Gerlinde Schemmel ist 87 Jahre alt und lebt im Vitalis-Wohnpark in Bad Windsheim, direkt am Kurpark. Ihre Mitbewohner ziehen sich gerne in die eigenen vier Wände zurück. Für Schemmel ist das nichts. Sie will sich bewegen. Deswegen hat sie nun auch ein neues Hobby: Tischtennis.
Jeden Dienstag packt Gerlinde Schemmel ihren Schläger ein, dazu Sportschuhe und gute Laune. Dann geht's ab zum SC Dietersheim, konkret: zum dortigen „PingPongParkinson”-Stützpunkt. Hier trainiert sie nun schon seit rund einem Jahr an der Tischtennisplatte. Eine Stunde lang, mindestens.
Anschließend geht es wieder heim. „Ich bin dann immer hundskrumm, aber schön war's und ich kann gut schlafen”, erzählt sie. Dass sie mit ihren 87 Jahren durchaus einige körperliche Einschränkungen hat, will Schemmel gar nicht verbergen. Sie brauche mittlerweile einen Stock oder einen Rollator, um sich sicher und aufrecht gehend bewegen zu können. Fehlt die Gehhilfe, läuft sie krumm.
Doch beim Tischtennis spiele all das keine Rolle. Weil sie dabei eben gerade nicht so viel laufen muss. Ihre Bälle hebt sie sogar selbst auf. Das will sie sich nicht nehmen lassen. Und sie hat einen positiven Effekt festgestellt, der damit einhergeht: „Das Bücken tut mir sofort gut, macht mich beweglicher”, sagt sie.
Ob Tischtennis sie schon immer interessiert hat? Die Frage nimmt Schemmel als Anstoß dafür, gedanklich in ihre Kindheit zurückzureisen und darüber nachzudenken, was sie damals eigentlich gespielt und welchen Sport sie ausgeübt hat. Dabei stellt sie schnell fest: Sowas wie Tischtennis hat in ihrem Umfeld niemand gespielt.
Aufgewachsen ist Schemmel in Lenkersheim. Dort hat sie mit den anderen Kindern aus dem Ort immer wieder „Räuber und Gendarm” gemimt. Die gesamte Hauptstraße, die damals noch ein Feldweg gewesen sei, hätten sie als Spielplatz nutzen können. Nur hin und wieder sei ein Auto gefahren. Das sei dann meist der Viehhändler gewesen, der seine Arbeit zu erledigen hatte. Aber irgendeine Sportart habe sie zu der Zeit nicht betrieben.
Später dann, als verheiratete Frau, sei sie viel Rad gefahren. Das hatte sie leidenschaftlich gerne gemacht. Irgendwann hatte sie sich auch einer Radfahrer-Gruppe angeschlossen, die immer mittwochs zu gemeinsamen Touren mit anschließender Einkehr gestartet ist. Dass sie daran nicht mehr teilnehmen kann, bedauert Schemmel sehr.
Gymnastik und Schwimmen waren ebenfalls Sportarten, die sie gerne ausgeübt hat. Außerdem hat die 87-Jährige viel Zeit auf dem Lenkersheimer Sportplatz verbracht. Ihr Mann hat dort im Verein Fußball gespielt und sie sei zum Zuschauen mitgegangen.
Dass Tischtennis etwas für sie sein könnte, hätte Schemmel nicht für möglich gehalten. Sie hat das eigentlich immer nur im Fernsehen angeschaut, wenn Profis gespielt haben. Bei Olympia oder Weltmeisterschaften. Doch dann hat es im Vitalis-Wohnpark plötzlich eine Tischtennisplatte gegeben. Die hatte Anke Leidenberger, stellvertretende Leiterin der Freizeitbetreuung im Vitalis-Wohnpark, über Spenden organisiert.
Leidenberger weiß aus eigener Erfahrung, dass Tischtennis die Beweglichkeit und Koordination fördert – und dass der Sport auch bei einem eingeschränkten Gesundheitszustand noch ausgeübt werden kann. Denn Leidenberger selbst ist an Parkinson erkrankt. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, ihren Tischtennis-Sport erfolgreich auszuüben. In Dietersheim leitet sie mittlerweile den „PingPongParkinson”-Stützpunkt, der dem SC Dietersheim angegliedert ist.
Schemmel ist dort längst Mitglied geworden und hat vor kurzem auch am „PingPongParkinson-Partnerturnier” teilgenommen. Dass sie dabei im Doppel spielen musste, war ungewohnt für sie. Und eine große Herausforderung. Doch sie hatte Weltmeister Lars Rokitta an ihrer Seite. „Gerlinde, dabei sein ist alles”, hat er ihr immer wieder gesagt. So sieht es mittlerweile auch Schemmel selbst. „Ich will nichts gewinnen, ich will einfach nur spielen und Spaß dabei haben.”
Und so hat ihre neue Leidenschaft der 87-Jährigen auch neue Lebensfreude und Kraft gegeben. „Ich will nicht dahocken und auf das Ende warten.” Sie müsse raus, sich bewegen. Das brauche sie, dann sei sie glücklich und zufrieden. Mittlerweile lebt Schemmel seit zwei Jahren im Vitalis-Wohnpark und dreht regelmäßig ihre Runden im Kurpark.
Dort trifft sie immer mal wieder alte Bekannte oder auch neue, die sie durch ihre regelmäßigen Spaziergänge kennengelernt hat. „Aus der Ferne winken wir uns zu, und wenn wir uns gegenüber stehen, reden wir ein paar Worte miteinander.” Das sei schön und durch den Austausch sei man gleich ein ganz anderer Mensch.