Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew mit Dutzenden ballistischen Raketen beschossen und damit erneut verheerende Zerstörungen angerichtet. Dutzende Explosionen, teils von Flugabwehrraketen, waren in der Nacht im Zentrum der Dreimillionenstadt zu hören, wie ein dpa-Reporter in der Stadt berichtete. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem „der massivsten ballistischen Angriffe auf Kiew“. Demnach gab es einen Toten und 16 Verletzte.
Außenminister Andrij Sybiha sprach auf X von „brutalem Terror“ - Russland habe die bisher größte Zahl an ballistischen Raketen seit Kriegsbeginn gegen Kiew eingesetzt. Der Staatschef und der Minister forderten den Westen zur raschen Lieferung von Flugabwehrraketen auf.
„Der Feind hat über 40 Raketen verschiedener Typen abgefeuert, von denen die meisten auf die Hauptstadt gerichtet waren, sowie 120 Angriffsdrohnen“, teilte Selenskyj bei Telegram mit. Mehrere Häuser und auch Autos seien zerstört worden, meldeten die Behörden. Eine Metro-Station musste demnach die Arbeit einstellen.
Ein Unternehmen für Schutzausrüstungen von Soldaten teilte in Kiew mit, dass seine Produktionsstätte komplett zerstört worden sei. Im Kiewer Gebiet sei zudem eines der größten Logistikzentren des Landes zerstört worden, hieß es. Bürgermeister Vitali Klitschko informierte über Einschläge und Schäden in mehreren Stadtteilen. Es sei zu Bränden gekommen.
Nach Angaben der ukrainischen Flugabwehr wurden 23 Einschläge von Raketen und 10 von Drohnen registriert. Demnach wurde ein großer Teil der Flugobjekte zerstört. In einem Vorort der ostukrainischen Stadt Charkiw meldeten offizielle Stellen drei Tote und 16 Verletzte nach russischen Angriffen.
„Wir brauchen einen vernichtenden Druck auf Moskau, um diesem Terror ein Ende zu setzen“, sagte Minister Sybiha und appellierte an die EU-Staaten, das 21. Sanktionspaket gegen Russland zu beschließen, um das seit Wochen in Brüssel gerungen wird.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion. Mit westlicher Hilfe, besonders aus Deutschland, wurde die Flugabwehr modernisiert. Zuletzt klagte Kiew jedoch über einen Mangel an Lenkflugkörpern für das Flugabwehrsystem Patriot zur Abwehr ballistischer Raketen.
„Der Schutz vor ballistischen Raketen ist derzeit eine ständige und oberste Priorität“, sagte Selenskyj. „Abfangraketen werden jeden Tag benötigt.“ Insgesamt habe Russland in dieser Woche etwa 1.450 Drohnen, mehr als 1.640 Gleitbomben und 99 Raketen und Marschflugkörper eingesetzt. Außenminister Sybiha mahnte, dass kein verbündetes Land die Flugabwehrraketen zurückhalten dürfe, weil die Ukrainer ansonsten dafür mit ihrem Leben bezahlten.
Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, in Kiew seien ein großes Logistikzentrum der Post für die Lagerung von Bauteilen für Waffen sowie mehrere Betriebe für die Produktion von Raketenkomponenten Ziele der Angriffe gewesen. Im Kiewer Gebiet sei ein Zentrum zur Aufbewahrung und Verteilung von Elementen für die Produktion von weitreichenden Drohnen getroffen worden. Unabhängig überprüfbar waren diese Angaben nicht.
Auch die Hafeninfrastruktur im Süden am Schwarzen Meer sei erneut angegriffen worden, teilte das Ministerium in Moskau weiter mit. So seien im Raum Odessa Anlagen für die Lagerung militärischer Güter sowie von den Streitkräften genutzte Treibstoffdepots beschossen worden. Die Ukraine veröffentlicht - wie Russland - keine Informationen zu Schäden an militärisch genutzten Objekten.
Kiew löste indes mit neuen Drohnenangriffen auf Anlagen der russischen Ölindustrie mehrere Großbrände aus. In der südrussischen Region Stawropol gerieten Medien zufolge drei Öldepots in Brand. Gouverneur Wladimir Wladimirow bestätigte, dass im Zuge ukrainischer Drohnenangriffe mehrere Feuer in Industrieobjekten ausgebrochen seien - und es zu Detonationen explosiver Stoffe komme. Es gebe keine Verletzten.
Ukrainische Drohnenangriffe im Schwarzmeer-Hafen von Noworossijsk meldete erneut auch das internationale Kaspische Pipeline-Konsortium. Dort sei ein Terminal bei der Verladung von Öl auf zwei ausländische Tanker beschossen worden, teilte das Unternehmen mit. Auf einem Schiff, das unter der Flagge des westafrikanischen Landes Liberia fahre, sei ein Feuer gelöscht worden. Es gebe keine Verletzten; beide Schiffe seien weiter seetauglich. Das sei bereits der „fünfte Akt der Aggression gegen ein ziviles Objekt“ des Konsortiums, teilte das Unternehmen mit.
Die Ukraine zielt auf Anlagen der russischen Ölindustrie, um so auch den für Moskaus Kriegskasse wichtigen Energieexport zu treffen. Präsident Selenskyj hatte am Samstag auch Angriffe auf Logistikzentren des größten russischen Online-Versandhändlers Wildberries bestätigt. Dabei starben mindestens acht Mitarbeiter des Unternehmens. Mehr als 80 weitere Menschen wurden verletzt, wie russische Behörden mitteilten. In den Gebieten Tambow und Moskau kam es zu Großbränden in den Wildberries-Lagern.
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