Die beiden wichtigsten Männer bei Werder Bremen können sich noch gut an bessere Zeiten erinnern. Sport-Geschäftsführer Clemens Fritz war selbst als Spieler dabei, als Werder vor fast 20 Jahren im Oktober 2006 zuletzt ein Heimspiel gegen den FC Bayern München gewann (3:1).
Und auch der neue Trainer Daniel Thioune erzählte bei seiner Vorstellung im Weserstadion erst einmal, wie er die erfolgreiche Rehhagel-Ära als Kind an der Seite seines Werder-verrückten Vaters erlebte. Wie ihm „der verschossene Elfmeter von Michael Kutzop damals wehgetan und mich das Einwurftor von Uwe Reinders gegen Jean-Marie Pfaff zum Applaudieren gebracht hat“, sagte er. Damals war Werder gegen Bayern noch ein Duell auf Augenhöhe, waren die Bremer in der Fußball-Bundesliga der Bayern-Jäger Nummer eins.
Das ist längst vorbei. Von den vergangenen 36 Pflichtspielen gegen den deutschen Meister hat Werder nur eines gewonnen. Der alte Nord-Süd-Gipfel an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) wird in Bremen vor allem als Lückenfüller vor den eigentlich wichtigen Aufgaben angesehen: den beiden Abstiegskampf-Duellen beim Tabellenvorletzten FC St. Pauli (22. Februar) und gegen den Tabellenletzten 1. FC Heidenheim (28. Februar) direkt danach.
So will der neue Werder-Trainer das aber nicht stehenlassen. „Mit reicht es nicht, zu sagen: Wir fangen nächste Woche gegen St. Pauli an, Fußball zu spielen“, sagte Thioune. „Wenn man die Chance hat, gegen die Bayern zu spielen, sollte man die beste Version von sich selbst sein.“
Konkret orientiert er sich dabei an den beiden Abstiegskampf-Konkurrenten Hamburger SV und FC Augsburg. Beide ärgerten die Bayern Ende Januar in nur einer Woche. Beide zusammen kosteten den souveränen Tabellenführer fünf seiner bis dahin elf Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund.
„Wenn der FC Bayern München einen Sahnetag hat, dann gibt es aktuell wenige Mannschaften in Europa, die da auf Augenhöhe agieren oder sie sogar schlagen können“, sagte Thioune. „Was man aber braucht, ist eine Einstellung zum Spiel. Diese Erkenntnis habe ich bekommen, als der HSV gegen die Bayern gespielt hat und als der FC Augsburg gegen die Bayern gespielt hat. Man hat jeden Moment genutzt, um zu zeigen: „Heute hier nicht! Bis hierhin und nicht weiter!”“
Einer, der dabei helfen könnte, ist Samuel Mbangula. Der 22-jährige Belgier ist eine der großen Werder-Mysterien dieser Saison. Zehn Millionen Euro kostete der Flügelstürmer im vergangenen Sommer. Damit investierten die Bremer einen Großteil ihres Transferbudgets in nur einen einzigen Neuzugang von Juventus Turin. Die Folge bislang: Hohe Erwartungen, die enttäuscht wurden. Und Geld, das für andere Verstärkungen fehlte.
Vor dem Bayern-Spiel sprach Thioune erstmals ausführlich über Mbangula - und machte ihm dabei eine klare Ansage wie auch neue Hoffnungen zugleich.
„Das Gespräch mit Sam hat natürlich stattgefunden von meiner Seite“, sagte Thioune. Und es sei „sehr offen“ gewesen. „Wenn man für so einen Spieler ein paar Chips auf den Tisch legt, dann hat er eine gewisse Qualität.“ Und er finde: „Wenn ein Spieler von seiner Qualität auf dem Platz steht, dann muss er den Unterschied ausmachen.“ Das war bislang zu selten der Fall.
Was der Trainer von seinem teuersten Transfer sehen will, ist: mehr Engagement im Training. „Er muss zusehen, dass er weiter fleißig und beharrlich arbeitet und dann auch ins Qualifying mit allen anderen geht“, sagte Thioune. „Das hat er diese Woche getan. Das hätte ich mir in den ersten zwei Tagen mehr gewünscht von ihm. Aber ich glaube, wir werden alle noch sehr viel Freude an ihm haben.“ Vielleicht sogar schon gegen die Bayern.
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