaft aus erkaltetem Magma. Das poröse Lavagestein ächzt unter den Wanderschuhen.

Über einen schmalen Pfad führt Sigrun Sigurdardottir die kleine Gruppe durch dieses unwirkliche Terrain. Es entstand während der Eiszeit vor rund 50.000 Jahren, als ausbrechendes Magma mehrerer Vulkane auf die Eismassen des hier liegenden Gletschers trafen, erklärt Guide Sigrun. Eine Eisenbrücke führt über einen schmalen Erdriss. Er ist nur knapp zwei Meter tief und breit. Aber jedes Jahr wird er um zwölf Millimeter breiter.

Der Grund: „Wir befinden uns hier an einer Nahtstelle, an der zwei Kontinentalplatten auseinanderdriften - die eurasische und die nordamerikanische Platte“, sagt Sigrun, während wir mit nur wenigen Schritten den „Kontinent“ wechseln - so könnte man es sehen.

Aufgrund der Plattenbewegungen ist Island heute das größte und aktivste Vulkangebiet Europas und damit ein weltweites Urlaubsziel für Vulkan- und Naturbegeisterte. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Eruptionen. Viele dürften sich noch an den Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 erinnern, als dessen Aschewolken den Flugverkehr in ganz Europa weitgehend zum Erliegen brachten.

Es geschah Ungewöhnliches

Nach drei Kilometern erreichen wir unser Ziel – den vor rund 4.000 Jahren erloschenen Thrihnukagigur-Vulkan. Ins Deutsche übersetzt trägt er den recht unspektakulären Namen Drei-Buckel-Krater. Auch von außen wirkt er eher unscheinbar. Der Hügel ist gerade einmal 50 Meter hoch, hat nicht einmal einen Kraterrand. Oben ist nur ein kleiner Schlund von knapp vier Metern Durchmesser.

Doch im Inneren birgt er ein Geheimnis, das weltweit einzigartig ist. Während die meisten Vulkane nach einer Eruption in sich zusammenfallen oder das Magma innen erstarrt, geschah hier etwas anderes: Die Magmakammer lief unterirdisch vollständig leer. Zurück blieb ein gewaltiger, intakter Hohlraum – und ein weltweit selten zugängliches geologisches Schauspiel.

In einem kleinen Basecamp, welches das Unternehmen Inside the Volcano am Fuße des Vulkans betreibt, gibt es erst einmal heißen Kaffee und Tee, während Sigrun eine Einführung in die bevorstehende Tour gibt. Jeder bekommt einen Sicherheitsgurt und einen Sturzhelm. Es geht los.

Kurzer Schreckmoment zum Start

Oben am Rand des Kraters schnallt uns Sigrun mit Karabiner an einem Sicherheitsseil fest, um über einen Metallsteg die offene Liftgondel zu erreichen. Es ist eine Art Stahlkorb, wie ihn Fensterputzer von Wolkenkratzern benutzen. Er schwebt direkt über dem dunklen Schlund des Vulkans. 

Als der Motor anspringt und sich der offene Aufzug mit einem leichten Ruck in Bewegung setzt, klammert sich Sonia Montroy, eine Touristin aus Mexiko, etwas ängstlich ans Geländer der Gondel. Die Felswände rücken bedrohlich auf nur wenige Zentimeter näher. Einmal muss der Guide den Lift sogar stoppen, um ihn durch eine besonders schmale Stelle zu navigieren. Der Blick in den dunklen Schlund ist aufwühlend.

Langsam gleiten wir in die Tiefe. Der Gedanke an Jule Vernes Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ ist naheliegend. Das Tageslicht schwindet, und plötzlich weitet sich der Raum. Sonias mulmiges Gefühl löst sich offenbar auf der Stelle in Luft auf. Auch sie ist vom Blick in die Magmahöhle überwältigt. Sonias Mann Aldo Alvarez, mit dem sie auf Flitterwochen auf Island ist, wird sprachlos.

Die Freiheitsstatue hätte Platz 

Vor uns öffnet sich eine 120 Meter tiefe und fast 80 Meter breite Höhle – so groß wie eine Kathedrale. „Hier passt problemlos die Freiheitsstatue aus New York rein“, sagt Sigrun. Noch beeindruckender: das Farbspiel. Die vom Boden der Magmakammer angestrahlten Wände leuchten in allen Regenbogenfarben - Grün, Feuerrot, Lila, Blau, Weiß, Gelb. Einige Stellen sind schwarz wie Kohle.

Später wird uns Sigrun erklären, dass die gelben Flächen auf dem Obsidian-Gestein von Schwefelablagerung zeugen, die aus heißen Gasen entstanden sind. Die verschiedenen Rottöne stammen von oxidiertem Eisen, die bläulichen und gräulichen von Basalt. Kupfer ist für die Grüntöne verantwortlich.

Jede Farbe entstand durch hohe Temperaturen, Druck und chemische Prozesse. Selbst kleinste Mikroorganismen und Bakterien tragen zur Farbpalette bei und hinterlassen ihre Spuren im Gestein. Wir kommen aus dem Staunen nicht raus. Nach rund sechs Minuten erreichen wir den Boden der Höhle. Die Stille ist absolut. Man hört nur die von der Decke fallen Wassertropfen. 

„Nature is ancient, but surprises us all“, singt die weltberühmte isländische Sängerin Björk. Die Natur ist uralt, aber überrascht uns alle. Vielleicht hat sie auch deshalb in der Magmakammer des Thrihnukagigur 2011 Aufnahmen zu ihrem Multimedia-Projekt Biophilia gedreht. 

Die Öffnung nach draußen scheint winzig klein. Doch die Kammer ist so gigantisch, dass Beklemmungen oder Platzangst zumindest die Teilnehmer dieser Tour nicht ereilen. Rund eine halbe Stunde haben wir, um den Grund der Magmakammer zu erkunden, über das Gestein zu kraxeln, die Stille im Inneren der Erde zu spüren.

Ein Loch lässt vermuten, dass die Höhle noch tiefer als 120 Meter ist. „Tatsächlich geht es noch mal 80 Meter tiefer, aber dieser Teil ist nur noch für professionelle Geologen und Höhlenforscher“, erklärt Sigrun. Es war der isländische Geologe Árni B. Stefánsson, der die Magmakammer „entdeckte“. Zumindest war er der Erste, der 1974 hinabstieg.

Ein Lift fürs Kameraequipment 

Erst seit 2012 können auch Touristen hinunter. Das ist den Dreharbeiten von National Geographic zu verdanken. Ein Team drehte hier in Zusammenarbeit mit Stefánsson den weltweit ersten Dokumentarfilm über eine Expedition in eine echte Magmakammer. Die 2011 ausgestrahlte TV-Doku hieß „Into Iceland's Volcano“.

Um das schwere Kameraequipment in die Höhle zu bekommen, installierte man damals den Lift. Das war die Geburtsstunde dieser weltweit einzigartigen Möglichkeit auch für Touristen, mit einem Aufzug in einen Vulkan zu fahren.

Stefánsson gründete dazu das Unternehmen Inside the Volcano. Er setzt auf nachhaltigen Geotourismus, lässt nur kleine Gruppen von maximal zehn Personen gleichzeitig in die Magmakammer, um das geologische Ökosystem nicht zu sehr zu belasten. Aber Massentourismus ist wohl angesichts des Tourenpreises von 375 Euro pro Erwachsenen auch kaum zu erwarten.

„Ja, es ist teuer, aber einmal im Leben ist es so eine Erfahrung wert“, meint der Autoreifenhändler Aldo Alvarez aus Mexiko-City. Mit seiner Frau Sonia hat er auf der Hochzeitreise alle Highlights auf Island kennengelernt. Sogar Gletschertouren im Helikopter haben sie gemacht.

Aber der Vulkan? „Völlig überwältigend. Ohne Zweifel die mit Abstand spektakulärste Naturattraktion auf Island“, sagt er später im Basecamp bei einem isländischen Gemüseeintopf zum Aufwärmen. Er schaut aus dem Fenster. Draußen liegt ein weißer Schneefuchs in der schwarzen Lava-Erde und wartet darauf, die Reste abzubekommen.

Links, Tipps, Praktisches:

Anreise: Lufthansa und Icelandair bieten von Deutschland Direktflüge nach Reykjavik an.

Einreise: Ein gültiger Reisepass oder Personalausweis genügt.

Reisezeit: Aufgrund klimatischer Verhältnisse findet der Abstieg in die Magmakammer des Thrihnukagigur nur zwischen Anfang Mai und Ende Oktober statt.

Vulkantour: Inside the Volcano (insidethevolcano.com) ist der einzige Anbieter dieser geführten Tour, die 5 bis 6 Stunden dauert. Erwachsene zahlen 356 Euro, Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren 175 Euro. 

Weitere Infos: visiticeland.com/de

© dpa-infocom, dpa:260425-930-993497/1


Von dpa
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