Wen etwas verstört, der will es gern erklärt haben. Jan Philipp Reemtsma kennt den Wunsch – und steht ihm skeptisch gegenüber, weil eine Erklärung oft beruhigen soll. Damit kann der Literatur- und Sozialwissenschaftler nicht dienen. Zum Auftakt der Rothenburger Woche „Jüdische Kultur“ sprach er über Antisemitismus.
Den renommierten Literaturprofessor und Mäzen aus Hamburg hatte Pfarrer Oliver Gußmann nach Rothenburg eingeladen, nachdem er dessen Aufsatz „Antisemitismus – Was gibt es da zu erklären?“ gelesen hatte. Damit gerechnet, dass Reemtsma zusagen würde, hatte er nicht, wie er bei seiner Begrüßung zugab.
Jan Philipp Reemtsma kam und fasste im sehr gut besuchten Städtischen Musiksaal frei sprechend den Aufsatz zusammen, der sich auch in dem Büchlein „,Sagt, hab ich recht?‘: Drei Reden zur Gegenwart alter Probleme“ findet. Danach verdeutlichte er in einer regen Fragerunde noch einmal seine Überlegungen.
Statt sich auf unergiebige Definitionsdebatten einzulassen, zieht er es vor, die Phänomene des Antisemitismus in Ruhe anzuschauen. Reemtsmas Befund ist erhellend, aber nicht beruhigend. Der Antisemitismus ist „die konstanteste Ideologie, die das Abendland vorzuweisen hat“, eine Ideologie, die geeignet sei, Affekte zu mobilisieren, Menschen zu Erregungsgemeinschaften zusammenzubringen und zu mörderischen Kollektiven zu formen.
Konstant ist sie, wie er an historischen Beispielen belegt, weil sie flexibel ist: „Der Antijudaismus oder Antisemitismus, wie er sich selbst seit dem 19. Jahrhundert nennt, passt sich den unterschiedlichen Milieus auf frappierend gute Weise an.“ Er zeigt am Beispiel Spaniens des ausgehenden 15. Jahrhunderts, wie bereits bei scheinbar religiös motivierter Judenfeindlichkeit ein Verdacht gegen Jüdischsein an sich mitläuft, ein Verdacht, der selbst nach einer Zwangstaufe bestehen bleibt. Schon damals ist von der „Reinheit des Blutes die Rede“, eine Vokabel, die an die Nürnberger Rassengesetze der NS-Zeit denken lässt.
Reemtsma erkennt darin einen Grundmechanismus: „Man verfolgt Menschen, man misstraut ihnen. Weil man sie verfolgt, fühlt man sich von ihnen bedroht, überwacht sie und verfolgt sie weiter.“ So setzen sich die Ressentiments durch sich selbst fort.
Ein Muster, das sich auch im späten 19. Jahrhundert findet, als der preußische Historiker Heinrich von Treitschke die „vulgäre, antijüdische Agitationssprache akademisch salonfähig macht.“ Judenhass wird nun nicht mehr religiös, sondern biologisch begründet. Antisemitismus, Reemtsma hebt es hervor, passt sich dem „herrschenden Jargon“ und die „umlaufenden weltanschaulichen Gegebenheiten an.“ Der Selbstbezug halte ihn zusammen. Reemtsma macht klar: Der Antisemitismus stiftet erstaunlich schnell Gemeinschaften über Bildungs-, Klassen- und Ländergrenzen hinweg allein aufgrund des Ressentiments. Eine Gemeinschaft, die Macht verspricht, Macht auch, andere zu zerstören.
Kurz geht der Professor auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober ein. Er sieht darin eine Zäsur. In Kriegen geschähen überall furchtbare Dinge. Aber man rühme sich ihrer nicht, sie würden, wenn sie herauskommen, geleugnet, vertuscht, bagatellisiert. Die Hamas hingegen habe die exzessive Brutalität propagandistisch genutzt. „Sie hat im Westen eine antijüdische Welle ausgelöst, die sich affirmativ auf diese Mordorgie bezogen hat“, so Reemtsma mit Blick auf „sich linksverstehende Gruppierungen, die sich pro-palästinensisch nennen“.
Wer sich jetzt den Gruppen anschließe, die dieses Massaker feiern, so Reemtsma weiter, „steht tatsächlich in der Tradition des massenmörderischen und, wie man so sagt, eliminatorischen Antisemitismus“.