Zum ersten, zum zweiten und zum dritten: verkauft. Der Bulle Maxl hat einen neuen Besitzer gefunden. Seine Versteigerung verlief genau so, wie man es aus Filmen kennt. Von dem schnellen Murmeln des Auktionators bis hin zu den gelben Bietertafeln. Zwischen Stall und Ring steht beim Ansbacher Viehmarkt vieles auf der Agenda. Die FLZ war dabei.
Eine eisig kalte Brise weht an diesem Morgen über den Ansbacher Stadtteil Eyb. In der Rezathalle laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Es ist Großviehmarkt. Albrecht Strotz, ehemaliger Zuchtleiter, steht schon auf dem Parkplatz. Als Begleitperson ermöglicht er den Zutritt in die Heiligen Hallen des Rinderzuchtverbands Franken.
Es riecht nach Rindern, nach dem Stroh, auf dem sie es sich in den Stallungen bequem machen und nach den Sägespänen, die den Boden des ovalen Rings bedecken. Dort, wo die Rinder später vorgeführt werden. Die Holzbänke der Tribüne sind noch leer. Dort, wo später die Käufer sitzen. Es ist friedlich – die Ruhe vor dem Sturm. Wer genauer hin hört, kann den dumpfen Geräuschen der Maschinen und dem Muhen der Tiere in der Halle nebenan lauschen. Auf der hellbraunen Bodenschicht stampft ein rund 600 Kilogramm schwerer Bulle gemächlich auf das Oval. Groß, stattlich, muskulös: Bullen der Rasse Fleckvieh, in braun und weiß. „Fleckvieh ist in Bayern die dominierende Rasse“, sagt Strotz als die Tiere einlaufen.
Mit kritischen Augen werden sie bei der Körung begutachtet. Diese ist Voraussetzung, um als Zuchtbulle eingetragen zu werden. Dabei werden Körperbau und Gang des Tieres bewertet und notiert. „Es geht um die inneren Werte“, sagt der ehemalige Zuchtleiter. Um das Genom, das Erbgut, das ist letztlich entscheidend.
Noch etwas schleppend, ein bisschen stur, lassen sich die Bullen mit einem weiß-blauen Seil am Nasenring mitziehen. Ohne diesen stählernen Ring dürfen sie nicht geführt werden, sagt Strotz. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Durch die großen Fensterfronten der Rezathalle strahlt die Wintersonne direkt auf den Ring. Rinder reagieren besonders sensibel auf derartige Lichtveränderungen, erzählt Strotz. Die Sonne irritiert sie. Neben den individuellen Charakteren sei dies mit ein Grund für die anfängliche Nervosität und Sturheit. Stressig ist so ein Markt für Tier und Mensch allemal.
Um 4 Uhr starteten die Bullen Maxl Eins und Maxl Zwei mit ihrem Besitzer Stefan Föttinger in den Tag. „Die heißen alle Maxl bei mir“, sagt er über seine Zuchtbullen. Seine Kühe hingegen haben individuelle Namen. „Wir haben momentan mit J viele.“ Der Anfangsbuchstabe verrät die familiäre Herkunft. Rund 200 Tiere hat er insgesamt im Stall. Von Wettelsheim im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen aus machte sich Föttinger mit den beiden Maxls und sieben Kühen gegen 5.45 Uhr auf den Weg zum Viehmarkt. „Damit ich vor der Rush-Hour nach Ansbach komme“, sagt der Landwirt.
Dort angekommen steht für die Tiere die erste Station an. Noch bevor sie die Halle betreten, werden sie medizinisch unter die Lupe genommen. Eingeführt wurde die medizinische Untersuchung, damit keine Seuchen auf dem Markt verbreitet werden. Heute werden die Tiere umfassender untersucht.
Entspannt, aber skeptisch blicken die Rinder die Veterinäre an. Warme Luft dampft aus ihren Nüstern, ein Schnauben ist zu hören. Ein paar Meter weiter werden sie gewogen und ihnen wird die Versteigerungsnummer mit Tinte auf das Hinterteil gestempelt. Für die Maxls geht es danach direkt in die Waschanlage. Dort werden sie ordentlich geschrubbt, bis sie sauber sind und ihre Löckchen sitzen.
Bei den Kühen wird vorher eine Milchprobe aus den Zitzen entnommen. Für den Einsatz in der Milchproduktion ist das von großer Bedeutung. Bei der Wahl der Kuh achten Landwirte auch auf die Form der Zitzen, erzählt Strotz. Welche Form bevorzugt wird, ist abhängig von der Melkmaschine des Betriebs und den Anforderungen an das Tier.
Manch eine Kuh ist dafür augenscheinlich noch nicht bereit. Zu viele Eindrücke müssen sie sammeln. „Sie haben auch ein bisschen eine andere Wahrnehmung“, sagt Veterinärin Dr. Ursel Engels, die am Rand des Geschehens steht. Die Sehschärfe der Tiere ist nicht so gut wie die der Menschen. Deshalb benötigen die Rinder länger, um sich an ihre neue Umgebung und die Lichter zu gewöhnen. In der Halle irritieren vor allem die hellen Reflexionen der Metallstangen für einen kurzen Augenblick, erzählt Engels. Fünf Mann reden der Kuh gut zu, sich zu bewegen – lange ohne Erfolg.
Von der Kälte geht es nun endlich in den warmen Stall. Freudig springen die Kühe umher, auf dem Weg zu ihrem Platz. Im Gegensatz zu den männlichen Tieren dürfen sie das, erzählt Strotz. Ganz ungefährlich sind die großen Bullen eben nicht. Und typisch Mann: sich aufplustern gehört dazu. Mit ihrem Alter von zwölf bis 15 Monaten seien die Bullen vergleichbar mit einem jungen Erwachsenen. Etwa mit einem 16-Jährigen oder 18-Jährigen, sagt Strotz. Ein Jungspund, von dem sich die älteren Kühe erst einmal nichts sagen lassen, erzählt er. Deshalb sei die Größe und Kraft umso entscheidender. Die beiden Maxls haben es sich mittlerweile mit allen anderen Bullen im Stall bequem gemacht.
Sie sind fertig mit der Körung, Ruhe ist eingekehrt. Nicht ein einziges Muhen geben sie von sich. Zwei der Tiere machen es sich auf dem Boden bequem. Sie sind in der Reihenfolge der Versteigerung aufgestellt. Nummer Eins sei der Beste. Nach und nach trudeln interessierte Käufer in den Stallungen ein und schauen sich die Tiere von nahem an.
Es ist 10.30 Uhr: Die Geräuschkulisse nimmt Fahrt auf. Langsam füllen sich auch die kalten Bänke der Tribüne. Zuschauer wuseln durcheinander, Züchter machen sich bereit. Albrecht Strotz nimmt ganz oben Platz. Viele Zuschauer kennen den ehemaligen Zuchtleiter. Wenn Strotz in den Zuschauerreihen sitzt, gehen einige davon aus, dass heute viel Geld im Spiel sein wird, erzählt er. Ein Pracht-Bulle kann schon einmal einen Preis im fünfstelligen Bereich erzielen. Das kommt meist zustande, wenn Besamungsvereine gegeneinander bieten. An diesem Vormittag ist das aber nicht der Fall.
Mit besonders „rahmigen“ Bullen – also großen und breiten –, die „genetisch hornlos“ sind, startet die Versteigerung. Maxl Eins marschiert als Zweiter brav in den Ring. Er wird von Landwirt Stefan Föttinger geführt. Wie bei einem Hund wird das Laufen am Strick vorab geübt. Das Duo läuft solange im Ring, bis Maxl versteigert ist.
Über das Mikrofon nennt der Auktionator den aktuellen Preis des Tiers. Er spricht sehr schnell. Im Sekundentakt erhöht sich der Preis. Nur selten nimmt man als Zuschauer das Signal der konzentrierten Bieter wahr. Auf der Empore hat der Auktionator einen besseren Blick. Zu Beginn der Versteigerung erhält jeder Bieter am Eingang eine knallgelbe Tafel mit einer Nummer zugeteilt. Weit in die Höhe wird die Tafel nicht gestreckt. Ganz lässig stellen die Landwirte in der ersten Reihe den gelben Kreis auf dem Holzgeländer ab. Manchmal bleibt sie bis zum Ende stehen. „3400 Euro zum ersten, zum zweiten und zum dritten.“ Maxl Eins ist verkauft.
Mit mehr Leben wird der Ring bei der Versteigerung der Kühe gefüllt. Erneut laufen sie frei, rennen in das Oval und springen hin und her. Neugierig kommen sie ganz nahe an die Zuschauer. Sie stecken ihre feuchte Nase durch den Zaun, lassen sich kraulen und posieren für Fotos. Die weißen Flecken ihres Fells schimmern im Licht. Nachdem die Versteigerung vorbei ist, geht es für die Rinder direkt auf ihren neuen Hof. Wem eine längere Fahrt bevorsteht, der muss teilweise noch eine Nacht in den Ställen der Rezathalle verbringen. Die Ruhezeiten müssen eingehalten werden, sagt Föttinger.
Maxl Eins könnte davon betroffen sein. Für ihn geht es nach Belgien. Die neue Heimat des zweiten Bullen aus Wettelsheim ist künftig die Oberpfalz. Stefan Föttinger hofft, dass es seinen Tieren „im neuen Stall genauso gut geht“. Mit der Versteigerung ist er jedenfalls zufrieden. Seine Bullen haben einen höheren Preis erzielt als erwartet. „Die Nachfrage nach Zuchtbullen war dieses Mal besonders groß“, sagt er im Nachhinein. Einige Bieter mussten mit leeren Händen nach Hause gehen, „die Bullen haben nicht gereicht“. Sie müssen sich bis Mitte Januar gedulden, wenn der nächste Großviehmarkt ansteht.
Regelmäßig erreichen die Redaktion E-Mails zu den aktuellen Kälber- und Großviehmärkten. Darüber, welche Tiere am meisten gefragt waren und welche Preise sie erzielten. Und oft hat sich das Redaktions-Team gefragt, wie die Märkte ablaufen. Wie die Stimmung dort ist, das Ambiente, die Agenda. Ist es wie in Hollywood-Filmen – laut, hektisch und theatralisch – oder doch ganz im Gegenteil? Die Zeit war reif für einen Besuch. Jedoch nicht bei den Kälbern, sondern den ganz großen Tieren. Ein paar Anrufe und Tage später hat ein Mitarbeiter des Rinderzuchtverbands Franken diesen Besuch ermöglicht.