Keine Übertreibung: Die Komödie „Eine Mords-Freundin” gehört in die Rubrik „Lachen, bis die Tränen kommen”. Der Drehbuchautor Steven Moffat hat seinen Theatererstling wirkungssicher gebaut. Wer nur im Keller lacht, sucht sich aus dem Sommerspielplan des Dinkelsbühler Landestheaters lieber ein anderes Stück raus.
Intendantin Jasmin Meindl schreibt mit der zweiten Abendproduktion ihres ersten Freilichtsommers eine lange, alte Tradition fort. Turbulenzkomödien zählen zur Erbsubstanz des Hauses. Eine andere Tradition ist, dass solche Stücke meistens von britischen Autoren stammen und die deutschen Titel vergleichsweise bescheuert sind. Auch da fügt sich „The Unfriend” von Steven Moffat ein, wobei die Übersetzung von Danijel Elburg ansonsten blendend funktioniert. Der prägende Gegensatz zwischen amerikanischem und britischem Englisch verpufft hierzulande freilich.
Steven Moffat, bekannt als Drehbuchautor von Fernsehserien wie „Dr. Who” und „Sherlock”, hat seine Komödie „Eine Mords-Freundin” in den letzten Jahren von Donald Trumps erster Präsidentschaft geschrieben. Das ist nicht nur ein philologisches Detail, sondern eines, das unterhalb der Dialogschicht wie ein Myzel wuchert. Wer weiß. Vielleicht ist der Text nur dessen Fruchtkörper und „The Unfriend” mehr als ein Stück über britische Höflichkeit, die bei einer dreisten Amerikanerin ohnmächtig ins Leere läuft.
Wie auch immer. Der schottische Autor holt in bester britischer Tradition aus Verdrängtem, Unterdrücktem, Angstbesetztem das Lachhafte heraus. Der Witz entsteht, wie gewohnt in diesem Genre, aus der gutbürgerlichen Sorge davor, soziale Erwartungen und Regeln zu verletzen. Obendrein droht die physische Vernichtung.
Debbie und Peter, ein englisches Mittelschichtsehepaar aus London, haben auf einer Schiffsreise Elsa Jean Krakowski kennengelernt. Die ältere Amerikanerin ist freundlich, nett und ein bisschen aufdringlich. Sie lädt sich selbst zum Besuch in London ein. Das wäre zu veratmen. Wäre, wenn Debbie beim Googeln nicht eine Entdeckung machen würde: Elsa ist offenbar eine polizeibekannte Serienmörderin. Bloß war ihr bisher nichts nachzuweisen. Das wird so bleiben, bis sie am Ende wieder geht und die Tür hinter sich schließt.
Blöd bloß, dass Debbie und Peter ihre Gästin auf keinen Fall brüskieren wollen. Wie lädt man so jemanden wieder formvollendet aus? Es klappt nicht. Elsa setzt sich fest. Die Nerven liegen blank. Den beiden Kindern – ziemlich unleidlich sind sie, weil schwer von der Pubertät geplagt – Rosie und Alex also gefällt die durchsetzungsstarke Amerikanerin mit den Gouvernanten-Qualitäten. Elsa bringt die zwei zurück ins Familienleben und das wieder halbwegs ins Lot. Was aber das Grundproblem nicht löst. Wie wird man die vermeintliche Mörderin los?
Moffat hat keine astreine Farce geschrieben, eher eine Sitcom, die zur Farce mutiert. Rund eineinviertel Stunden dauert sie in der Inszenierung von Gisela Maria Schmitz. Es fängt sehr gemütlich an, setzt bedächtig die Personen und Konflikte, nimmt dann Fahrt auf und explodiert schließlich. Wahrscheinlich verträgt die erste Hälfte trotzdem mehr Zug, aber der stufenweisen Eskalation entkommt man dann doch nicht.
Das Bühnenbild ist für britische Komödienverhältnisse recht minimalistisch ausgefallen; es kultiviert dafür kleine Absurditäten: ein paar Wohnstellwände, Mobiliar und obendrein ein Kühlschrank, der am wenigsten als Kühlschrank benutzt wird. Die Tapetenstreifen haben aparterweise die Farbe von Elsas Jogginganzug (Bühne und Kostüme: Valerie Lutz).
Die Figuren lässt Schmitz typenhaft zuspitzen. Knut Fleischmann strahlt als onkelhafter Nachbar in rosiger Selbstzufriedenheit. Andreas Peteratzinger setzt als sacht verhuschter Polizist eine brüllkomische Sequenz in Gang. Janina Dötterl und Leander Krembs geben zwei prächtige Pubertätsmonster ab.
Ingrid Cannonier kostet die Ambivalenzen ihrer Figur aus, deren Pragmatismus durchaus positive Effekte nach sich zieht. Ihre Elsa pendelt dabei zwischen manipulativen Charme-Offensiven und kalt lächelnden Andeutungen, bei denen Irrsinn und Menschenverachtung aufflackern.
Nun muss man „The Unfriend” deswegen nicht gleich zur topaktuellen Gesellschaftssatire hochjazzen, denn ihr Humor zielt daran vorbei, aber doch führt Steven Moffat vor, wie ein liberales, moralisch hochbewusstes Bürgertum an den Versprechen eines Klare-Kante-Populismus zerschellt – und an seinen eigenen Normen.
Maike Frank und Thomas Weber spielen das großformatig aus. Sie legen ihr Ehepaar als Realkarikaturen mit Wiedererkennungspotenzial an. Beide haben je eine Szene, in der ihre aufgestaute Hilflosigkeit und Verzweiflung voller Urgewalt aus ihnen herausbricht. Die zwei sind da grandios komisch.