Langenfeld: Das Dorf der Chancendenker | FLZ.de

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Veröffentlicht am 22.02.2024 20:50

Langenfeld: Das Dorf der Chancendenker

Anna Ebener, eine der Geschäftsführerinnen des Dorfladens, präsentierte Landrat Helmut Weiß und dessen Stellvertreter Hans Herold regionale Produkte. Darunter befand sich auch der „Streng-Wein“ – ein Verkaufsschlager nach ihren Worten. Darüber freut sich auch Bürgermeister Reinhard Streng, seines Zeichens ebenso Stellvertreter des Landrats (von links). (Foto: Anita Dlugoß)
Anna Ebener, eine der Geschäftsführerinnen des Dorfladens, präsentierte Landrat Helmut Weiß und dessen Stellvertreter Hans Herold regionale Produkte. Darunter befand sich auch der „Streng-Wein“ – ein Verkaufsschlager nach ihren Worten. Darüber freut sich auch Bürgermeister Reinhard Streng, seines Zeichens ebenso Stellvertreter des Landrats (von links). (Foto: Anita Dlugoß)
Anna Ebener, eine der Geschäftsführerinnen des Dorfladens, präsentierte Landrat Helmut Weiß und dessen Stellvertreter Hans Herold regionale Produkte. Darunter befand sich auch der „Streng-Wein“ – ein Verkaufsschlager nach ihren Worten. Darüber freut sich auch Bürgermeister Reinhard Streng, seines Zeichens ebenso Stellvertreter des Landrats (von links). (Foto: Anita Dlugoß)

Rund 300 Mal hat Bürgermeister Reinhold Streng oder eine Vertretung die Gemeinde Langenfeld „zwischen Südtirol und Ostbelgien“ schon vorgestellt – darunter auch Gästen aus Fernost. Nun tat er es ein weiteres Mal: Bei der Gemeindebesichtigung durch Landrat Helmut Weiß und dessen Delegation.

Die Entwicklung des Ortes mit seinen gut 1000 Einwohnern interessiert über die regionale Ebene hinaus – unvergessen ist der Besuch der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel am 25. März 2013, was die Bedeutung des Dorfes in Sachen vorbildlicher Infrastruktur und Daseinsvorsorge bis heute unterstreicht. Viele überregionale Preise – zuletzt 2023 jener der Metropolregion Nürnberg für positives Flächenmanagement – habe man erhalten.


„Deutschland ist derzeit das einzige Industrieland, das keine schwarzen Zahlen schreibt.”

Reinhard Streng

Warum steht Langenfeld heute so hervorragend da? Ein Blick in die Geschichte lohnt. 2002 übernahm Streng das Ruder – mit Otmar Pfeuffer, seinem heutigen Stellvertreter, wie er betont. 2003 wurde die Philosophie des Mehrgenerationenhauses Dorflinde geboren: Von der Wiege bis zur Bahre sollen die Menschen in Langenfeld gut leben können. Dafür müsse die Gemeindeführung Strukturen schaffen und die bestmöglichen Zuschüsse in Anspruch nehmen. „Es sind Chancendenker in Politik und Verwaltung gefordert“, so Streng, der die Städtebauförderung über alles pries. Doch er fand auch kritische Worte: „Die Bundesrepublik Deutschland ist das einzige Industrieland, das derzeit keine schwarzen Zahlen schreibt“, monierte er.


„Reinhard, du warst schon immer ein Vordenker.”

Helmut Weiß

Mitten im Ort, so begann Strengs Referat, hatte die Gemeinde 2006 einen ehemaligen Bauernhof gekauft und zum Mehrgenerationenhaus Dorflinde umgebaut.

Hinzu kamen über die Jahre die Tagespflege, das Dienstleistungszentrum – zwischen 70 bis 140 Essen pro Tag – der Dorfladen, die Gesundheitsversorgung durch die von der Gemeinde renovierte Praxis, die ambulant betreute Wohngemeinschaft, das Gasthaus Ela Mesa, das 2015 zur Versteigerung stand und das die Gemeinde kaufte und schließlich die Eismanufaktur. „Du warst schon immer ein Vordenker“, sagte Helmut Weiß zu Streng.

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„Außer uns bestimmt keiner, was rund ums Rathaus passiert“, stellte Streng klar, der dabei auch die Verdienste der „Grandseigneurs des Gemeinderates, Wolfgang Huprich und Wolfgang Rückert“, hervorhob. Um den weiteren Bestand der Praxis der Ärzte Corina Crudu und Walter Woidich zu sichern, brachte die Kreisdelegation die „Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“ ins Gespräch, die, wie früher die „Gemeindeschwester“ Hausbesuche durchführe und dadurch Hausärzte entlaste. Diese Idee lobten Dr. Woidich und die medizinische Fachangestellte Tanja Riedel bei der Besichtigung vor Ort ausdrücklich.

Vom unternehmerischen Denken mit dem „Renditeziel“ Infrastruktur und den ausgeklügelten Vertragswerken konnten sich neben dem Landrat auch seine Begleiter ein Bild machen: Stellvertreter Hans Herold und die Abteilungsleiter Robert Linke (Kreisangelegenheiten), Alexander Wust (Bau und Umwelt) sowie Franziska Zeilinger-Latka (Öffentliche Sicherheit und Ordnung).


„Wir gehören ja eigentlich den Bürgern.”

Anna Ebener

Paradebeispiel für dieses Denken ist der Dorfladen, für den Anna Ebener, Gemeinderätin und eine der beiden ehrenamtlichen Geschäftsführer der Unternehmergesellschaft, beim Besuch Rede und Antwort stand.

Das barrierefreie Geschäft wird demnach von den Vereinen aus Langenfeld und Ullstadt mit etwa 300 Personen, die hier Einlagen haben, getragen. „Wir gehören ja eigentlich den Bürgern“, erklärte sie. Zehn Frauen seien meist in Teilzeit dort beschäftigt. Diese werden zusätzlich – und das ist normal in Langenfeld – von zahlreichen ehrenamtlichen Kräften unterstützt werden. Neben dem Hauptanbieter beziehe man Lebensmittel von über 30 regionalen Erzeugern. Pro Jahr setzt der Dorfladen 1,7 Millionen Euro um. Ein Bäcker und eine Poststelle sind hier zu finden und demnächst will man auf elektronische Preisschilder umstellen. „Ein großes Ziel ist es, dass sich der Dorfladen zum 24/7-Supermarkt entwickelt“, sagte Ebener.


„Viele Projekte scheitern in Deutschland daran, dass immer nur die Probleme gesehen werden.”

Oliver Bundrück

Auch das leer stehende Molkereigebäude – der Betrieb war 2019 eingestellt worden – wurde in Augenschein genommen. „Viele Projekte scheitern in Deutschland daran, dass immer nur die Probleme gesehen werden“, sagte Oliver Bundrück, Assistent der Geschäftsleitung der Josan Firmengruppe in Pfungstadt/Hessen. „In Langenfeld ist das nicht so, da ist der Bürgermeister ergebnisorientiert“.

Deshalb hatte die Gruppe im Jahr 2021 die ehemalige Milchfabrik gekauft, für die sie seither einen Investor sucht. Jüngste Idee ist ein Kinderland mit vielen großen Rutschen, wofür nun der Markt erkundet wird.

Streng sieht dafür Chancen, obwohl ein Bahnhaltepunkt Langenfeld – bis Anfang der 1990er Jahre hielten die Personenzüge noch in Langenfeld – in weite Ferne gerückt und das Umfeld alles andere als einfach sei: zur einen Seite die Bahngleise, zur anderen ein ehemaliges, auch mit Chemikalien bestücktes Lager, zur dritten Seite Wohnbebauung und zur vierten Seite ein Grundstück, das um sechs Meter tiefer liege und eine Anfahrt von Gütern unmöglich mache. Das Grundstück habe die Gemeinde gekauft – in der Hoffnung, Parkplätze zu errichten, falls doch einmal der Bahnhaltepunkt realisiert wird.

Die ursprüngliche Idee, junge Start-up-Unternehmen aus der Großstadt an der Bahnseite anzusiedeln und auf der anderen Seite Wohnraum zu schaffen, habe sich zerschlagen, weil die Bahn weder den Haltepunkt noch eine Lärmschutzwand baut, hieß es vor Ort.

Das Molkereigebäude wurde im Inneren so belassen, wie es einst vorgefunden wurde, so Olivier Begue, der ursprünglich aus Kamerun stammt. Geschäftsführerin Annie Begue konnte beim Durchgang nicht präsent sein.

Nicht nur auf die Erfolge, sondern auch auf die „Entwicklungsrestriktionen“ wies Streng hin: Gewerbebrache, Bahnhaltepunkt, Überschwemmungsgebiet, Leitungs- und Verkehrsbarrieren machten vieles (noch) unmöglich – ebenso die ausufernde Bürokratie. Vollenden will man die örtliche Altersvorsorge mit einem Betreutes-Wohnen-Projekt. Dieses scheitere bisher an einem Problem, das viele Bürgermeister kennen: Man komme einfach nicht an die ersehnten Grundstücke ran.

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